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Die große Angst vor dem Gas-Stopp

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Bei Barth Galvanik in Oberursel schießen die Kosten für Gas durch die Decke - richtig problematisch wäre es aber, wenn der Energieträger gar nicht mehr zur Verfügung stehe. © Red

Hochtaunuskreis. Jedes fünfte Unternehmen ist direkt von den Auswirkungen des Ukraine-Krieges betroffen. Weitere 42 Prozent sind es indirekt - durch steigende Preise, Transportprobleme oder Lieferengpässe. Bei den konkret genannten Folgen dominieren mit Abstand die Energiekosten. Das geht aus einer von der Industrie- und Handelskammer Frankfurt (IHK) unter 100 Unternehmen, auch im Hochtaunuskreis, durchgeführten Umfrage hervor.

Demnach berichten fast drei Viertel der Unternehmen von Störungen in der Lieferkette und Logistik (45 Prozent), höheren Kosten für Rohstoffe und Vorleistungen (43 Prozent) sowie fehlenden Rohstoffen und Vorleistungen (34 Prozent). Fast jedes vierte Unternehmen fürchtet die Zunahme von Handelshemmnissen oder den Verlust von Geschäftspartnern und Geschäftsbeziehungen, erklärte IHK-Präsident Ulrich Caspar zum Ergebnis der Umfrage. Zugleich stellt er aber auch fest, dass der Krieg auf die Finanzlage der Unternehmen bisher eher geringe Auswirkungen habe. Nur knapp jedes zehnte Unternehmen berichtet von einer deutlich schlechteren Finanzlage bis hin zur Insolvenzgefahr.

Das Bad Homburger Unternehmen Ringspann ist mit 500 Mitarbeitern weltweit führender Hersteller von Antriebskomponenten für Getriebemotoren, Antriebstechnik für Industriegetriebe und Spannzeugen zur Herstellung von Zahnrädern und Getriebeteilen.

Stahl wird zu einem knappen Gut

Es produziert nach den Worten des Geschäftsleiters Ernst Fritzemeier vorwiegend mit elektrischer Energie, weniger mit Gas. Allein: Das Unternehmen würde laut Oliver Brockmann, Leiter Strategischer Einkauf, »von einem Gas-Stopp, der zu einer Zuteilung der Bundesnetzagentur für Krankenhäuser und Privathaushalte führen würde, dennoch empfindlich getroffen werden«. Der eigene Gasbedarf sei indirekt, da von Ringspann weiterverarbeitete Vorprodukte wie Stahl, Gesenkschmiedeteile und Gussteile von Lohnhärtereien vorwiegend mit Gas verschleißfest gemacht werden. Da Ringspann sicherheitskritische Bauteile der Antriebstechnik herstelle, sei es wichtig, an dafür zuständiger Stelle darauf hinzuwirken, dass das Unternehmen als systemrelevant eingestuft wird, meint Brockmann.

Produktionsengpässe, Lieferverzögerungen oder gar Lieferausfälle gebe es derzeit aber nicht, erklärt Fritzemeier. Die Störungen bei der Versorgung mit Stahl wegen des Ausfalls der Produktionskapazitäten in der Ukraine und in Russland hätten mithilfe des Lieferanten weitestgehend behoben werden können, indem dieser nun Stahl aus anderen Quellen beschafft. Über alle Vorprodukte hinweg seien aber Preissteigerungen im Bereich von geschätzt 10 bis 15 Prozent zu verkraften, »die teils wohl nicht zu 100 Prozent durch Kostensteigerungen berechtigt sind«, sagt Fritzemeier.

Barth Galvanik in Oberursel leidet ebenfalls extrem unter explodierenden Energiepreisen, vor allem beim Gas. »Normalerweise haben wir monatlich Energiekosten von 150 000 bis 170 000 Euro, jetzt sind wir bei 370 000 Euro«, sagt Geschäftsführer Peter Dietz, bleibt dabei aber trotzdem gelassen: »Es kommt, wie’s kommt, wir haben darauf keinen Einfluss:»

Bislang sei es dem Traditionsunternehmen aber gelungen, die steigenden Kosten an die zum Glück verständnisvollen Kunden, zumeist Automobilhersteller, weiterzugeben. »Wir sind zu 70 Prozent automobillastig. Ohne unsere Schrauben, Bolzen und Verbindungselemente würde jedes Auto auseinanderfallen, damit sind wir systemrelevant - eigentlich«, sagt Dietz und ergänzt: »So lange wir Gas, auch wenn es extrem teuer ist, bekommen, läuft es. Sollte es aber zum Gas-Embargo kommen, haben wir, hat ganz Deutschland, ein riesiges Problem, es gibt keinen Plan B.«

Manche streichen schon Investitionen

Nach den Worten von IHK-Chef Caspar haben bereits vor dem Krieg Lieferprobleme und Preissteigerungen bei Energieträgern und Rohstoffen teilweise zu großen Schwierigkeiten bei den Unternehmen geführt, die sich nun aber, auch durch die verhängten Sanktionen gegen Russland, noch einmal verschärft hätten.

So hätten inmitten der Coronavirus-Pandemie im Sommer 2021 21 Prozent der Unternehmen von Liquiditätsengpässen und fünf Prozent von einer drohenden Insolvenz berichtet. 38 Prozent der regionalen Unternehmen hätten die Preissteigerungen dann an die Kunden weitergeben müssen. In 22 Prozent der Firmen würden geplante Investitionen gestrichen oder ausgesetzt, bei 18 Prozent werde die Lagerhaltung erhöht.

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