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Bienensterben im Hochtaunus: „Höhe der Verluste ist nicht normal“

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Von: Matthias Pieren

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Palästinensische Imker sammeln während der Ernte in einer Imkerei in Khan Younis im südlichen Gazastreifen Honigbienen aus den Bienenstöcken.
Perfektes Flugwetter für Bienen und dennoch sind die Imker besorgt: Viele Völker hat das schlechte Bienenjahr 2021 dezimiert. © Ashraf Amra/dpa

Die Imker im Taunus beklagen teils extrem hohe Verluste bei ihren Bienenvölkern aufgrund von Bienensterben.

Hochtaunus - Farbspiele und eine pralle Blütenpracht verzaubern in diesen Frühlingswochen die Natur im Taunus. Akustisch wird das Spektakel rund um Rapsfelder, Kastanienblüten und blühende Wiesenstreifen vom allgegenwärtigen Summen und Brummen begleitet. Neben mannigfaltigen Insektenarten sind es vor allem die Honigbienen, die von Blüte zu Blüte "hüpfen", den Nektar einsammeln und in ihre Bienenstöcke zurückfliegen, um "abzuladen". Doch so perfekt das aktuelle Flugwetter auch sein mag: Die Taunus-Imker blicken auch mit großer Sorge auf ihre Völker.

"Auch bei uns im Taunus sind viele Bienenvölker nicht über den Winter gekommen. Die Zahl schwankt immer von Jahr zu Jahr. Aber die Höhe der Verluste in diesem Jahr ist nicht normal", sagt die Vorsitzende des Bienenzuchtvereins Obertaunus, Dr. Gefion Brunnemann-Stubbe. "Im gesamten Regierungspräsidium Darmstadt sind wohl rund ein Viertel aller Völker betroffen."

Bienensterben im Taunus: Genaue Zahlen lassen sich kaum ermitteln

Wie viele Imker des mit 260 Mitgliedern größten Imker-Vereins im Hochtaunuskreis betroffen sind, sei schwer zu sagen. Jedes Mitglied entscheide für sich, ob es die Verluste meldet. Brunnemann-Stubbe selbst betreut zusammen mit ihrem Mann am Rande von Friedrichsdorf 14 Bienenvölker, die glimpflich davongekommen sind. "Ich weiß von sechs Imkern unseres Vereins, die hohe Verluste zu beklagen haben", teilt Reiner Ettling, der Vorsitzende des 35 Mitglieder zählenden Imkervereins Usingen, auf Anfrage mit. "Von deren 34 Bienenvölkern sind 14 verlorengegangen. Meine eigenen neun sind zum Glück alle durchgekommen."

Ein Vereinsmitglied konnte im April indirekt einen Eindruck gewinnen, wie erheblich die Völkerverluste in diesem Jahr sein müssen. Wegen Rückenproblemen hatte sich Dieter Skoetsch nach jahrzehntelanger Bienenzucht in diesem Frühling schweren Herzens dazu durchgerungen, seine Völker zu verkaufen. "Ich war überrascht, wie viele Imker bei mir angerufen hatten und Interesse zeigten, die Völker zu übernehmen", sagt der Neu-Anspacher. "Da wurde mir klar, wie hoch die Verluste in diesem Jahr sein müssen. Es ist für gewöhnlich viel Arbeit, um neue Königinnen heran zu ziehen und neue Völker selber aufzubauen."

Immer mehr Hobby-Imker im Taunus

Als Mitglied des Hessischen und Deutschen Imkerverbandes hat Skoetsch regelmäßig auch bei großen Festen im Hochtaunuskreis, aber auch in Schulen, über Bienenzucht informiert.

Die generell steigende Nachfrage nach neuen Bienenvölkern in den vergangenen Jahren resultiert ebenso aus einem allgemein zunehmenden Interesse vieler Menschen - auch im Taunus -, in die Imkerei einzusteigen. "Wir haben den Imkerverein Usingen wiederbelebt und verzeichnen stetig steigende Mitgliederzahlen", sagt Reiner Ettling, der zusammen mit seiner Frau vor fünf Jahren in die Imkerei eingestiegen ist.

Taunus: Schwarmzeit der Bienen beginnt vielversprechend

Brunnemann-Stubbe hat gemeinsam mit ihrem Mann vor acht Jahren mit der Bienenzucht begonnen. Viele Interessierte versuchen es erst einmal alleine, - merkten aber schon bald, dass die Gemeinschaft und der fachliche Austausch mit anderen Imkerfreunden die eigene Zucht bereichert und hilfreich ist, wie Brunnemann-Stubbe an einem Beispiel erklärt: "Mittlerweile hat jedes Bienenvolk Varroa-Milben. Entscheidend ist die Behandlung der Völker mit organischen Säuren entsprechend der Bienenseuchenverordnung. Da ist es ganz wichtig, den geeigneten Zeitpunkt zu erwischen." Da könnten sich Imker gegenseitig beraten.

Trotz aller Hiobsbotschaften: Die im April begonnene Schwarmzeit, in der die Bienenvölker sich vermehren wollen und bis Juli ausschwärmen, hat für die Imker indes sehr vielversprechend begonnen - ganz anders als im vergangenen Jahr. Die Bienen schwärmten früh und intensiv aus, es herrschen nach wie vor gute Flugbedingungen. "Ich habe im vergangenen Jahr nur ein Drittel der sonst üblichen Honigmenge ernten können", sagt Brunnemann-Stubbe und hofft auf dieses Jahr. "Weil die Bienen gut fliegen, füllen sich die Honigräume auch besser."

Taunus: Das sind die Gründe für das Bienensterben

In dem in Oberursel beheimateten Institut für Bienenkunde der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt hat man für die extrem hohen Verluste dieses Jahres eine Erklärung. "Das vergangene Bienenjahr war extrem schwierig", teilt Prof. Dr. Bernd Grünewald auf Anfrage mit. "Die Witterung war in den Wochen, in denen die Bienen winterfertig gemacht werden müssen, sehr ungünstig."

Fleißige Tiere: Arbeiterbienen bauen neue Waben. Sie dienen zur Aufzucht von Larven und zur Lagerung von Honig und Pollen. Das zu sehende Wachs der Waben produzieren sie mit den Wachsdrüsen ihres Körpers.
Die Witterung, die Schädlingsbekämpfung und die richtige Einfütterung mit Zucker kann über ein Bienensterben bei Imkern entscheiden. © Matthias Pieren

In den für die Behandlung gegen die Varroa-Milbe entscheidenden Wochen war es demnach zu feucht und zu kühl, als dass die eingesetzte und zugelassene Ameisensäure bei einmaligem Einsatz ausreichend wirken konnte. "Ich predige immer, dass der Erfolg kontrolliert werden muss. Im vergangenen Jahr war eine Nachbehandlung zwingend erforderlich. Wer das nicht gemacht hat, hatte in diesem Jahr eben das Nachsehen."

Ebenso war im vergangenen Herbst aufgrund der schlechten Witterung im Sommer eine verstärkte Einfütterung der Bienen nötig. Die Imker hatten eben nicht nur einen schlechten Honig-Ertrag, die Bienen hatten ebenfalls bereits im Herbst viele selbst angelegte Vorräte an Kohlenhydraten bereits verbraucht. "Imker mussten zwingend viel mehr Zucker als sonst einfüttern", so Grünewald. "Bienen, die nicht ausreichend Nahrung hatten, sind nicht über den Winter gekommen." (Matthias Pieren)

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