Die ehemaligen Personalwohnungen an der Klinik Wingertsberg sind schon länger Gegenstand von Verkaufsverhandlungen. Etliche stehen leer, viele Bewohner, wie Christina Gabelmann-Henz (rechts) sind frustriert. Auch ihre Schwester Sylvia Gabelmann ist sauer. Foto: hko
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Die ehemaligen Personalwohnungen an der Klinik Wingertsberg sind schon länger Gegenstand von Verkaufsverhandlungen. Etliche stehen leer, viele Bewohner, wie Christina Gabelmann-Henz (rechts) sind frustriert. Auch ihre Schwester Sylvia Gabelmann ist sauer.

Wohnungsmarkt

Belastende Situation für Wingertsberg-Bewohner in Bad Homburg

  • Harald Konopatzki
    VonHarald Konopatzki
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Seit Jahren wird über die Wohnungen am Wingertsberg in Bad Homburg verhandelt – mit gravierenden Folgen für Gebäude und Bewohner.

Bad Homburg – Eigentlich ist der Wingertsberg oberhalb des Kurparks eine traumhafte Wohnlage. Zentral gelegen und doch mitten im Grünen. Wer den Weg bergab in Richtung Park läuft, kommt an schicken Häusern vorbei und kann in der Ferne die großen Homburger Kirchen auf der einen und die Europäische Zentralbank auf der anderen Seite sehen. Auf dem Berg, wo einst das Schlösschen stand, wurde nach dessen Abriss in den 1960ern die heute weithin sichtbare Klinik errichtet. Ihr zur Seite entstanden Personalwohnungen, in denen die Angestellten in Arbeitsplatznähe und für vergleichsweise wenig Geld wohnen konnten.

Seit sieben Jahren sind diese 116 Wohnungen Spekulationsobjekt. Die Deutsche Rentenversicherung Bund, die die Klinik betreibt, will / soll sie loswerden, weil Wohnungen im Portfolio des Konzerns nichts zu suchen haben.

Immer wieder Verhandlungen um Wohnungen in Bad Homburg am Wingertsberg

Die Stadt sprach sich 2014 dagegen aus, die Wohnungen selbst zu übernehmen, und favorisierte den Verkauf an eine Genossenschaft, um den vergleichsweise preiswerten Wohnraum dauerhaft zu sichern. Seitdem herrscht Tauziehen. Immer wieder war von Verkaufsverhandlungen mit der Hochtaunusbau zu hören, immer wieder gab es Wasserstandsmeldungen, die auf einen baldigen Vollzug oder zumindest voranschreitende Verhandlungen hoffen ließen. Dinner for One, nicht nur zu Silvester.

Passiert ist trotzdem einiges, nur eben nicht zum Positiven. Denn offenbar wird der Poker auf dem Rücken der Mieter ausgetragen. Das zumindest sagt Christina Gabelmann-Henz, die seit 14 Jahren am Wingertsberg wohnt.

"Früher war es hier schön und gepflegt, mittlerweile stehen viele Wohnungen leer - es kümmert sich keiner mehr." Sie erzählt von eigenen Erfahrungen: "Unsere Terrassentür schließt seit dem Frühjahr nicht mehr richtig und auch der Rollladen war defekt." Letzterer ist nicht mehr defekt - er ist nicht mehr da. "Er wurde im Mai ausgebaut und mitgenommen. Seitdem warten wir."

Schimmel und Leerstände am Wingertsberg: Bewohner in Bad Homburg sehen dringenden Sanierungsbedarf

Die leerstehenden Wohnungen würden nicht gelüftet und kaum beheizt, "ein guter Nährboden für Schimmel". Gabelmann-Henz und ihre Schwester Sylvia Gabelmann, in der vergangenen Legislaturperiode Bundestagsabgeordnete für die Linken, zeigen auf dunkle Verfärbungen an den Fassaden über einigen Fenstern. "Das ist Schimmel", sind sie überzeugt. Auch bei den Versorgungsleitungen sehen die beiden dringenden Sanierungsbedarf.

Nicht nur viele Wohnungen stehen leer, auch das Haus, das einst für die Klinik-Leitung vorgesehen war und später dem Elternservice diente, in dem sich Gabelmann-Henz engagierte. "Das steht seit zwei bis drei Jahren leer und würde locker 2000 Euro Miete pro Monat bringen." In der Tat: Der Bungalow mit einer Grundfläche von rund 170 Quadratmetern (ohne Garage) liegt laut Katasterkarte auf einem 900 Quadratmeter großen Grundstück. Allein das wäre schon ein Filetstück auf dem Immobilienmarkt.

Belastende Situation für Bewohner am Wingertsberg: „Angst, dass man sich die Miete nicht leisten kann“

Die unklare Zukunft und der Sanierungsstau gehen an die Nerven. "Manche wohnen hier seit 50 Jahren, es hat sich eine Gemeinschaft entwickelt, man hilft sich." So gebe es Hilfe bei Arztbesuchen und Einkaufsdienste. Das erodiere immer mehr, weil freie Wohnungen nicht mehr neu vermietet würden.

Dabei hätten sich auch kuriose Konstellationen entwickelt. "Eine Dame beispielsweise hat sich zwei benachbarte Ein-Zimmer-Wohnungen gemietet." Ob das nach einem Verkauf so bleiben könne? Informationen über den Sachstand gebe es seit 2019 nicht mehr. Mittlerweile hätten viele Sorgen, was ein neuer Eigentümer mit dem Ensemble macht. "Die Angst ist da, dass man sich dann die Miete hier nicht mehr leisten kann."

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Wohnungen am Wingertsberg in Bad Homburg brauchen „anständigen Zustand“

Dass sich auch Unternehmen, die sich der eigenen Darstellung nach der Schaffung von bezahlbarem Wohnraum verschrieben haben, bestimmte Chancen nicht entgehen lassen, hat sich 2009 in der Philipp-Reis-Straße gezeigt. Dort waren nach dem Abriss von 58 günstigen Mietwohnungen 30 hochpreisige Eigentumswohnungen entstanden.

Dass man beim Wingertsberg auf eine Lösung drängen wolle, stand schon im Juni im frisch unterschriebenen Koalitionsvertrag. Die in der Verwaltung zuständige Dezernentin Lucia Lewalter-Schoor (SPD) hatte zuletzt im August betont: "Die Stadt muss letztlich sicherstellen, dass die Wohnungen dem Markt in einem einigermaßen anständigen Zustand wieder zugeführt werden."

Wohnsituation am Wingertsberg in Bad Homburg – Politik verschärft den Ton

Nachdem sich Mieter am Wingertsberg in einem offenen Brief an die Politik gewandt haben, wird der Ton jetzt noch einmal schärfer. Die Koalition fordert in einem gemeinsamen Antrag für die Parlamentssitzung Ende Oktober den Magistrat auf, auf die beiden Verhandlungspartner - die Deutsche Rentenversicherung (DRV) in Berlin und die Hochtaunusbau - "einzuwirken, damit die seit Jahren andauernde Hängepartie ein Ende findet".

Was den (möglichen) Verkauf angeht, mauert die DRV gegenüber Politik, Mietern und Presse gleichermaßen. "Die Deutsche Rentenversicherung Bund kann zum aktuellen Stand der Verkaufsverhandlungen über die Mehrfamilienhäuser am Standort Bad Homburg im Hinblick auf die laufenden Gespräche zum jetzigen Zeitpunkt keine näheren Auskünfte geben. Sobald ein Verhandlungsergebnis vorliegt, können weitere Informationen bekannt gegeben werden", hieß es dazu aus Berlin. Erst nach mehrmaligen Nachhaken folgten Antworten auf die Fragen, die mit dem Verkauf primär nichts zu tun haben.

Klinik-Standort Wingertsberg in Bad Homburg vorerst gesichert

Und die zeigen immerhin: Die 2014 als Drohkulisse dienende mögliche Schließung der Klinik - damals bangte man für diesen Fall gar um den Kur-Status - steht nicht zur Debatte. "Mittelfristig wird in der Rehaklinik eine umfassende bauliche Modernisierung durchgeführt. Hierbei wird sowohl die Fassade als auch die Ausstattung des Hauses umfassend erneuert. Die Maßnahme soll die gewohnt hohe Qualität der Rehabilitation und den Standort insgesamt für die nächste Dekade sichern", erklärt Pressesprecher Dr. Dirk von der Heide.

Und was wird getan, um die Bausubstanz der Wohnungen zu erhalten? "Unter Beachtung der Veräußerungsabsicht sind umfassende Investitionsmaßnahmen zurückgestellt, notwendige Instandhaltungsmaßnahmen werden in angemessenem Umfang durchgeführt", so von der Heide. Heißt diplomatisch übersetzt: Man tut nur das, was unbedingt nötig ist. Und überspitzt formuliert: Nicht mehr unser Problem.

DRV überrascht über Leerstand am Wingertsberg in Bad Homburg: Mietinteressenten sollen sich melden

Was den Leerstand angeht, überrascht die DRV jedoch: Auf die Frage, ob die Wohnungen am Markt angeboten werden beziehungsweise wo sich Interessenten melden können, sagt von der Heide: "Interessenten können sich direkt an die Deutsche Rentenversicherung Bund in Bad Homburg wenden."

Auch zum Vorwurf einer mangelnden Information der derzeitigen Mieter nimmt die DRV jetzt Stellung: "Im Verkaufsfall erhalten die Mieter ausführliche Informationsschreiben. Auch in der Vergangenheit gab es auf diesem Weg Informationen an die Mieter. Mieterversammlungen sind aktuell auch wegen der andauernden pandemischen Situation nicht vorgesehen." Zu auftretenden Mängeln erklärt von der Heide: "Mieter melden sich bei Schäden in der Klinik. Schäden werden immer so zügig wie möglich repariert." (Harald Konopatzki)

Schon im Jahr 2017 waren die verwahrlosten Wohnungen am Wingertsberg in Bad Homburg Streitgespräch der Stadt und der Deutschen Rentenversicherung.

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