In den "gern-geschehen-Beuteln", einem Geschenk für Obdachlose, sind eine positive Botschaftskarte und Dinge des Alltags wie Wundpflaster, Rettungsdecke, Desinfektionstücher und Müsliriegel. Aber der Verschenker muss auch mindestens fünf Euro reinstecken, denn die Empfänger brauchen vielleicht gerade etwas anderes als Handgel.
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In den "gern-geschehen-Beuteln", einem Geschenk für Obdachlose, sind eine positive Botschaftskarte und Dinge des Alltags wie Wundpflaster, Rettungsdecke, Desinfektionstücher und Müsliriegel. Aber der Verschenker muss auch mindestens fünf Euro reinstecken, denn die Empfänger brauchen vielleicht gerade etwas anderes als Handgel.

Bad Homburgerin startet Hilfsprojekte für Obdachlose

Wer richtig hinschaut, der hilft bereits

  • Sabine Münstermann
    VonSabine Münstermann
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Bad Homburgerin gründet Hilfsorganisation zugunsten Obdachloser. Zwei Projekte sollen helfen, nämlich der "gern-geschehen-Beutel" und ein Leseprojekt für Grundschulen.

Bad Homburg -Als Einigungsstellen-Vorsitzende, Mediatorin und Schlichterin im Arbeitsrecht hat Dr. Katja Mückenberger (49) einen erfüllenden Beruf - und auch einen, der sie quer durch die Republik befördert. Mal sitzt sie im Zug, mal im Flugzeug, je nachdem, wo es gerade "brennt" und wie schnell sie irgendwo sein muss.

Auf den Bahnhöfen und Flughäfen begegnet sie natürlich nicht nur Geschäftsleuten und Touristen, sondern auch Bettlern und Obdachlosen. Mückenberger spricht mit ihnen, fragt nach ihren Geschichten. Diese Begegnungen "berühren mich immer wieder", sagt die Bad Homburgerin, denn so sehr sich die Umstände, die zur Obdachlosigkeit geführt hatten oder die Nöte, in denen sich jeder und jede einzelne befände, unterschieden, in einem seien sich die Wohnsitzlosen einig: "Sie bekommen zwar immer wieder den einen oder anderen Euro. Irgendwie will sie aber keiner wirklich sehen." Seit Jahren nagt das an Mückenberger und sie überlegt, was sie selbst tun kann, um zu helfen. Aber wie das so ist: "Irgendwie kam ich mit Beruf, Mann und zwei Kindern dann doch nicht dazu."

Doch dann kam "dieser grauenvolle Winter". Sie hatte sich fest vorgenommen, sagt Mückenberger, sich als Freiwillige für den Frankfurter Kältebus zu melden. Für all jene, die es nicht wissen: Der Kältebus steuert in der kalten Jahreszeit bekannte Plätze von Obdachlosen an und versorgt sie mit Decken, Isomatten und Heißgetränken. Mückenberger bewarb sich tatsächlich, musste aber schnell feststellen, dass der Job kein Ehrenamt, sondern eine Festanstellung war.

Also grübelte sie weiter. Grübelte auch, als sie mal wieder an einem eiskalten Tag einen Intercity bestieg. Als plötzlich eine junge Frau in ihr Abteil schaute, offenkundig obdachlos, und auch in völliger Panik. "Die öffentlichen Toiletten in den meisten Bahnhöfen sind kostenpflichtig, und so mancher Obdachlose huscht dann mal in einen Zug vor dessen Abfahrt, weil der Toilettengang da ja kostenfrei ist", sagt Mückenberger.

Der Zug sei dann allerdings abgefahren und nun war die Not groß. Nicht nur, dass die Unbekannte kein Ticket hatte bis zum nächsten Bahnhof, sie hatte auch kein Geld für ein Ticket für die Rückfahrt zum Frankfurter Bahnhof. Von Geld für eine Unterkunft, um die kalte Nacht nicht auf der Bank verbringen zu müssen, mal ganz abgesehen. "Sie war so verzweifelt, weinte, sagte immer wieder, sie wolle mich und die Dame, die mit mir im Abteil saß, nicht belästigen, es war wirklich eine ganz arme Seele", erinnert sich Mückenberger.

Organisationsname ist Programm

Am Ende drückte die Schaffnerin ein Auge zu ("Wir sind doch keine Unmenschen!"), Mückenberger und die Mitreisende spendierten das Geld für die Unterkunft - "25 Euro" - und als die obdachlose Frau aus dem Zug ausstieg, drehte sie sich um und sagte zu Mückenberger: "Ich danke Dir und umarme Dich!" Wie sie das so gesagt habe, "das hat was in mir ausgelöst, das war der Moment, in dem ich gesagt habe, ich muss selbst und aktiv etwas tun, ich muss selbst hinschauen".

Und "hinschauen", das ist denn auch der Name der Organisation, die sie ratz, fatz gründete und deren Name echt Programm ist. Denn es geht genau darum: Hinzusehen! Wie Mückenberger mit Blick auf am Bürgersteig sitzende Obdachlose auf der Homepage von "hinschauen.org" schreibt: "Hier sitzt ein Mensch, auch wenn wir diesen kaum bemerken und eilends vorbeigehen. Schauen wir hin, schenken ein nettes Wort, ein Lächeln. Einfach die Freundlichkeit, die wir uns für uns selbst wünschen. Das ist hinschauen." Denn Mückenberger ist davon überzeugt, dass das Hinschauen auch etwas verändert "in unseren Köpfen, bei unserer Haltung zu und unserer Wahrnehmung von Obdachlosigkeit". Es müsse ja nicht immer die große Charity-Veranstaltung sein, ein nettes Wort reiche oft schon.

"Gern-geschen-Beutel"mit Dingen des Alltags

Aber natürlich sind Obdachlose auch auf materielle Unterstützung angewiesen, da macht sich Mückenberger nichts vor. Deswegen hat sie zwei Projekte ins Leben gerufen, die Obdachlosen zugute kommen.

Projekt eins: Das Buch für Kinder im Grundschulalter "Ein mittelschönes Leben" von Kirsten Boie über die Obdachlosigkeit. Damit Grundschüler eben auch hinschauen. Mückenberger will interessierten Grundschulen je ein gebundenes Buch und eine Taschenbuchausgabe schenken - verbunden mit der Bitte, dieses Thema in den Unterricht zu integrieren. Mit 50 Schulen in ganz Deutschland ist sie bereits im Gespräch, in Bad Homburg auch mit der Buchhandlung Supp.

Projekt zwei: Der "gern-geschehen-Beutel", ein Geschenk für Obdachlose. Im Beutel sind eine positive Botschaftskarte und Dinge des Alltags wie Wundpflaster, Rettungsdecke, Desinfektionstücher. Aber der Verschenker muss auch mindestens fünf Euro reinstecken, denn die Empfänger brauchen vielleicht gerade etwas anderes als Handgel. "Ja, mag sein, dass der eine oder andere sich Alkohol davon kauft. Aber ich bin nicht hier, um zu urteilen."

Die Beutel - wie gesagt, fünf Euro noch reinstecken, dann in die eigene Tasche tun und dann verschenken, wenn man jemandem begegnet, der ein passender Empfänger sein könnte - können über die E-Mail-Adresse mueckenberger@hinschauen.org bestellt werden. Natürlich wird auch finanzielle Unterstützung für die Beschaffung der Beutel gern genommen - auch dazu bitte eine E-Mail zwecks Kontaktaufnahme schicken oder Geld überweisen an: Taunus Sparkasse Bad Homburg, Dr. Katja Mückenberger - Hinschauen, DE29 5125 0000 0066 4871 99

Wichtig: "Wir können keine Spendenquittungen erteilen", sagt Mückenberger. Der Grundgedanke von "hinschauen.org" - den Blick der Gesellschaft verändern - stelle nach erfolgter Prüfung durch das Finanzamt nämlich leider keinen mildtätigen oder gemeinnützigen Zweck im Sinne der Abgabenordnung dar.

Von Sabine Münstermann

Für das Buch "Ein mittelschönes Leben" von Kirsten Boie über Obdachlosigkeit sollen Grundschüler interessiert werden, um sich früh mit dem Thema Obdachlosigkeit zu befassen.

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