1. Startseite
  2. Region
  3. Hochtaunus
  4. Bad Homburg

Jahresempfang in Bad Homburg mit Christian Wulff: "Ich vermisse den Wow-Gedanken"

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Inka Friedrich

Kommentare

BAD HOMBURG - (inf). Die flirrende, hochsommerliche Hitze wich am Mittwochabend langsam angenehmen Temperaturen, als sich stimmungsvolle Saxofonmusik gedämpft zwischen den Torbögen des historischen Güterbahnhofs auf die leeren Straßen Bad Homburgs ergießt. Es ist beste "heute"-Nachrichtenzeit, als sich knapp 350 geladene Gäste langsam in den geräumigen Hallen des wunderschön restaurierten Bahnhofs einfinden.

Das gediegene Ambiente des alten Gebäudes fügt sich ebenso stimmig ein wie die Musik der Band Don Live, die an diesem Abend dezent für die stimmungsvolle Klanguntermalung sorgt. Es ist der Jahresempfang von Landrat Ulrich Krebs, zu dem er herzlich geladen hat - passenderweise an dem Tag, an dem Johann Wolfgang von Goethe 170 Jahre alt geworden wäre.

Auf der Gästeliste findet sich alles, was Rang und Namen hat - das "Who is Who" des Hochtaunuskreises. Hochrangige Politikern, Vertreter der Wirtschaft und der Kunst gab sich an diesem, sehr von Musik geprägten Abend, die Klinke in die Hand, der auch mit drei exzellent gesungenen Liedern des Jugendchores Hochtaunus offiziell begann. "Wer Musik nicht liebt, verdient nicht, ein Mensch genannt zu werden; wer sie liebt, ist erst ein halber Mensch; wer sie aber treibt, ist ein ganzer Mensch", zitiert Ulrich Krebs an diesem Abend den großen Dichter Goethe. Gerade in der gemeinsamen Kunst entstehe oft Gemeinschaft, zumal gerade Chöre den großen Vorteil haben, dass sie oftmals offen sind für jeden, der Musik liebt und praktizieren möchte.

Festredner des Abends war der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff, der als Präsident des Deutschen Chorverbands sicherlich dem hervorragenden Jugendchor Hochtaunus ganz besonderes sein Ohr widmete - sofern dies überhaupt möglich war.

Denn einige Gäste inklusive manch exponierten Vertreter des Kreises störten den wunderbaren Gesang der jungen Künstler spätestens nach Wulffs Rede mit auffällig lauter Unterhaltung. Dabei ignorierten sie auch die freundliche Ansprache der Mitarbeiter des Landrats, bis sie ein aufgebrachter Gast lautstark zur Ruhe ermahnte, wofür dieser wiederum aufbrandenden Applaus erntete.

Die Leistung des Jugendchores war allenthalben nur als großartig zu bezeichnen. Unter der Leitung von Tristan Meier verzauberten die über 30 Sänger ihre Zuhörer mit spirituellem Liedgut in vielerlei Sprachen. Exzellent gesungen kann man von diesen jungen Stimmen (die Sänger sind zwischen 14 bis 25 Jahre alt) sicherlich noch viel in Zukunft erwarten.

Christian Wulff indes präsentierte sich in seiner wohlgesetzten Rede als Bekenner einer "bunten" Gesellschaft. "Mir macht die augenblickliche politische Entwicklung Angst", bekannte der 60-Jährige. Den "Aufwallungen von Links und Rechts" müsse in Deutschland entschieden entgegengetreten werden. Man dürfe nicht zulassen, dass sich die Gesellschaft spalte, appellierte er an die Anwesenden. Im Gegenzug sprach Wulff sich für die Gemeinschaft aus, die in Deutschland gerade in den Vereinen gepflegt werde, beispielsweise auch in Chören. Vereine seien es, die viele Menschen gerade auf dem Land in eine Sozialstruktur einbinden würden und der Grund dafür, warum hier in Deutschland noch viele Menschen gerne auf dem Lande leben würden.

Einen großen Anteil an der Spaltung, kritisierte Wulff, trügen allerdings auch die sozialen Medien, deren Nutzung diese Entwicklung seit ihrer starken Zunahme vor 10 Jahren rasant vertieft hätten. Indem jeder im Internet alles kommentieren könne und die Algorithmen ihr Scherflein dazu beitragen, würde man sich dort in einer Filterblase aus Gleichgesinnten befinden, die andere Meinungen kaum mehr wahrnimmt. "Dadurch entfällt die Gatekeeperfunktion, die früher den Journalisten und Medien zugekommen ist" - wie Wulff findet, eine bedrohliche Entwicklung. Resultat sei eine gewisse soziale Verwahrlosung. Gerade angesichts zahlreicher Morddrohungen gegen Politiker zitierte er schwarzhumorig den Kabarettist Christian Ehring: "Morddrohungen sind die neuen Leserbriefe". Dieser Ausspruch sei besonders bitter, angesichts der Tatsache, dass er vor Kurzem die Hinterbliebenen des NSU-Opfers Halit Yozgat in Kassel besucht habe und er bald wieder nach Kassel reisen werde, um nun der Familie des ermordeten Kassler Regierungspräsidenten Walter Lübke Beistand zu leisten.

Wulff: "Ich habe Deutschland als ein Land kennengelernt, in dem es vor dem "Wir schaffen das" hieß: "Wir lösen das". Nun, viele Jahre später, sei man in Deutschland extrem unzufrieden, obwohl es unserer Gesellschaft so gut gehe, wie nie zuvor. "Ich vermisse diesen Wow-Gedanken. Wow, wir trauen uns das zu, mit dieser Situation umzugehen - das ist irgendwie verloren gegangen in unserem Land", führte er weiter aus und forderte auf, mutig zu sein. Und "andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte".

Auch interessant

Kommentare