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Die Tradition des Eierschibbelns lebt noch

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Anfang der 1950er waren besonders viele Cratzenbacher an Ostern auf dem Schibbelberg oberhalb des alten Rathauses. REPRO: EVELYN KREUTZ © Red

Weilrod-Cratzenbach. »Wir haben als Kinder…«: So beginnen Berichte über Traditionen, die auch in den meisten Taunusdörfern oft schon lange keine mehr sind. Viele Bräuche wurden verdrängt durch den Oster-Tourismus, weil Familien über die ganze Republik verteilt wohnen. Doch in Cratzenbach treffen sich auch heute noch an Ostern Alt und Jung am Schibbelhang hinter dem Alten Rathaus zum Eierschibbeln.

Eier geschützt in einem Stoffball

Eins vornweg: In Cratzenbach werden nicht wie in anderen Regionen Deutschlands die Eier selbst gerollt oder geworfen. In dem Weilroder Ortsteil stellen die gefärbten Eier den Einsatz dar, um den Kinder und Erwachsene spielen. Geschibbelt oder geworfen wird mit einem zylinderförmigen Stoffball, der eher aussieht wie eine dicke Wurst. »Der mit Stoffresten gefüllte Schibbelball wird nach dem Vergnügen bei Bedarf gewaschen und bekommt, wenn er aus den Fugen gerät, eine neue Hülle«, erzählt Waltraud Buhlmann. Sie weiß es deshalb so genau, weil sie selbst schon als Kind ihren Spaß am Eierschibbeln hatte und es damals ganz andere Stoffe gab. »Die aktuelle Hülle aus Jeansstoff ist robust und hält ziemlich lang«, erzählt sie.

Vorkonfirmanden haben vorab zu tun

Sie weiß mehr über die Tradition: »Mein Opa, 1883 geboren, hat mir erzählt, dass er schon zum Eierschibbeln gegangen ist.« Und so halten es auch Waltraud Buhlmann und ihr Mann Erwin, die heute mit ihren Enkeln und anderen Familien aus dem Dorf diesen Brauch aufrechterhalten und auch immer die Neubürger einbeziehen. »Wer Besuch an Ostern hat, bringt den auch einfach nachmittags mit«, erzählen sie.

Erwin Buhlmann, Archivar im Geschichtsverein Weilrod, hat ein Foto von Anfang der 1950er Jahre herausgesucht und stellt fest: »Damals waren viele Cratzenbacher, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg als Flüchtlinge hierherkamen, an Ostern auf dem Schibbelhang dabei.« Denn Ostern ohne Eierschibbeln, das geht in Cratzenbach bis heute nicht, selbst wenn es die berühmten Backsteine regnet.

Der Schibbelball wird bis zum nächsten Jahr beim ältesten Vorkonfirmanden aufbewahrt. Früher haben dessen Eltern auch vor Ostern den Hang gemäht, heute übernimmt das der Bauhof der Gemeinde. Aber die Vorkonfirmanden richten den Abwurfbalken fürs Spiel um die hartgekochten gefärbten Eier sowie die Sitzbänke her. Und der älteste Vorkonfirmand ist Spielleiter.

Regeln genau festgehalten

Die Regeln sind überliefert und nicht mehr auf einer Schiefertafel notiert, sondern auf Papier ausgedruckt. Jeder kann mitmachen und setzt vor jeder Runde am unteren Ende des Hangs ein hartgekochtes gefärbtes Ei. Der Spielleiter achtet darauf, dass die Ostereier in der Reihe mindestens eine Schibbelball-Länge Abstand zueinander haben, damit ein Werfer nicht zwei Eier gleichzeitig trifft. Der älteste Teilnehmer beginnt, dann geht es weiter bis zum Jüngsten. Es kann geschibbelt oder geworfen werden. Wird ein Osterei berührt und wackelt, hat man es gewonnen.

»Wer den Stoffzylinder den Berg hinunterkullern lässt braucht dabei auch immer ein bisschen Glück«, weiß Waltraud Buhlmann. Denn auf dem unebenen Untergrund holpert der Ball. Wer auf seine Treffsicherheit setzt, muss damit rechnen, dass das getroffene Ei zu Bruch geht.

Das letzte ist das »Kautei«

Und nicht jeder mag im Eiersalat auch Zutaten vom Schibbelberg. Sind nur noch vier oder fünf Eier vorhanden, wird der Abstand vergrößert, bis als nur noch ein Ei, das sogenannte »Kautei« übrig ist. Das kommt in die Kaut, wie man in Cratzenbach eine Kuhle oder Mulde nennt, damit es von oben nicht zu sehen ist. Dort darf es nur mit einem Wurf getroffen werden, damit die Runde beendet ist und das Spiel von Neuem beginnt.

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Von ihrem Opa weiß Waltraud Buhlmann, dass der schon als Kind in Cratzenbach beim Eierschibbeln mitgemacht hat. Die überlieferten Spielregeln - nicht Eier, sondern die Stoffrolle wird geschibbelt - hat ihr Mann Erwin Buhlmann irgendwann einmal schriftlich festgehalten. © Evelyn Kreutz

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