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Der Herr der Ruhe

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ualoka_0803_Negwer_09032_4c_3 © Inka Friedrich

Wehrheim . Der griechische Dichter Homer schrieb dereinst die Sage um die jahrelange Irrfahrt des griechischen Königs Odysseus, den seine Reise zur Insel der sagenumwobenen Sirenen führte. Diese Sagengestalten waren dafür bekannt, mit ihrem Gesang Schiffe anzulocken und zum Zerschellen zu bringen. Odysseus griff aber zu einer List: Die Mannschaft seines Schiffes musste die Gehörgänge mit Wachs verschließen, während er selbst sich am Mast festbinden ließ.

Der antike Held wird zwar von den Sirenen betört, seine Mannschaft jedoch schafft es, dank der ersten in der Menschheitsgeschichte überlieferten Ohrstöpsel, tatsächlich, aus der Gefahrenzone zu segeln.

Gegen den Gesang von Sirenen müssen die heutigen Ohrstöpsel von Ohropax vermutlich nicht mehr wirken. Häufig sind es unsanftere Töne, wie lautes Schnarchen, lärmende Maschinen oder dröhnende Musik, die die abgedämpft werden sollen. Zudem sind die Kugeln aus Wachs oder kegelförmige Stöpsel aus Schaumstoff schon Retter der einen oder anderen Ehe gewesen. Ohropax ist im Bereich der kleinen »Hilfsmittel für die Ruhe« längst zur weltbekannten Marke geworden. Die im Jahr 1907 gegründete Firma befindet sich seit 1991 in Wehrheim, wo sie zuletzt im Jahr 2011 ein neues, größeres Betriebsgebäude bezogen hat. Denn erfahrungsgemäß braucht man Platz bei Ohropax.

Als Teil unserer Serie rund um das Wehrheimer Gewerbe hat diese Zeitung mit dem Nachfahren des Firmengründers, dem Apotheker und heutigen Geschäftsführer, Michael Negwer, gesprochen.

Herr Negwer, Ohrenstöpsel sind ein Produkt, das sicherlich viele Menschen im Laufe ihres Lebens schon einmal genutzt haben. Haben Sie auch schon, abseits der Geschichte um Odysseus, positive Erfahrungsberichte von Menschen, die Ihre Produkte genutzt haben, gehört?

Ja, tatsächlich. Wir bekommen immer mal wieder lobende Zuschriften, Kritik oder Fragen. Die Stöpsel sind ein persönliches Produkt und jeder Stöpsel und sein Nutzer haben eine eigene Geschichte. Wir haben auch öfters Zuschriften von dankbaren Ehepaaren bekommen. Vor vielen Jahren wurden wir sogar mit einer kleinen Erbschaft bedacht. Ein Arzt aus der Schweiz hatte uns eine kleine Summe vererbt, da wir mit unseren Produkten seine Ehe gerettet hätten. Diesen Betrag haben wir dann gespendet. Aber an diese Geschichte erinnere ich mich noch sehr gut.

Die Firma Ohropax befindet sich seit 1991 in Wehrheim. Wie wohl fühlen Sie sich hier?

Sehr wohl. Wir haben seit dem Jahr 1951/52 in Bad Homburg produziert, bis die Räumlichkeiten zu klein wurden. In der Vergangenheit konnten wir dort die Gebäudesituation zwar immer unseren Bedürfnissen anpassen, doch irgendwann war dem eine Grenze gesetzt. Damals war die Stadt Bad Homburg nicht in der Lage, uns ein passendes Grundstück anzubieten. Darum habe ich mich auf den Weg gemacht und in der näheren Umgebung umgeschaut. Es war tatsächlich purer Zufall, dass wir hier in Wehrheim ein geeignetes Gelände gefunden haben. Damals sind wir dann in den Kappengraben 18a gezogen, bis uns das Gebäude auch dort wieder zu klein wurde. Im Jahr 2011 haben wir dann komplett neu gebaut und sind an unseren aktuellen Standort gewechselt.

Was genau wird hier in Wehrheim produziert?

Die bekannten Wachskugeln als Produkt haben unsere Firma, ohne Unterbrechung, von Anfang an begleitet. Sie machen immer noch unser Hauptgeschäft und wichtigstes Standbein aus. Das entsprechende Know-how für die optimale Wachsmischung haben wir uns über die Jahre erarbeitet. Diese wird geschmolzen und in halbflüssiger Form mit Baumwollwatte, zusammengeführt, abgekühlt, geschnitten, geformt und verpackt. Der Prozess läuft hier im Haus automatisiert ab. Im Jahr produzieren wir etwa 30 Millionen Wachskugeln. Nach Ablauf des Produktschutzes haben in den 1920er Jahren viele Wettbewerber versucht, unsere Erfindung zu kopieren, sie sind aber fast alle wieder vom Markt verschwunden. Mittlerweile gibt es nur noch ganz wenige Produkte in dieser Art. Natürlich bieten wir auch Ohrenstöpsel aus einem Spezialschaumstoff an. Die Schäumung dieser Stöpsel erfolgt außer Haus, bei uns wird jedoch jeder einzelne Schaumstoffstöpsel auf seine Qualität überprüft. Davon verlassen im Jahr ebenfalls über 30 Millionen Stöpsel das Unternehmen. Schließlich haben wir auch Stöpsel aus formbarem Silikon, solche mit Lamellen und sogar welche mit Filtereinsätzen im Programm. Das Ruhebedürfnis der Menschen steigt eigentlich kontinuierlich. Aus diesem Grund schauen wir sehr zuversichtlich in die Zukunft.

Woher stammen Ihre Mitarbeiter?

Die meisten Mitarbeiter stammen tatsächlich aus diesem Einzugsgebiet. Momentan arbeiten hier 50 Menschen auf 5000 Quadratmetern.

Wie gut ist Ihr Unternehmen bisher durch die Corona-Zeit gekommen?

Am Anfang der Corona-Zeit haben wir durchaus Rückgänge im Umsatz gehabt. Unsere Produkte nutzen ja beispielsweise oft auch Studierende, die Ruhe zum Lernen und Konzentrieren brauchen. In Deutschland wurde darum 2020 weniger verkauft. Glücklicherweise konnten wir dies mit unserem Geschäft im Ausland ausgleichen. Inzwischen sind wir wieder bei den Zahlen aus 2019, also wie vor der Pandemie. Alles in allem lässt sich wohl sagen: Wir haben es gut überstanden und niemanden entlassen müssen. Bei uns im Haus gab es auch keine Kurzarbeit, wir haben auf Vorrat produziert. Als Herstellungsbetrieb mussten wir Produktion, Lager, Versand und Qualitätskontrolle durchgängig besetzt halten. Homeoffice konnten wir daher nur für einzelne Büroarbeitsplätze anbieten. Ansonsten haben wir alle uns möglichen Vorkehrungen getroffen, um unsere Mitarbeiter vor dem Virus zu schützen. Dazu gehören die bekannten Hygienemaßnahmen wie Abstandhalten, Desinfektion und Masketragen, aber auch Plexiglasscheiben, getrennte Arbeitsgruppen und kostenlose Selbsttests. Aktuell wenden wir natürlich die 3 G-Regelung für Mitarbeiter und Besucher an und dokumentieren das alles auch penibel.

Wie gestaltet sich der Austausch zwischen der Geschäftsleitung und der Gemeinde?

Wir fühlen uns von der Gemeindeverwaltung tatsächlich gut betreut, auch wenn wir, mit Ausnahme von Bürgermeister Gregor Sommer, wenig mit ihr zu tun haben. Ich glaube aber auch, dass wir als Unternehmen recht »pflegeleicht« sind, wir haben selten Probleme oder Notlagen, bei denen uns die Gemeinde helfen muss. Die Bauphase verlief reibungslos und die Gemeinde hatte für unsere Anliegen immer ein offenes Ohr. Bisher wurden wir von dieser Seite immer unterstützt. Der einzige Wermutstropfen in Wehrheim ist tatsächlich die doch recht hohe Gewerbesteuer.

Welche Möglichkeiten zur Entwicklung sieht Ohropax für die Zukunft?

Wir sind bereits seit 30 Jahren in Wehrheim und konnten hier kontinuierliches, moderates Wachstum umsetzen. Unser Wunsch und Plan ist, dass sich das fortsetzt und wir aus der Substanz langsam sowohl im Inland als auch Export wachsen. Natürlich möchten wir auch neue Auslandsmärkte erschließen, beispielsweise in Richtung Osteuropa, Skandinavien und Asien. Nicht nur in China, sondern vor allem auch in Korea und Vietnam finden sich Märkte, wo wir Wachstumspotenzial sehen und um die wir uns bemühen. Gerade vor zwei Jahren haben wir noch einmal 2000 Quadratmeter Fläche an das Gebäude angebaut. Unten befindet sich eine Lagerhalle, im Obergeschoss wird die Produktion nach und nach erweitert. Wir möchten die Fläche und die Kapazitäten, die wir haben, natürlich auch mit Leben füllen. Zudem wird der Standort Wehrheim nun noch attraktiver, falls Glasfaser verlegt werden würde. Das ist für uns als Unternehmen natürlich von Interesse.

Welche räumlichen Potenziale gibt es hier am Standort Wehrheim?

Dieses Gebäude gibt uns viele Möglichkeiten, die wir auch nutzen wollen. Nachdem wir den neuen Gebäudeteil errichtet haben, bleibt uns jedoch nun nur noch wenig weiterer Spielraum auf unserem Gelände für eine mögliche Erweiterung. Doch wir haben den Anbau ja gerade erst fertiggestellt. Sollten wir da später noch Raumbedarf haben, müssten wir sicherlich noch einmal mit der Gemeinde reden (schmunzelt).

1907: Apotheker Maximilian Negwer, der in Berlin Schöneberg eine Drogerie mit etwa 100 Produkten betrieb, erfindet gebrauchstüchtige Ohrenstöpsel aus Wachs. Auf die Idee hatte ihn eine Freundin gebracht, die auch ein Gebrauchsmuster angefertigt hatte.

1928: Das Unternehmen zieht nach Potsdam um.

1958: Das Familienunternehmen siedelt nach Bad Homburg um, nachdem der Betrieb in der DDR verstaatlicht worden war.

1991: Michael Negwer übernimmt die Geschäftsleitung, das Unternehmen zieht nach Wehrheim.

2011: Ein größeres Firmengebäude in Wehrheim wird bezogen. INF

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ualoka_0803_Stoepsel_0903_4c_1 © Inka Friedrich
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ualoka_0803_OhropaxStoeps_4c_2 © Inka Friedrich

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