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Wie ein Stempelhersteller Impfbetrug verhindert

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Von: Alexander Schneider

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Lieber lehnt Matthias Gronkiewicz Stempelaufträge von angeblichen Ärzten ab, als dass er, wenn auch völlig legal, damit Geld verdient.
Lieber lehnt Matthias Gronkiewicz Stempelaufträge von angeblichen Ärzten ab, als dass er, wenn auch völlig legal, damit Geld verdient. © as

Bei Matthias Gronkiewicz gehen immer mehr verdächtige Aufträge ein

Bad Homburg -Niemand arbeitet gerne umsonst. Auch nicht Matthias Gronkiewicz, der in Bad Homburg den Online-Stempeldienst SteLog betreibt. Und dennoch muss er es teilweise tun. Was ihn etwas tröstet: Teilweise arbeitet er zwar umsonst, aber nicht vergebens. Immerhin trägt er damit, dass er immer häufiger Stempelaufträge ablehnt, dazu bei, dass mit falschen Impfnachweisen weniger Schindluder getrieben wird.

Dass Ärzte und auch Impfzentren online Stempel bestellen, sei nicht ungewöhnlich, sagt er. Ungewöhnlich sei es jedoch, wenn Besteller und Arztpraxen unterschiedliche Adressen haben. Gronkiewicz befällt bei solchen Bestellungen ein ungutes Gefühl. In etwa 550 Fällen seit Januar 2021 hatte er das bis jetzt zu Recht, denn in diesen Fällen handelte es sich um Versuche, mittels gefälschter Impfzeugnisse zu betrügen.

Dabei könnte niemand Gronkiewicz einen Vorwurf daraus machen, dass er seinem Beruf nachgeht. Weder das Herstellen von Stempeln noch deren Bestellung und Erwerb sind strafbar. Strafbar wird es erst, wenn der Stempel betrügerisch und sogar gesundheitsgefährdend verwendet wird.

Dem möchte Gronkiewicz jedoch nicht Vorschub leisten. Deshalb lehnt er verdächtige Aufträge ab, auch wenn ihn die Prüfung pro Tag zwei, oft auch drei Stunden Zeit kostet, die ihm niemand bezahlt. Er arbeitet mit "Kommissar Google" zusammen, nutzt bei ausländischen Bestellern die Übersetzungsfunktion seines Handys, um festzustellen, ob es die Doktoren überhaupt gibt. Er versucht dann, telefonisch herauszufinden, ob mit dem Auftrag alles in Ordnung ist, darf zwar fragen, ob ein Stempel in Auftrag gegeben wurde, nicht aber ob der Arzt ein gewisse "Maximiliane Musterfrau in Musterstadt" kennt - Datenschutz.

Häufig handele es sich bei den Arztpraxen um Fake-Adressen, fast noch häufiger aber gibt es sie tat-sächlich, aber nicht den dazugehörigen Auftrag. Das ist Identitätsdieb-stahl. "Ich warne die Ärzte dann und rate, Strafantrag zu stellen", sagt Gronkiewicz. Erst wenn Polizei und Staatsanwaltschaft tätig werden und es ein Auskunftsersuchen gibt, darf er auch den Auftraggeber nennen.

Nicht selten komme es vor, dass nicht versandte Stempel angemahnt werden. Auch die Ausreden ertappter Besteller seien teilweise kreativ, wie Gronkiewicz erzählt. Dann sei der Stempel ein "Spaßstempel" für die kleine Nichte, die ihn für ihren "Arztkoffer" brauche.

Die Recherchen lassen Matthias Gronkiewicz bisweilen ratlos zurück. So habe das Gesundheitsamt eines Landkreises einen hochoffiziellen Stempel an eine Privatadresse bestellt. Nachfragen, ob das sein könne, seien mit "kann sein, das geht schneller als über den offiziellen Weg" beantwortet worden. Der Stempel wurde nicht geliefert, "das Amt hat sich später bei mir bedankt und mitgeteilt, dass es keine Bestellung gab", erzählt der Bad Homburger.

Geschützte Layouts für Arztstempel gibt's nicht

Gronkiewicz weiß, dass viele Kollegen ein Problem damit haben, Kontrollaufgaben zu erfüllen, die eigentlich von anderen erledigt werden müssten. Er verbindet damit keinen Vorwurf an Polizei, Staatsanwaltschaft oder Gerichte, die seien natürlich an Recht und Gesetz gebunden, "und wenn es noch keinen Betrug gibt, weil wir ihn verhindern, kann auch keiner verfolgt werden." Allerdings wisse er auch von Kolle-gen, die für Versandhändler arbeiten und Druck bekämen. "Bevor sie von der Liste gestrichen werden, machen sie die Stempel eben . . ."

Matthias Gronkiewicz sieht, abgesehen von der verlorenen Zeit, die er mit der Recherche verbringt, eine ganze Reihe von Problemen: Oft ist die Betrugsabsicht aufgrund von gemailten "dummdreisten" Fotokopien leicht zu erkennen, aber nicht immer: "Geschützte Layouts für Arztstempel gibt es nicht, da die Daten einfach in die Bestellmaske eingetippt werden", sagt er. Auch eine Liste mit allen Arztpraxen helfe nur bedingt, schließlich gebe es ja auch rechtmäßige Bestellungen.

Das größte Problem aber liegt für ihn im System: Würden nämlich die Impfzentren, so wie es viele impfende Hausärzte längst tun, den Impflingen gleich nach dem Piks den QR-Code aushändigen, wären, so Gronkiewicz, "alle Spatzen gefangen". Dann müsste niemand mehr mit seinem gelben Heftchen, das oft genug so falsch ist wie der Arztstempel, in die Apotheke gehen und sich den Code für die CovApp ausdrucken lassen.

Bei dem schnelltestbedingten Andrang, der momentan in den Apotheken herrsche, könnten all die Impfzertifikate gar nicht konsequent auf Echtheit geprüft werden, manche zierliche Apothekenkraft scheue sich vielleicht auch davor, sich mit dem Zweimetermann auf der anderen Seite des Tresens anzulegen. Das gelte auch für Kontrollen in der Gastronomie.

Von Alexander Schneider

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