Stolpersteine

„Die Zeit ist reif“

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Mit dem Denkmal vor der Volkshochschule und der Gedenktafel im Bahnhof wahre man ein würdiges Andenken an Homburger, die in der Nazizeit deportiert wurden, meint die Stadtverwaltung. Eine Initiative von Bürgern sieht das allerdings anders.

Sie leuchten golden im grauen Asphalt, und instinktiv meidet man, darauf zu treten, setzt den Fuß ein Stück weiter. Stolpersteine heißen die Versatzstücke, die an Deportierte des Nazi-Reiches erinnern und vor jenen Häusern ins Pflaster eingelassen werden, in denen die Opfer gewohnt hatten. Der Künstler Gunter Demnig hat schon über 50 000 Steine in 18 Ländern platziert.

Nur nicht in Bad Homburg – „warum nicht?“, hatte bereits der Kieferchirurg Dr. Kater gefragt und vorgeschlagen, eine Initiative zu gründen. Doch die gibt es bereits: Am 10. November 2014 wurde sie von dem Homburger Wirtschaftsingenieur Wolfram Juretzek und Imrich Donath, Mitinitiator der Jüdischen Gemeinde in der Kurstadt, gegründet.

„Die Zeit ist reif“, findet Donath, und Juretzek meint: „Es stünde Bad Homburg gut zu Gesicht, auch Stolpersteine zu haben.“ Schon vor Jahren hatte Donath das Anliegen in den politischen Raum getragen, jedoch nicht für das Projekt begeistern können. Vor zwei Jahren beschäftigte das Thema erneut den Kulturausschuss. Im Herbst 2013 wurde in der Volkshochschule (VHS) ein Arbeitskreis „Zur Erforschung jüdischen Lebens in Bad Homburg“ geboren. Zeitzeugen sollen gesucht und Geschehenes erforscht werden. Vorträge informieren über Aspekte jüdischen Lebens im Kurbetrieb und anderswo.

Auch Juretzek und Donath waren unter den Referenten; im August vorigen Jahres hielt Juretzek einen Vortrag, der über Demnigs Projekt informierte. Der Stein für die Bad Homburger „Initiative Stolpersteine“ kam ins Rollen. Bewusst wählten die Initiativgründer ein Datum, das an die Nacht vor der Reichspogromnacht erinnert. Jetzt versuchen Juretzek und Donath im Hintergrund, die Vorarbeit zu leisten und ein breites Akzeptanzfeld dafür zu schaffen, dass das Projekt in der Kurstadt doch noch realisiert wird. „Politik ist eine Sache, die Bürger sind eine andere“, sagt Juretzek.

Der Initiative soll Schicksale verfolgter Bad Homburger während der NS-Zeit recherchieren und dokumentieren. Das können Juden sein, aber auch Kommunisten, Homosexuelle oder Sinti, sofern es welche gab. Die beiden Initiatoren wissen, dass sie mit ihrer Forschung erst am Anfang stehen. Daher suchen sie noch Mitstreiter – auch solche, die selbst forschen wollen. Aber auch für Hinweise Auswärtiger etwa auf Vorfahren, die aus Homburg fliehen mussten, sind sie dankbar.

Donath ist wichtig, dass nicht nur an die prominenten Deportierten erinnert wird, „sondern wir zum Beispiel auch deportierte Handwerker der Vergessenheit entreißen“. Stolpersteine bergen die Chance, Einzelschicksale in aller Kürze bekannt zumachen. „Was nützt es zu sagen, sechs Millionen wurden ermordet?“, fragt Donath provokant. Es rüttele doch viel mehr am Bewusstsein, zu lesen, dass eine bestimmte Person in jenem Haus in Bad Homburg gelebt hatte und nach Auschwitz deportiert wurde.

Nach der Forschung ist die Realisierung dran. Mit den Initiativen von Stolperstein-Projekten der umliegenden Städte haben sie gesprochen. Die Finanzierung sei nicht das Problem – Donath will persönlich den ersten Stein verlegen. Die Stadt muss allerdings ihre Genehmigung geben. Denn die Steine sollen wie anderswo in die Bürgersteige eingearbeitet werden. Dazu gehört auch, die Hausbesitzer mit ins Boot zu holen. Was, wie Donath aus anderen Städten gehört hat, selten ein Problem ist: „Die meisten beteiligen sich sogar an den Kosten.“

Donath hat indes schon ein neues Ziel: Er möchte ein jüdisches Museum in der Kurstadt verwirklichen.

Die Initiative freut sich über weitere Interessierte, die Lebensläufe erforschen wollen. Kontakt über Wolfram Juretzek, Telefon 01 72–7 30 22 22 oder per E-Mail an wjuretzek@stolpersteine-badhomburg.de. Näheres über die Initiative auch unter

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