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Dr. Beate Alberternst sowie die Förster Björn Neugebauer und Daniel Zimmermann zeigen sowohl Teile des Stamms als auch der Blätter des Baumwürgers mit den Früchten. Sie versuchen, die Schlingpflanze aus dem Pfaffenwiesbacher Wald zu holen.

Hessen Forst

Baumwürger gefährdet heimische Bäume

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Der Name der Pflanze ist Programm: Das erste rundblättrige Baumwürgerpaar in Deutschland ist im Taunus, genauer gesagt im Wald von Pfaffenwiesbach, gefunden worden. Treibt sie Früchte, ist sie eine wunderschöne Pflanze – doch für den Wald und alles, was rund um ihren Wirt wächst, tödlich. Nun hat Hessen Forst dem Baumwürger den Kampf angesagt. Und das mit harten Bandagen.

Erst war es nur ein weithin zu hörender Warnton, der sich kurz darauf in ein lautes Rattern verwandelte. Dazu mischte sich erst ein wildes Rascheln, dann ein brachiales Knacken. Unablässig fraßen sich die Schneider der ferngesteuerten Mulchraupe durch Blätter, Zweige, Äste und weiter zum Stamm. Mit den scharfen Zähnen grub sich die Raupe brutal durch die zarte Rinde, zermalmte die feinen Außenringe, um sich dann weiter zum Kern des Stammes vorzuarbeiten, den die sich wild drehenden und gierigen alles zerfetzenden Schneidwerkzeuge zermalmten. Nichts war vor der gefräßigen Mulchraupe sicher, die sich Meter um Meter durch den Wald grub, das frische Grün verschlang und am Ende feines Häckselwerk, Staub und Erde wieder in den Wald pustete.

Im Gesicht von Revierförster Björn Neugebauer mischte sich eine Spur von Entsetzen mit Trauer angesichts der brachialen Zerstörung, die derzeit im Pfaffenwiesbacher Wald vor sich geht. Grund dafür ist eine Pflanze, deren Namen zunächst noch ein wenig zum Schmunzeln einlädt: der rundblättrige Baumwürger. Doch die Lage ist weder komisch, noch harmlos. Denn der aus Nordamerika eingeschleppte Neophyt bedroht Wehrheims Wälder.

Diese optisch ansprechende Pflanze wird im Gartenbaubetrieb gerne als Ziergewächs angeboten und es bedarf keiner großen Phantasie, um sich die frischen grünen Blätter mit den orange-roten Früchten als schöne Zierde im heimischen Garten vorzustellen. Doch für Bäume und alles, was drumherum wächst, sind die Sträucher tödlich. „Der rundblättrige Baumwürger ist eine Schlingpflanze, ähnlich wie Knöterich oder Efeu“, erklärte Dr. Beate Alberternst Fachfrau für invasive Arten von der Projektgruppe Biodiversität, die auch im Auftrag des Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie arbeitet.

Problematisch ist, dass der Neophyt sich nicht mit dem Baum als Kletterhilfe zufrieden gibt, sondern sich um ihn schlingt, ein festes Holz bildet und ihn – dem Namen entsprechend – erwürgt. Hinzu kommt das üppige Blätterdach, dass die Pflanze in der Krone und entlang des Stamms bildet, und das alles beschattet. Dies macht eine Naturverjüngung am Waldboden unmöglich. Bäume von über drei Metern Höhe verhüllt der Baumwürger problemlos und nimmt ihnen so das lebensnotwendige Licht und die Luft. „Fällt im Winter dann auch noch Schnee auf die Bäume oder weht ein starker Wind, brechen die Äste ab“, erklärte Neugebauer. Die Bäume sterben. Nicht schnell, aber langsam und sicher. Außerdem gibt sich der Baumwürger bei weitem nicht nur mit seinem Ursprungswirt zufrieden, sondern streckt auch schnell die Ranken nach dessen Nachbarn aus. Findet er dort nichts, kriecht er am Boden weiter.

„Von den Baumwürgern gibt es männliche und weibliche Pflanzen“, erklärte Alberternst. Für sich und einzeln genommen sind sie zwar ein Problem, aber eines, das sich unter Kontrolle halten lässt, zumal es bislang in Deutschland nur sehr wenige bekannte Vorkommen gibt. Damit sich die Schlingpflanze vermehren kann, müssen eine männliche und eine weibliche Pflanze zusammen gepflanzt werden. „Nur dann bildet die weibliche Pflanze Früchte, die von den Vögeln gefressen und so in andere Teile der Natur übertragen werden. Dort Samen sie aus und verbreiten sich“, sagte Alberternst.

Erstmals gibt es im Pfaffenwiesbacher Wald deutschlandweit ein Baumwürger-Paar – „zumindest soweit es uns bekannt ist“, berichtete Alberternst. Und dieses hat sich bereits auf rund einem Hektar verteilt und „Nachkommen“ in die Welt gesetzt. Fichten, Eichen, Buchen und Linden, vor keiner Baumart macht die invasive Pflanze halt.

Die ersten noch grünen Früchte hängen bereits in den Zweigen, so dass nun

Eile geboten

ist. „Sind die Früchte reif, werden sie wahrscheinlich durch die Vögel weiter getragen“, sagte Revierförster Neugebauer. Dr. Sybille Winkelhaus aus Pfaffenwiesbach hatte den Baumwürger entdeckt und gemeldet, Hessen Forst und die Gemeinde Wehrheim, der der Wald gehört, hatten daraufhin prompt reagiert und die Mulchraupe geordert.

Brachial ging es dabei zur Sache, denn mit Waldarbeitern ließe sich der Schlingpflanze auch angesichts des hohen Brombeer- und Brennesselstandes nicht Herr werden. Besonders tückisch: „Wird die Pflanze beschnitten, bilden die Wurzeln noch mehr neue Schösslinge“, erklärte Alberternst. Wurzeln ließen sich allerdings mit der Raupe nicht beseitigen. „Das ist jetzt eine reine, präventive Eindämmung“, erklärte der Revierförster, der zudem Unterstützung von seinem Kollegen Daniel Zimmermann hat. Problematisch ist das angrenzende FFH-Gebiet (Flora, Fauna, Habitat), weshalb die Pflanzen eingedämmt werden müssen. Es ist sicher, dass sie wieder austreiben, und der Kampf gegen den Würger wird auch in Zukunft weitergehen. Als Ursprungsort vermuteten die Fachleute einen Garten aus Pfaffenwiesbach oder der Nachbarschaft.

Welche Dimensionen das Gewächs annehmen und damit unwiederbringliche Schäden anrichten kann, „das zeigt uns Nordamerika“, sagte Alberternst. Dort werde die Pflanze mit Gift bekämpft. „Aber das können und wollen wir hier nicht machen“, sagte Neugebauer mit Blick auf das FFH-Gebiet. Gift könnte das sensible und seltene Ökosystem zerstören, ebenso wie der Baumwürger selbst. Der Einsatz der Mulchraupe sei „der unökologischste Einsatz, den ich je im Wald veranlasst habe und er gehört zu den dunkelsten Stunden meiner Laufbahn. Mit blutet das Herz“, sagte der Förster. Schließlich hinterlasse sie ein Trümmerfeld. Doch wenn er dem Schädling im Wald jetzt nicht Einhalt gebiete, werde sich dieser großflächig im Taunus ausbreiten. Und dafür wolle er nicht verantwortlich sein. Dass die Mulchraupe auch junge Bäume und alles Grün schreddere, sei der Preis, den die Gemeinde für das Überleben des Waldes und die künftige Naturverjüngung zahlen müsse. Daher bleibt die Fläche unter strenger Beobachtung.

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