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Wer bei der Bundeswehr Dienst verrichten möchte, muss körperlich und geistig fit sein.

Projekt Junge Zeitung

Bundeswehr: Wer hält heute noch den Kopf hin?

144 Frauen und Männer aus dem Hochtaunuskreis tun zurzeit ihren Dienst als Soldatinnen und Soldaten in der Bundeswehr. Wer bewirbt sich heute noch für den Dienst in der Bundeswehr, die nach der Aussetzung der Wehrpflicht seit 2011 eine Freiwilligenarmee ist. Muss man etwas von einem Held haben, um hier Dienst zu tun?

144 Frauen und Männer aus dem Hochtaunuskreis tun zurzeit ihren Dienst als Soldatinnen und Soldaten in der Bundeswehr. Einige von ihnen haben sich möglicherweise im Karriereberatungsbüro auf dem Gelände der Kaserne Frankfurt-Hausen beraten lassen. Dort sind wir mit Hauptfeldwebel Michael Benner und seinem Vorgesetzten Oberleutnant Marc Schultz verabredet. Von ihnen wollen wir wissen, wer sich heute noch für den Dienst in der Bundeswehr bewirbt, die nach der Aussetzung der Wehrpflicht seit 2011 eine Freiwilligenarmee ist. Muss man etwas von einem Held haben, um hier Dienst zu tun?

„Wir sind keine Heldenschmiede, hier werden Kameraden geschmiedet“, erklärt Hauptfeldwebel Michael Benner, der täglich mit jungen Leuten über eine Karrieremöglichkeit in der Bundeswehr spricht. Die Bandbreite derer, die sich beraten lassen, sei riesig: „Vom straftätig gewordenen Intensivtäter bis hin zum Sohn aus einer militärisch geprägten Familie ist alles dabei“, erklärt Oberleutnant Marc Schultz. Er erinnert sich an einen jungen Mann in Jogginghose, der mit den Worten „Alter, isch will KSK“ zur Beratung gekommen ist und sein Glück hier sicherlich nicht finden wird, genauso wenig wie jemand, der die Bundeswehr mit Ego-Shooter-Spielen am Computer verwechselt. Viele Interessenten hätten eine falsche Vorstellung von der Bundeswehr und ihren über 260 Tätigkeitsfeldern. „Deshalb müssen wir manchmal die Traumschlösser zurechtrücken“, so Benner.

Die Motive, bei der Bundeswehr als Freiwilliger einzusteigen, sind ganz unterschiedlich. Manche wollen die Zeit bis zum Studium überbrücken, einen sicheren Arbeitsplatz finden oder finanziell abgesichert sein. Wieder andere suchen die militärische Herausforderung, die Kameradschaft oder bloß das Abenteuer. Abgesehen von einschlägig Vorbestraften, Menschen mit Drogen-/Alkoholproblemen oder hohen Schulden dürfen sich alle deutschen Staatsangehörigen mit abgeschlossener Schullaufbahn ab dem 17. Lebensjahr bei der Bundeswehr bewerben. Viele lassen sich zuvor individuell beraten. In einem etwa einstündigen Gespräch fühlen ihnen Hauptfeldwebel Benner und seine Kollegen auf den Zahn.

Um dafür ein Gefühl für ein Beratungsgespräch zu bekommen, simulieren wir die Situation, indem Erik die Rolle des Interessenten übernimmt und in einem der amtlich wirkenden Büros zusammen mit dem Hauptfeldwebel an einem Tisch Platz nimmt. Die Atmosphäre ist freundlich. Nachdem am Anfang Formalitäten wie Geburtstag und angestrebter Schulabschluss abgeklärt wurden, geht Benner sowohl auf das soziale als auch auf das sportliche Engagement ein. Uns wird klar, dass es nicht bloß auf den Schulabschluss, sondern auch auf ein darüber hinausgehendes Engagement ankommt. Deshalb wird Eriks Ausbildung zum Schiedsrichter auch positiv vermerkt.

Sowohl körperliche als auch psychische Belastung schon während der Ausbildungszeit und später im regulären Dienst bedeuten eine große Herausforderung. Das Recht auf die im Grundgesetz geschützte körperliche Unversehrtheit gilt für Soldaten nur eingeschränkt, denn – und auch das ist ein Thema in der Beratung – mit Verletzung oder auch dem eigenen Tod muss im Einsatz jeder rechnen. „Ich habe deutliche Bilder vor Augen, was das für einen jungen Bewerber bedeutet, denn ich habe das selbst erlebt“, sagt Feldwebel Benner, der jeweils zwei Mal im Kosovo und in Kabul/Afghanistan im Einsatz war.

Auch deshalb wird Reporter Erik während der Beratung gefragt, wie seine Familie dazu steht, dass er sich verpflichten will. Jeder müsse wissen, so Michael Benner, dass es immer wieder Zeiten geben kann, in denen man lange von seiner Familie getrennt ist. Ein stabiler familiärer Hintergrund ist dann wichtig. Das gilt besonders für Auslandseinsätze, zu denen junge Soldaten frühestens nach der zwölfmonatigen Grundausbildung und einer intensiven Vorbereitung abkommandiert werden.

Das führt uns zu der Frage nach Befehl und Gehorsam. Wir erfahren, dass bei der Bundeswehr bestimmte Befehlsketten eingehalten werden müssen. Das gilt jedoch nur, solange die Befehle nicht gegen die Menschenwürde verstoßen oder zu einer Straftat führen. Die immer noch strenge Hierarchie, überhaupt der „Wechsel vom Zivilisten zum Militärangehörigen mit Uniform und Unterbringung auf der Stube während der Grundausbildung ist für viele erst einmal eine große Veränderung“, weiß Oberleutnant Schultz.

Rund 15 000 Frauen und Männer entscheiden sich in Deutschland jedes Jahr für den Dienst auf Zeit. Welchen Dienstgrad sie anstreben, wie lange sie über die zwölfmonatige Grundausbildung oder den knapp zwei Jahre dauernden Freiwilligen Wehrdienst hinaus bleiben oder ob sie sich eventuell als Zeitsoldat auf Jahre hinaus verpflichten wollen oder sich ganz für ein Leben als Berufssoldat entscheiden – das bleibt jedem und jeder selbst überlassen.

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