Dreiste Abzocke

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Ein 39-jähriger Schmittener war vor dem Königsteiner Amtsgericht des Computerbetrugs angeklagt. Klingt ziemlich technisch, ist aber ganz einfach. Dabei wollte der Mann doch nur helfen . . .

Auf diese Art von Hilfe hätte die Geschädigte, eine von der Sozialhilfe lebende, noch dazu gehbehinderte Schmittener Seniorin gerne verzichtet: Ein 39-jähriger Schmittener, der ihr bereits öfters helfend zur Hand gegangen war, Erledigungen für sie gemacht und auch eingekauft hatte, nahm sie nämlich aus wie eine Weihnachtsgans. Im Frühjahr hatte die Frau voller Vertrauen in die Ehrlichkeit dem „netten jungen Mann“ ihre EC-Karte nebst Pin-Nummer gegeben, damit er ihr 50 Euro am Bankautomaten ziehen konnte. Das hätte sie besser bleiben lassen.

Der Mann ging zwar – wie ihm aufgetragen – zur Bank, zog auch Bargeld aus der Maschine, verwandte dieses aber nicht für die alte Dame, sondern für sich. Und auch nicht nur 50 Euro, sondern gleich 300 Euro.

Und als wäre das nicht schon dreist genug, brachte er andern Tags brav die EC-Karte zurück, warf sie aber in den Briefkasten, versehen mit einer Entschuldigung: „Sorry, Sabine (Name von der Redaktion geändert), habe gestern den ganzen Tag gekotzt!“ Kein Wort darüber, warum er nicht wenigstens die 50 Euro abgegeben hat, geschweige denn, warum er das Konto der Frau leer geräumt hat. Offenbar war ihm die Sache auf den Magen geschlagen.

Nach Monaten wartete die Frau immer noch darauf, dass der Mann ihr das Geld, das sie dringend für ihren schmalen Lebensunterhalt brauchte, zurückgeben würde. Versprechungen gab es wohl genug, nur: Es floss kein Geld. Schließlich zeigte sie ihren privaten „Geldbriefträger“ an.

Jetzt im Prozess gab sich der Angeklagte reuig, die Sache sei etwas dumm gelaufen, „ehrlich“, sagte er. Er habe das Geld überwiesen, allerdings nicht an sein Opfer, sondern an seinen Anwalt. Und der hat’s nicht gemerkt. Das mag sogar stimmen, doch bei all den Außenständen, die der Mann bei dem Advokaten hatte, gingen die 300 Euro gewissermaßen unter, zumal er dem Verteidiger, wie der zur Überzeugung des Gerichts glaubhaft versicherte, auch keine Anweisung gegeben hatte, das Geld an die Frau weiterzureichen.

Strafrichterin Dr. Christine Rademacher wollte auf jeden Fall erreichen, dass die Frau ihr Geld zurückbekommt, den Angeklagten, der bislang noch nichts auf dem Kerbholz hatte, trotz der Dreistigkeit aber auch nicht zu hart bestrafen. Deshalb vertagte sie den Prozess auf kommenden Donnerstag und gab dem Angeklagten auf, das Geld bis dahin zurückzugeben. Dann sei sie bereit, das Verfahren gegen ihn als Ersttäter einzustellen. Das versprach der Schmittener, und der Verteidiger erklärte sich bereit, dem Ganzen den nötigen Nachdruck zu verleihen.

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