Wilfried Günther hat 1988 seinen Bioladen Ganesha in Oberursel mitbegründet. Es ist der älteste Bio-Laden im Vordertaunus.
+
Wilfried Günther hat 1988 seinen Bioladen Ganesha in Oberursel mitbegründet. Es ist der älteste Bio-Laden im Vordertaunus.

Ernährung

Bio-Läden im Hochtaunus: Rekordumsätze im Corona-Jahr

  • vonMatthias Pieren
    schließen

Es gibt einen enormen Beratungsbedarf der Kunden im Hochtaunuskreis - und Urlaubsstau bei Mitarbeitern.

Hochtaunus - Der Lebensmittel-Einzelhandel im Kreis wird von Edeka-Märkten, Rewe-Filialen und Discountern wie Lidl oder Aldi dominiert. Dazwischen haben sich aber kleine Bio- und Naturkost-Läden fest positioniert. Vor Jahrzehnten von überzeugten Idealisten gegründet, haben sich diese seither erfolgreich etabliert. Im Corona-Jahr 2020 verzeichneten alle Bioläden Rekord-Umsätze, die hart erarbeitet wurden. "Wir haben voriges Jahr ein Umsatzplus von 20 Prozent erzielt", beziffert etwa Wilfried Günther, Geschäftsführer der Ganesha Naturkost GmbH aus Oberursel, den Erfolg.

Man habe die deutlich gestiegene Nachfrage aber nur mit einem viel größeren persönlichen Einsatz und Engagement des nun 24-köpfigen Teams stemmen können. Zwei neue Mitarbeiter sind im vergangenen Jahr eingestellt worden. Zudem hatten sich ehemalige studentische Aushilfen zur Mitarbeit angeboten.

Wegen der hohen Kundenfrequenz und des gestiegenen Warenumschlags hatten seine Mitarbeiter fast keinen Urlaub genommen. Nun, bald ein Jahr nach Beginn des ersten Lockdowns, könne der entstandene Urlaubsstau abgebaut werden. "Wir haben durch die Pandemie eine große Verunsicherung bei den Kunden gespürt", berichtet der Bio-Händler, der vor 33 Jahren an den Start ging. "Stammkunden hatten enormen Gesprächsbedarf und Neukunden hatten großen Informationsbedarf."

Für den Bad Homburger Bio-Markt "Terra Verde" war das vergangene Jahr nach Angaben von Yvonne Strasburger das umsatzstärkste seit der Gründung 2005. "Wir hätten sogar noch mehr verkaufen können, wenn die Ware verfügbar gewesen wäre", sagt die Inhaberin. "Es war aber auch sehr fordernd."

Pandemie macht manche Kunden auch aggressiv

Nach einem Jahr mit und in der Krise kämen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch deshalb an die Grenzen, weil sie zunehmend verspürten, wie die Kundschaft mürbe geworden sei. "Es ist erschreckend, was die Corona-Unsicherheit mit den Menschen macht", sagt Strasburger. "Genervte und aggressive Kunden waren für uns völlig neu. Es gab sogar Situationen, in denen wir die Polizei rufen mussten."

Ein Rekordjahr vermeldet auch die Gründerin von "Evas Bioladen" in Neu-Anspach. "2020 war das umsatzstärkste Jahr seit Gründung meines Geschäfts vor bald 30 Jahren", sagt Eva Jäger. "Es war aber auch mit Abstand das anspruchsvollste. Es war nicht immer leicht, die Kunden an die Hygienevorschriften zu erinnern und sie auf die Notwendigkeit des Konzeptes hinzuweisen."

In einer Zeit, in der viele im Homeoffice arbeiten und die Kinder zu Hause sind, wird auch mehr daheim zu Mittag gegessen. "Kochen hat eine ganz andere Bedeutung bekommen", sagt Jäger. "Die Menschen haben wertiger, gesünder und auch bewusst regionaler eingekauft. Täglich erhalten wir Frische-Produkte sowie Bio-Obst und Gemüse von Demeter-Landwirten aus der Wetterau."

Den besten Umsatz seit vielen Jahren vermeldet auch Beate Illbruck, Gründerin und Inhaberin von "Etzels Bio-Hofladen" in Wehrheim. "Unsere Branche hat mit der Krise eine gute Chance genutzt, sich weiter zu entwickeln", sagt die Tochter von Bio-Pionier Paul Erich Etzel. "Immer wieder gab es Ereignisse, sogenannte Krisen, die das Einkaufsverhalten der Bürgerinnen und Bürger kurzfristig verändert haben."

Doch perspektivisch sei es wichtig, dass der Bio-Handel mit einer gewissen Stabilität weiterarbeiten könne. "Es ist nicht leicht, wenn die Nachfrage extrem krisenanfällig ist, stark ansteigt und dann wieder wellenförmig verläuft", gibt Illbruck zu bedenken. "Wir halten stets beste Bio-Lebensmittel vor."

Dass auch in der Biobranche die Filialisten auf dem Vormarsch sind, zeigt das Beispiel von Alnatura. Im geplanten Kino-Center in Bad Homburg soll der zweite Bio-Supermarkt der Handelskette im Hochtaunuskreis eröffnet werden. Welche Auswirkungen das auf kleinere Bioläden hat, zeigt das Beispiel Königstein.

Als in der Burgenstadt vor zehn Jahren die erste Alnatura-Filiale ihre Tore öffnete, spürte das der alteingesessene Naturladen "Arche Noah" extrem. "Unser Umsatz ist so stark eingebrochen, dass wir den Schwerpunkt unseres Geschäftes auf die Auslieferung verlagert haben", sagt Ralf Krücke, der gemeinsam mit Isolde Messinger seit 1996 den Naturladen führt. "Das aber mit großem Erfolg." Matthias Pieren

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare