Hier stand vor einem Jahr noch dichter Wald, doch Borkenkäfer und Sturm haben Fichten und Buchen nahezu vollständig verschwinden lassen.

"Sie werden erschreckendes sehen"

Ist der Bad Homburger Stadtwald in ernster Gefahr? Förster nennt die Situation dramatisch

Bad Homburg Borkenkäfer, Trockenheit und Stürme verursachen Millionenschaden im Stadtwald - Vorerst keine AufforstungDie Situation im Homburger Stadtwald ist dramatisch. Und wenn Petrus kein Einsehen hat, wird die Situation sich noch weiter zuspitzen.

Bad Homburg - Nein, Freude macht Revierförster Günter Busch seine Beruf derzeit nicht. Denn dem, was im Homburger Stadtwald gerade passiert, steht er hilflos gegenüber. Da ist es für ihn auch kein Trost, dass es seinen Kollegen in ganz Europa nicht besser geht. Bei der Stadtwaldbegehung mit den Homburger Mandatsträgern warnte er daher zu Beginn: "Sie werden Erschreckendes sehen. Der Wald ist nicht mehr so, wie er vor einem Jahr war." Und schob gleich hinterher: "Die Zerstörung des Waldes ist noch nicht zu Ende, wir werden erhebliche Waldverluste haben." Auf rund 20 000 Festmeter Holz schätzte Busch die Gesamtverluste in den 1275 Hektar Stadtwald.

Beim Gang von der Saalburg in Richtung Herzberg dauerte es auch nicht lange, bis jedem klar war, was Busch gemeint hat. Eine großes Geländestück liegt baumlos brach. Grund ist die Trockenheit des vergangenen Jahres. Von April bis November hat es fast überhaupt nicht geregnet. Dieses Defizit ist bis heute nicht wieder aufgeholt worden. Die Trockenheit hat Fichten und Lärchen geschwächt. In der Folgezeit wurden die Nadelbäume von einer Invasion der Borkenkäfer heimgesucht, für die die Trockenheit optimale Lebensbedingungen bot. Und dann fegte am 24. April noch ein tornadoähnliches Unwetter über den Taunuskamm hinweg. Der Sturm wütete nicht nur in Fichtenbeständen, sondern auch in Mischwäldern - was wiederum den Borkenkäfer freute, der sich in dem Sturmholz weiter vermehren konnte.

Bad Homburger Stadtwald: Bäume durch Trockenheit geschwächt

"Wir haben in nahezu jedem Bestand im Stadtwald potenzielle Befallsherde", so Busch. Hat den Fichten vor allem der Borkenkäfer den Garaus gemacht, wurden die ebenfalls von der Trockenheit geschwächten Buchen vom Sturm umgeworfen. Der Ahornbestand ist von der Rußrindenkrankheit befallen. "Die Eichen sind zwar im Moment gesund, aber die Erfahrung zeigt, dass sie drei bis fünf Jahre nach den Buchen anfangen zu kränkeln", erklärte der Förster.

Jetzt ist guter Rat teuer: "Eigentlich müssten wir aufforsten", sagte Busch. Aber womit? Denn in ganz Europa ist die Situation ähnlich, qualitativ hochwertiges Saatgut knapp. Dem, was derzeit angeboten wird, steht Busch skeptisch gegenüber. "Wir haben nach den Stürmen "Wiebke" und "Vivian" 1989/90 versucht, sehr schnell wieder aufgeforstet. Das hat sich nicht bewährt, deswegen lassen wir die Brachflächen erst einmal so, wie sie sind", sagte er, wohlwissend, dass das nicht schön aussieht.

Auch stellt sich die Frage, welche Baumarten man in Zeiten des Klimawandels pflanzen soll. Experten gehen davon aus, dass es bis 2050 keine Fichten mehr in weiten Teilen des hessischen Waldes geben wird, auch die Buche hat sich nicht bewährt, zumal nun auch der sonst eher seltene Buchenprachtkäfer vermehrt auftritt, der in den Beständen wütet. Eine Lösung könnte die Esskastanie sein. Busch hat eine Parzelle vor sechs Jahren als Versuchsstelle auf kargem Waldboden gepflanzt. Sie hat die Wetterkapriolen der vergangenen Monate gut überstanden. "Aber mit der Esskastanie alleine können wir nicht aufforsten, wir wollen keine anfälligen Monokulturen."

Förster blickt sorgenvoll in die Zukunft

Die Frage nach dem Wald der Zukunft ist die eine Sache, ganz aktuell ist noch ein anderes Problem: Wohin mit dem vielen Holz? "Wir könnten den Weg von der Saalburg bis zum Altkönig mit meterhohen Holzpoldern flankieren", verdeutlichte Busch. Dabei sollte doch eigentlich pro Jahr immer nur so viel Holz dem Wald entnommen werden, wie auch nachwächst. "Angesichts der Mengen ist der gesamte Holzmarkt kollabiert", sagte Busch, denn nicht nur im Stadtwald ist die Situation dramatisch, sondern in ganz Europa.

Zumal das Holz schnell aus dem Wald heraus muss, um Borkenkäfern nicht noch mehr Unterschlupf zu bieten. Pilzerkrankungen lassen das gelagerte Holz verfärben und machen es wertlos, wenn es eine Zeitlang liegt. Arbeitskräfte für den Einschlag sind knapp, die Kosten dafür umso höher.

Förster Günter Busch (Mitte) ist das Lachen vergangen. Beim Rundgang mit Homburger Parlamentariern durch den Stadtwald erklärte er, welche immensen Schäden die Trockenheit des vergangenen Jahres angerichtet hat. Fotos: Jochen Reichwein

Immerhin ist es dem Förster gelungen, das meiste Holz auf dem Markt noch loszuschlagen, der Bauboom in China hat es möglich gemacht. Allerdings sind die Preise tief im Keller angelangt. Das Holz muss nahezu verramscht werden. "Wir hätten für diese Holzmengen im vergangenen Jahr eine Million Euro mehr bekommen als jetzt", berichtete Busch.

Auch der Blick in die Zukunft verheißt nichts Gutes, denn die Mengen, die man nun zu viel eingeschlagen hat, muss man in den kommenden Jahren wieder einsparen, entsprechend niedrig werden dann die Einnahmen sein.

"Das einzige, was uns jetzt noch helfen kann ist Regen, Regen, Regen", sagte Busch, "nur dann können wir die Borkenkäferplage eindämmen und dem Wald die Möglichkeit geben, sich langsam wieder zu erholen." Doch danach sieht es derzeit nicht aus.

Die Sorge um den Wald treibt alle Förster derzeit um. Auf der Facebook-Seite Gemeindewald Wehrheim wurde in der vergangenen Woche Folgendes veröffentlicht:

"Die Bekämpfung scheint aussichtslos, zu rasant geht die Entwicklung des Borkenkäfers voran. Man ist so im Katastrophenmodus, dass man schon überlegt, welche Bestände zur Not geopfert werden, weil einfach nicht genug Manpower da ist. Die Grenze des körperlich und mental Erträglichen ist längs überschritten und viele Forstleute funktionieren nur noch durch bloße Willenskraft. Gerade unsere Forstunternehmer wachsen über sich hinaus.

Bauholz nach China verramscht

Wir verramschen bestes Bauholz nach China und müssen noch froh sein, dass es uns überhaupt jemand abnimmt. Oder wir stecken es gleich in den Hacker und produzieren nur Hackschnitzel für ein Heizwerk. Eine volkswirtschaftliche Katastrophe!

Die Frage, wie es nach dem Käfer weitergehen soll, ist unbeantwortet, wird aber ganze Existenzen bedrohen. Nachhaltig nutzbare Holzmengen werden derzeit teilweise um das Zehnfache überschritten. Diese Mengen müssen wieder eingespart werden in den Jahren "danach". Gleichzeitig müssen riesige Flächen aufgeforstet und diese Aufforstungen bezahlt werden. Schwierig, wenn auf der Einnahmenseite nichts stehen kann, weil kein Holz mehr verkauft werden kann. Es mangelt an Allem, an Leuten, an Maschinen, an Verkaufs- oder Lagermöglichkeiten, an Geld. Nur von einer Sache haben wir mehr als genug, und das sind Borkenkäfer.

,Ist ein Wald etwa nur zehntausend Klafter Holz? Oder ist er eine grüne Menschenfreude?' Das hat Berthold Brecht einmal gefragt. Diese Frage kann man so an die Bundespolitik weitergeben. Der Wald muss in den Fokus gerückt werden und das nicht als Holzlieferant, sondern als Klima-, Natur-, Wasser- und Emissionsschützer. In Zeiten des Klimawandels mehr denn je. Dazu benötigen wir Hilfe und zwar dringend!" red

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