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Die Mutter des Eine-Welt-Ladens

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Blättert in Erinnerungen: Ulrike Hildegard Schmidt hat den Eine-Welt-Laden in Usingen gegründet. © Jung

Ulrike Hildegard Schmidt setzt sich seit Jahrzehnten für Notleidende in aller Welt ein

Usingen -Ihr Engagement für Mitmenschlichkeit ist ungebremst. Auch die Tatsache, dass sie jetzt 82 Jahre alt ist, kann daran nichts ändern. Ulrike Hildegard Schmidt stammt dem Sudetenland und weiß als ehemaliges Flüchtlingskind um die Not jener, die aus ihrer Heimat vertrieben worden sind. Die Flucht und die damit verbundenen Gräuel haben sie geprägt. Anderen zu helfen ist ihr Lebensmotto. Das Haus, in dem sie seit über 40 Jahren lebt, teilt sie mit einer aus der Ukraine geflüchteten Familie. Mangels eigener Enkel hat sie ein Patenkind aus Indien. Und sie ist die "Mutter" des Eine-Welt-Ladens in Usingen. Im Gespräch mit der Zeitung schildert sie den langen Weg dorthin.

Vertreibung und Flucht prägend

Am 20. Juni 1945 wurden sie und ihre Mutter mit vorgehaltenem Maschinengewehr aus dem Haus gejagt. Sie retteten sich zunächst zum Vater und Großvater, der ihnen weiterhalf, bis sie sich in einem Flüchtlingszug nach Bayern wiederfanden. Im Herbst 1946 wurde die kleine Ulrike eingeschult.

Die Mutter suchte immer wieder nach ihren Schwestern und als sie diese auch tatsächlich in einem der Transporte fand, wurde Ulrike als "blinder Passagier" mitgenommen und über Neu-Anspach ging es schließlich nach Eschbach. "Ein Kulturschock. Von der Großstadt in ein Bauerndorf", erinnert sie sich lächelnd. Hier lebte Ulrike mit Mutter und weiteren Verwandten. Wie so viele andere Vertriebenen bauten sie sich ein neues Leben auf. Die Mutter war Schneiderin von Beruf, nähte viel für die Dorfbevölkerung. Außerdem hielt sich die Familie Hasen, Hühner und Schweine, baute im Garten Obst und Gemüse an - ein gewisser Wohlstand kam auf.

Honig an der

Haustür verkauft

Ulrike machte eine Ausbildung in einem italienischen Reisebüro, wo sie ihren späteren Mann traf. 1963 wurde geheiratet und Sohn Christoph Helmut Schmidt kam zur Welt. Er lebt in Hamburg, wurde aber in Bad Homburg geboren. Deshalb wird er von der Familie scherzhaft "Prinz von Homburg" genannt. Enkel gibt es keine. Schon früh verwitwet, musste Ulrike für das Familieneinkommen sorgen. Sie ging in den öffentlichen Dienst und arbeitete viele Jahre im Warnamt in Bodenrod. Noch heute hat sie Kontakt zu ihren ehemaligen Kolleginnen und Kollegen.

Denn Ulrike ist jemand, der sich kümmert. "Wir sind zwar vom Pfarrer als böhmisch-katholisch bezeichnet worden, weil wir nur zweimal im Jahr in der Kirche auftauchen, an Ostern und Weihnachten", lacht sie. Mit der Schwester des damaligen Pfarrers Gärtner begann sie damit, den heutigen Eine-Welt-Laden aufzubauen. "Wir haben die ersten Gläser Honig an der Haustür verkauft", kann sie sich gut an die Anfänge erinnern.

Stück für Stück wurde das Sortiment ausgebaut - damals Pionierarbeit, wie sie weiß. Sie war auch für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Im Pfarrgemeinderat aktiv und schon früh für die Missionsarbeit in der Welt engagiert, schrieb sie Briefe an die Zeitungen, kaufte ein, nahm Überweisungen von Spendengeldern entgegen und vieles andere mehr. Damals lief vieles per Telefon. In einem dicken Ordner, in dem sie ihre vielfältigen Aktionen archiviert hat, blättert sie gerne. Dabei kommen die Erinnerungen hoch. Nicht wehmütig, sondern voller Freude berichtet sie, was sie damals so alles in Angriff nahm. Gerne ist sie im Verein Eschbacher Ortsgeschichte, denn sie weiß vieles über die damaligen Verhältnisse und ist deshalb eine wichtige Ansprechpartnerin.

Die Pfarrer in Usingen hat sie kommen und gehen sehen. Pfarrer Gärtner, Pfarrer Paul, Pfarrer Lawatsch. Jetzt ist es Tobias Blechschmidt, der der fusionierten Kirchengemeinde St. Franziskus und Klara vorsteht. Sie erinnert sich auch an den damaligen Neubau der katholischen Kirche in Usingen, der in den sechziger Jahren voran ging, und hat Zeitungsartikel aus der Zeit aufbewahrt.

Inzwischen steht dem Eine-Welt-Laden Helga Fleischer vor. Viele Ehrenamtliche sorgen dafür, dass im Eine-Welt-Laden die Waren ansprechend präsentiert werden. Neben Hugo Craenen vom Ausländerbeirat gehört auch Martina Drexelius dazu; ihr Mann ist Organist in der Kirche und kümmert sich um die Bestellungen für den Eine-Welt-Laden per Internet. Auch Ulrike bestellt inzwischen besondere Dinge per Bestellschein.

Nun hat sie begonnen, Dinge auszusortieren, Ordnung zu schaffen, abzugeben. Etwa den dicken Ordner, in dem sie ihre Beiträge zum Eine-Welt-Laden und ihr übriges Engagement gesammelt hat. Diese gesammelten Werke will sie bei passender Gelegenheit dem jetzigen Team des Eine-Welt-Ladens überantworten.

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