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Brücken zu den Menschen erhalten

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Von: Anke Hillebrecht

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Auch die "Walking Woman" trägt die Farben der Ukraine. Die Skulptur von Sean Henry vor dem illuminierten Bahnhof.
Auch die "Walking Woman" trägt die Farben der Ukraine. Die Skulptur von Sean Henry vor dem illuminierten Bahnhof. © saj

Bad Homburg und seine Partnerschaftsvereine wollen gerade jetzt den Kontakt zur russischen Partnerstadt Peterhof stärken - Erste Flüchtlinge treffen ein

Bad Homburg -Die "Walking Woman" trägt Blau-Gelb, und mit ihr taten es am Sonntag, 27. Februar, Hunderte, die bei der großen Demo am in den ukrainischen Farben erleuchteten Bahnhof ihre Solidarität mit dem von Russland überfallenen Land ausdrückten. Nach den ersten Schock-Tagen haben sich nun der Landkreis, die Stadt Bad Homburg und die Partnerschaftsvereine der Kurstadt zur Lage positioniert.

Sie verurteilen den Einmarsch russischer Truppen auf ukrainisches Territorium einhellig als einen schwerwiegenden Bruch des Völkerrechts. "Wir sind solidarisch mit den Menschen in der Ukraine. Unschuldige Menschen werden getötet oder schwer traumatisiert", teilen die Stadt Bad Homburg und die Vereine mit. "In diesen Zeiten denken wir auch an unsere russischen Freunde in Peterhof. Wir kennen viele, die wie wir denken und die hoffen, dass dieser Albtraum bald vorüber ist", sagt die Ehrenvorsitzende der "Deutsch-Russischen Brücke", Irina Gerybadze-Haesen.

Antworten aus Peterhof auf Mails sind vage

Der Name des Vereins klingt in diesen Tagen verheißungsvoll. Doch derzeit ist das Bauwerk unpassierbar. Der 1994 gegründete Verein hat mehr als ein Vierteljahrhundert lang eine Partnerschaft zwischen Bad Homburg und dem russischen Peterhof ausgebaut. Die Vorsitzende Heike Wehner hat Kontakt zu verschiedenen Freunden in Peterhof aufgenommen und versucht herauszufinden, wie es den Menschen geht und wie in Russland die Lage gesehen wird.

Und das ist schwierig wie nie. Nach vielen Jahren wechselseitiger Besuche, erfolgreicher Sprachkurse und gegenseitigen Verstehens - auch weil einige "Brücke"-Mitglieder Russisch sprechen und viele Leute in Peterhof Deutsch - ist jetzt keine ehrliche Kommunikation möglich. Die Menschen haben Angst, etwas zu sagen, was ihnen gefährlich werden kann. Heike Wehner weiß nicht, ob die Freunde in Russland wissen, was sich gerade in der Ukraine ereignet; sicher ist: Sie dürften andere Bilder in den Nachrichten sehen, andere Informationen lesen. Auf ihre persönlichen Whatsapps oder E-Mails bekam die Homburgerin Antworten wie "alles okay". Doch auch Angst wurde geäußert - unter anderem davor, dass sich Westen und Osten entzweien und damit auch die Peterhofer von den Homburgern.

Doch das soll nicht geschehen, hat der "Brücke"-Vorstand beschlossen. "Besonders jetzt muss der Dialog untereinander fortgeführt werden", schreibt er an die Vereinsmitglieder. "Die Kontakte dürfen nicht abreißen. Das ist für uns die Möglichkeit, einen Beitrag zur Völkerverständigung und Freundschaft zu leisten."

Wenn in absehbarer Zeit Flüchtlinge aus der Ukraine hier ankommen, will die "Brücke" Hilfe anbieten, kündigt Heike Wehner an. "Wir kennen die Mentalität der Menschen und sprechen ihre Sprache." Die Homburger wollen Übersetzungen anbieten und bei den amtlichen Formalitäten helfen. Und somit wieder zur Brücke werden.

Russische Fahne am Europakreisel bleibt

Und auch die Stadtverwaltung und der Städtepartnerschaftsverein wollen den Kontakt zu den Menschen in Peterhof nicht abreißen lassen. Man wolle sich "besonders jetzt bemühen, den Dialog fortzuführen". OB Alexander Hetjes (CDU) betont: "Es wird zu Recht immer wieder darauf hingewiesen, dass wir es mit einem Krieg von Wladimir Putin gegen die Ukraine zu tun haben, nicht mit einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen dem russischen und dem ukrainischen Volk."

Hetjes ist sich daher mit der Vorsitzenden der "Brücke" und dem Vorsitzenden des Städtepartnerschaftsvereins, Peter Braun, darüber einig, die russische Fahne am Europakreisel nicht einzuholen. "Sie sind Symbol für unsere Beziehungen zu unseren Partnerstädten, nicht für die Nationen." Zudem gebe es auch in Russland viele Demonstrationen mutiger Bürgerinnen und Bürger.

Als Zeichen der Solidarität werden nicht nur das Kurhaus und der Bahnhof abends in den Landesfarben der Ukraine angeleuchtet; auch hat der hauptamtliche Magistrat als Zeichen der Solidarität mit der Ukraine vor dem Rathaus deren blau-gelbe Landesfahne gehisst.

"In der Vergangenheit wurden Brücken auch nach Peterhof gebaut, und diese sinnbildlichen Brücken müssen erhalten bleiben", ergänzt der Vorsitzende des Städtepartnerschaftsvereins, Peter Braun. Denn Städtepartnerschaften seien eine Basis für die Völkerverständigung.

Ukrainer im Taunus können Aufenthaltserlaubnis verlängern

Unterdessen überlegt Landrat Ulrich Krebs (CDU) mit den Fachämtern, wie Flüchtlinge im Hochtaunuskreis untergebracht werden können. "Viele aus der Ukraine fliehen vor dem fürchterlichen Krieg. Wie viele das sein werden, lässt sich noch nicht abschätzen", so Krebs, der davon ausgeht, dass auch Menschen in den Hochtaunus kommen.

Erste Einzelpersonen, kleine Gruppen und Familien träfen aufgrund familiärer Beziehungen und privater Kontakte derzeit bereits ein. Aber auch Zuweisungen von Flüchtlingen seien nicht auszuschließen. "Für uns ist es selbstverständlich, von Krieg und Gewalt bedrohten Menschen Schutz und Hilfe zu bieten", so Krebs und Sozialdezernentin Katrin Hechler (SPD).

Da es schon erste Hilfsangebote für Flüchtende gibt, will der Kreis hierfür eine zentrale Anlaufstelle einrichten. Dabei könne er auf Strukturen aus dem Flüchtlingsjahr 2015 zurückgreifen. Mit dem Diakonischen Werk Hochtaunus, dem Deutschen Roten Kreuz, dem Caritasverband Hochtaunus und allen Bürgermeistern des Kreises wurde damals das Netzwerk "Hochtaunuskreis-hilft" aufgebaut.

Gute Nachrichten hat der Kreis auch für ukrainische Staatsangehörige, die sich mit Visum oder befristeter Aufenthaltsgenehmigung im Landkreis aufhalten. Aufgrund der derzeitigen Lage liege für sie ein Ausnahmefall im Sinne des Art. 20 Abs.2 Schengener Durchführungsabkommen vor. Dies bedeute, dass Ukrainerinnen und Ukrainer nach visumsfreier Einreise eine Aufenthaltserlaubnis für einen weiteren Aufenthalt von 90 Tagen einholen können. Hierfür sei ein Antrag auf Erteilung dieser Erlaubnis bei der Ausländerbehörde des Landkreises zu stellen. Nach visumsfreier Einreise können sie eine Aufenthaltserlaubnis für 90 Tage einholen. Es wurde die E-Mail-Adresse ukraine@hochtaunuskreis.de eingerichtet. Fragen werden auch telefonisch unter (06172) 9 99-49 94 (9 bis 15 Uhr) beantwortet.

Zeichen der Solidarität: Stadträtin Lucia Lewalter-Schoor, Bürgermeister Dr. Oliver Jedynak, und Homburgs OB Alexander Hetjes mit ukrainischer Flagge vor dem Rathaus.
Zeichen der Solidarität: Stadträtin Lucia Lewalter-Schoor, Bürgermeister Dr. Oliver Jedynak, und Homburgs OB Alexander Hetjes mit ukrainischer Flagge vor dem Rathaus. © tz

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