Was bedeutet Sünde?

Bei der dritten Veranstaltung der Reihe „Die sieben Todsünden“ der Katholischen Erwachsenenbildung Hoch- und Main-Taunus diskutierten eine katholische Theologin und ein Psychotherapeut im Gemeindesaal von Sankt Bonifatius in Seulberg darüber, was es bedeute, dass Jesus am Kreuz gestorben sei.

Von Gabriele Calvo Henning

Am Ende der rund zweistündigen Podiumsdiskussion mit offener Fragerunde brachte es Moderator Meinhard Schmidt-Degenhard vom Hessischen Rundfunk auf den Punkt: Diese Diskussion habe viele Fragen unbeantwortet gelassen, aber hoffentlich viel Stoff zum weiteren Nachdenken geliefert. Das ist vielleicht nicht das schlechteste Ergebnis einer intensiven Gesprächsrunde, bei der es um so schwierige Begriffe wie Schuld und Sünde, Erlösung, den freien Willen und Jesu Tod am Kreuz ging.

Zwei (Welt-)Anschauungen trafen aufeinander: die katholisch-theologische, die durch die Diplom-Theologin Dr. Kornelia Siedlaczek vertreten wurde, und die psychotherapeutische, für die der Offenbacher Psychotherapeut Werner Gross auf dem Podium saß. Mehr als 50 Zuhörer waren gekommen. Klar, dass diese Positionen nur schwer miteinander vereinbar sein würden. Denn in der Psychotherapie, so Gross, gebe es den Begriff der Sünde nicht. Allerdings habe er es in seiner Praxis oft mit Patienten zu tun, die sich schuldig fühlten oder tatsächlich schuldig geworden seien. Das wiederum habe viel mit eigener Verantwortung und mit der persönlichen Entscheidung zu tun, so oder so zu handeln. Eine „Schuld“ von Anfang an, wie sie der theologische Begriff der „Erbsünde“ nahelege, halte er dagegen für „abgedreht“.

Selbstverschließung

Im theologischen Verständnis von Kornelia Siedlaczek hingegen bedeutet Sünde „die totale Selbstverschließung gegenüber Gott“, wodurch der handelnde Mensch „Schuld im Angesicht Gottes“ auf sich laden würde. Zwar habe die „Erbsünde“ nichts mit Vererbung zu tun. Allerdings würde der Mensch in Zusammenhänge hineingeboren, für die er erst einmal nicht könne, die ihn aber in die Situation brächten, durch sein Handeln einen Anteil am bestehenden Unrecht in der Welt zu haben, auch wenn er eigentlich nur Gutes wolle.

Zu Raunen im Publikum kam es, als es um die Frage ging, warum Gott seinen Sohn Jesus für uns geopfert und die Menschen damit erlöst habe, denn hier prallten herkömmliche und von der katholischen Kirche selbst lange Zeit vermittelte Glaubensvorstellungen mit der modernen Theologie aufeinander. „Gott hat seinen Sohn nicht geopfert“, so Siedlaczek. Vielmehr sei Jesus von Menschen hingerichtet worden, „weil die eben so sind, wie sie sind“. So sei Jesus nicht für, sondern wegen der Menschen gestorben. Die hätten sich – im Falle der herrschenden Römer – durch seine Lehren machtpolitisch und – im Falle der jüdischen Elite – religiös bedroht gefühlt. Die Erlösung aber komme mit dem gnädigen Gott ins Spiel, der das von den Menschen verschuldete Leiden der Welt auf sich genommen habe und trotzdem „Ja“ zu den Menschen sage.

„Wellness-Gott“

Diesem, wie er es selbst nannte, „absurden Gedanken“, setzte der Psychotherapeut sein Verständnis einer gelungenen Therapie entgegen, bei der der Patient wieder auf eigenen Füßen stehen und Verantwortung für sich und sein Handeln übernehmen könne. Das Bild des gnädigen Gottes halte er dagegen für einen Trick der Kirche. Nachdem diese jahrhundertelang mit dem strafenden Gott gedroht habe, sei nun der gute „Wellness-Gott“ angesagt.

In der anschließenden Publikumsrunde ging es um Fragen nach der persönlichen und sakramentalen Beichte und um den Gottesbegriff und die Rolle der Religion. Die sei, so eine Zuhörerin, vielleicht so etwas wie Poesie, mit der man das Leben leichter ertragen könne. Dem stimmte Psychotherapeut Wolf zu. Manche Menschen bräuchten tatsächlich diesen Halt im Glauben, was er auch respektiere. Dennoch plädierte er für ein in dieser Welt verhaftetes Urvertrauen, das jenseits jeder Religion zu suchen sei. Für die Theologin Siedlaczek hat Religion tatsächlich etwas Poetisches, worin sich die Schönheit Gottes zeige. Für sie sei Gott ein konkreter Anspruch an sich selbst, den der Mensch in seinem Handeln erfüllen müsse. Religion und Glaube seien nichts Ausgedachtes, da Gott tatsächlich zu den Menschen spreche.

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