Kreis startet Postkartenaktion

Zahl der unterzubringenden Kinder steigt: Auf der Suche nach Pflegeeltern

Im Hochtaunuskreis gibt es derzeit 85 Pflegefamilien. Der Kreis ist auf der Suche nach weiteren. Doch was bedeutet es eigentlich, ein Pflegekind aufzunehmen?

Rainer Schmidt ist noch immer sehr bewegt, wenn er an die Zeit zurückdenkt, als er sein Pflegekind kennenlernte, „ein kleines blondes Wuselkind“. 14 Monate alt war die Kleine damals. „Sie musste wegen häuslicher Gewalt aus ihrer Familie raus“, erzählte Schmidt. In einem ersten Schritt baute seine Frau eine Beziehung zu dem Kind auf, er selbst musste aufgrund der bisherigen Lebensumstände des Kindes – es hatte Gewalt des Vaters gegen die Mutter miterleben müssen – zunächst gegen Ablehnung kämpfen. Das ist lange her. „Mittlerweile ist meine Pflegetochter volljährig, macht nach Förderschulbesuch mit qualifiziertem Hauptschulabschluss eine Ausbildung, und ich habe eine gute Beziehung zu ihr“, berichtete Schmidt.

So wie es bei Familie Schmidt gelaufen ist, wünscht es sich das Jugendamt des Hochtaunuskreises. Es hatte zu einer Pressekonferenz eingeladen, da neue Pflegefamilien gesucht werden. Seit ein paar Wochen wirbt der Kreis dafür mit einer Postkartenaktion. „Die Zahl der unterzubringenden Kinder steigt“, sagte Jugendamtsleiter Heinz Rahn. Gleichzeitig sinke die Bereitschaft, ein Kind aufzunehmen, was er mit dem gesellschaftlichen Wandel, etwa der zunehmenden Berufstätigkeit beider Elternteile, erklärte. „Wir haben immer mehr Kinder, die wir gerne in Pflegefamilien unterbringen würden, als Pflegefamilien“, sagte Sozialdezernentin Katrin Hechler (SPD). Derzeit leben im Kreis dauerhaft rund 100 Kinder in 85 Pflegefamilien. Hinzu kommen jährlich rund fünf Kurzzeitpflegen sowie in akuten Notsituationen kurzfristige Bereitschaftspflegen (siehe Info-Text).

Die Teamleiterin des Pflegekinder- und Adoptionsdienstes des Hochtaunuskreises, Simone Irrgang, verschwieg nicht, dass eine Pflegeelternschaft eine herausfordernde Tätigkeit ist: „Die Kinder sind meist schwierig im Verhalten.“ Sie haben in ihrem jungen Leben schon viel miterleben müssen, Gewalt, Bindungsabbrüche, Sucht- und psychische Erkrankungen der Eltern bis hin zur Verwahrlosung. Doch die Pflegeeltern werden mit Schwierigkeiten nicht alleine gelassen. „Wir begleiten die Familien intensiv“, betonte Irrgang.

Eine Pflegefamilie wird zudem für ihre Aufgabe qualifiziert. „Wir lernen die Familien oder Paare intensiv kennen“, sagte Bettina Velte-Pieren vom Pflegekinder- und Adoptionsdienst. „Zunächst gibt es ein allgemeines Informationsgespräch, erst danach folgt eine Eignungsüberprüfung und schließlich ein Seminar.“ Kinderlose Paare – mit oder ohne Trauschein – können sich ebenso bewerben wie solche mit Kindern oder Pflegekindern. Voraussetzung ist, dass sie finanziell abgesichert sind, Raum für ein Kind haben und ausreichend Zeit. Zwar gibt es keine Altersgrenze, „doch gerade für kleine Kinder sollten Pflegeeltern nicht zu alt sein, also nicht im Alter von Großeltern“, erläuterte Irrgang. Die Kinder, die in eine Pflegefamilie gegeben werden, seien in der Regel zwischen 0 und 8 Jahren alt. „Ziel ist, eine Bindung aufzubauen, was bei noch älteren Kinden schwierig ist.“

„Wir suchen immer die passende Pflegefamilie für das Kind und nicht umgekehrt“, betonte Rahn. Deshalb könne es auch sein, dass die eine bereits qualifizierte Familie länger auf ein Kind warte als die andere. Der Kontakt zum Jugendamt wird stets aufrechterhalten. „Wir besuchen die Familien mindestens zwei Mal im Jahr, sind aber in der Regel kontinuierlich in Kontakt“, sagte Velte-Pieren.

Häufig sind die leiblichen Eltern nicht mit der Trennung von ihrem Kind einverstanden. „Wenn sie nicht zustimmen, muss das Familiengericht entscheiden“, erläuterte Velte-Pieren. Lebt das Kind in einer Pflegefamilie, sei der weitere Kontakt zu den leiblichen Eltern durchaus erwünscht. Doch das funktioniert nicht immer. „Bei unserer Pflegetochter ist das Zug um Zug eingeschlafen, sie hat ihre Mutter nun schon rund zehn Jahre nicht mehr gesehen. Dafür bekommt sie immer mal wieder Post von der Oma“, erzählte Schmidt.

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