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Alexander Gauland.

AfD-Vize Alexander Gauland spricht

„Dr. Tweed“ erklärt die Welt

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Wer Erhellendes oder Verdunkelndes zur Flüchtlingskrise erwartet hatte, wurde vom Auftritt von AfD-Vize Alexander Gauland enttäuscht. Der hielt sich eisern an sein angekündigtes Vortragsthema: die außenpolitischen Vorstellungen seiner Partei.

Es dauert geschlagene 41 Minuten, bis der AfD-Bundesvize Alexander Gauland das erste Mal das Wort Flüchtlinge in den Mund nimmt – und dann auch nur in einem Nebensatz. Nein, Dr. Tweed, wie ihn der „Spiegel“ aufgrund seiner Vorliebe für eben solche Sakkos getauft hat, will am Donnerstagabend im Vereinshaus Dornholzhausen partout nicht über Flüchtlinge reden.

Vielleicht sitzt ihm sein Auftritt vom Vorabend in Frankfurt noch in den Knochen. Im Bürgerhaus Praunheim hatte sich der Spin-Doctor der selbst ernannten Alternative unter anderem mit dem „Schießbefehl“ seiner Vorsitzenden Frauke Petry herumzuschlagen, während vor der Tür eine Anti-AfD-Demo ein wenig aus den Fugen geriet. Da doziert der bald 75-Jährige doch lieber über die Außenpolitik seiner Partei. Doch das ist nicht die einzige Auswirkung, die die Frankfurter Proteste auf den Bad Homburger Auftritt Gaulands haben. Am Nachmittag noch hat die Polizei auf Nachfrage der TZ einen größeren Polizeieinsatz verneint, „man habe die Situation aber im Auge“. Tatsächlich ist man für Schlimmeres gerüstet. Sieben prall gefüllte Mannschaftsbusse stehen auf einem benachbarten Parkplatz Gewehr bei Fuß. Gegen 18.30 Uhr – die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr – haben die Einsatzkräfte so eine bis dahin einzelne Demonstrantin von allen nur erdenklichen Seiten im Blick.

Doch dabei solle es nicht bleiben. Je später der Abend, desto mehr Demonstranten, die sich im Wesentlichen aus Jusos, Linken und Grünen zusammensetzen. Transparente („

Liebe statt Hass

“) und Plakate („Auch Hitler ließ auf Kinder schießen“) werden in die Höhe gestreckt, Flugzettel verteilt. Es dürften um die 100 Personen sein, die da für „Solidarität statt Hetze“ demonstrieren. Und die verdienten sich ein Lob – ihre Proteste bleiben durchweg friedlich. Aber auch die Polizei macht ihren Job gut, hält sich im Hintergrund, wirkt beruhigend.

Im Vereinshaus Dornholzhausen haben sich derweil rund 100 Zuhörer eingefunden – etwa 20 davon gehörten zum Spektrum der Demonstranten. Wer hinein will, muss zunächst an zwei Security-Männern vorbei, bevor an der Tür der AfD-Nachwuchs noch mal ein kritisches Auge auf die Gäste wirft. „Ich wollte mir mal den Herrn Gauland anschauen“, erklärt der Bad Homburger Gerhard Trepczyk sein Kommen. Henning Thöne, der in Bad Homburg für die AfD kandidiert, freut sich darüber, dass die Kurstadt – wohl im Vergleich zu Frankfurt – ein so „ruhiges Pflaster“ sei.

Nach einer kurzen Einführung von Peter Münch, Spitzenkandidat der AfD im Kreis und in Bad Homburg, tritt Dr. Tweed ans Mikro. Was dann kommt, irritiert wohl nicht wenige im Raum. Gauland setzt zu einem Parforceritt durch die europäische Geschichte an, die mal ins Jahr 1866, mal zur Kuba-Krise führt. Faktisch mag das alles stimmen, inhaltlich kommt zumindest rüber, dass die AfD die Türkei nicht in der EU haben will und der russische Präsident Wladimir Wladimirowitsch Putin gar nicht so böse sei, wenn man sich nur die Mühe mache, ihn zu verstehen. Münch sorgt hin und wieder für einen kurzen Zwischen-Applaus.

Mittlerweile zeigen die Jusos im Publikum erste Ermüdungserscheinungen. Den Auftritt des personifizierten Teufels haben sie sich offensichtlich anders vorgestellt. Doch plötzlich steigt der Puls wieder. Das Handy eines jungen Mädchens klingelt. Ein älterer Herr spürt plötzlich wieder Leben in den Knochen, springt auf und erklärt, wie „unerträglich“ es sei, dass „manche Menschen einfach nicht zuhören können“. Sei’s drum, Gauland ist bereits in Afghanistan.

Und dann ist der Geschichtsunterricht auch schon vorbei. Jetzt wollen ihn die Vertreter einer linken Weltsicht doch noch packen. Doch was auch immer die jungen Leute sagen, es prallt an Gaulands Tweed-Sakko ab. Waffeneinsatz an der Grenze? „Dazu ist alles gesagt.“ Menschenwürdiger Umgang mit Flüchtlingen? „Steht alles auf unserer Homepage.“ Und für Verschwörungstheorien habe er ohnehin nichts übrig. Draußen vor dem Bürgerhaus halten die Demonstranten weiterhin ihre Plakate hoch.

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