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Ein Höhepunkt zum Auftakt

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Selten gespielt, doch Oboist Juri Vallentin und das "ensemble reflektor" haben es gewagt: "Helios" von Thea Musgrave wird vielen Allegro-Freunden in bester Erinnerung bleiben. © Saltenberger, Frank

"ensemble reflektor" eröffnet Allegro-Festival - Neuauflage bereits 2023

Usinger Land -Drei Frauen aus drei Jahrhunderten und aus drei Ländern: Die Auswahl hätte vielleicht auch zum internationalen Frauentag gepasst, ganz sicher aber passte sie zum Allegro-Musikfest und war ein Höhepunkt gleich zum Auftakt des bis zum 10. Juli dauernden Festivals.

Der Christian-Wirth-Saal in Usingen war ausverkauft, nach langer Pause war das Publikum hungrig, viel Eröffnungsprominenz stellte sich ein. Landrat Ulrich Krebs war nur in Gedanken dabei. Das versicherte zumindest der Erste Beigeordnete Thorsten Schorr, der in Vertretung des Schirmherrn das erste Grußwort sprach. Die "Lebensimpulse" nach der Pandemie mitzunehmen, darin sah Schorr eine positive Kraft, die in der Musik stecke und dankte den Veranstaltern, in Person der beiden künstlerischen Leiter Friederike Richter und Karl-Werner Joerg, sowie den Sponsoren, darunter der Kulturfonds Frankfurt Rhein Main, für ihr Engagement. Auch Usinger-Land-Kommunen haben ihr Scherflein beigetragen und für die sprach Steffen Wernard als Bürgermeister der Gastgeberstadt - und hatte eine positive Nachricht: Nach zweijähriger Zwangspause werde es im nächsten Jahr gleich wieder ein Musikfest geben, verkündete er, damit sei man dann auch wieder im richtigen Zweijahresrhythmus.

Richter gab derweil Interpretationshilfe zum Motto "Lebensimpulse", dass das erste Nach-Corona-Festival überspannt, aber es ist nicht das erste Nachkriegs-Festival. Die Pandemie habe das Leben auf den Kopf gestellt und der Kriege in Europa ideellen Gewissheiten davongefegt. "Nun stehen wir trotzdem hier und spielen und hören Musik." Dabei dachte sie vor allem an die Zukunft, die den jungen Menschen gehöre: "Nehmen wir die Werke der Vergangenheit und Gegenwart mit in die Zukunft", sagte sie und gab die Bühne frei.

Die gehörte der Jugend, denn das "ensemble reflektor" schrammt altersmäßig gerade so am Jugendorchester vorbei, ist aber schon eine feste Größe gerade im norddeutschen Raum im Dunstkreis der Elbphilharmonie. Das orchestrale Ensemble hat seine aktuellen Konzertreihe mit einem eigenen Motto überschrieben und das heißt: "awake".

Aktueller Zündstoff in alten Werken

Welchen Zündstoff für neue Impulse in alten Werken verborgen liegt, zeigten die jungen Musiker gleich mit dem ersten Stück und deren Komponistin Maddalena Casulana, die in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gelebt und gewirkt hat. Sie hat der Nachwelt unter anderem mehrstimmige Madrigale hinterlassen. Drei davon hatten die Musiker, genauer gesagt die Bläser, mitgebracht und gaben sie mit einer kleinen "Choreografie" zum Besten. Die Stimmen wurden auf die Blasinstrumente verteilt, vom Flügelhorn, über Querflöte, Fagott, Klarinette und, der nächste Programmpunkt warf seien Schatten voraus, auf die Oboe. Die jeweiligen Bläser erhoben sich kurz vor ihrem Einsatz aus dem Kreis des sitzenden Orchesters, mal hinten, mal an den Seiten. "Ahi Possanza", "O Notte" und "Morir non può il mio core", lauteten die Titel der weltlichen Lyrik und verbreiteten eine sakrale, zumindest feierliche Stimmung. Tertium comparationis war die Oboe, die es schaffte, den Kontrast zum Hauptwerk des Abends "Helios", ein selten aufgeführtes Stück von Thea Musgrave zu überbrücken.

Die entspannten Trommelfelle wurden gepulst, vorbei war es mit der Stimmung, stattdessen wurde es emotional. Dafür sorgte der Solist des Abends, Juri Vallentin, aber der beileibe nicht allein. Der antike Sonnengott Helios zieht bekanntlich mit einem Pferdegespann, vertont mit Bläsern, den Sonnenwagen über den Himmel. Dass dies kein Sonntagsfahrt ist, wurde schnell klar, denn das Orchester sorgte für reichlich Turbulenzen, so mancher Streicher-Schwarm war zu umfahren, oder mittig zu durchdringen. Selten sind bei einem Werk Solostimme und Orchester derart verwoben, wie in dem Konzert für Oboe und Orchester von Musgrave aus dem späten 20. Jahrhundert, doch das Ensemble unter der Leitung von Thomas Klug verstand es, Liebhabern faktisch zeitgenössischer Musik ein außerordentliches Klangerlebnis zu bereiten.

Jazz-Night

am Freitag

Das wurde in der Pause verdaut, aber auch danach mussten sich die Ohren erneut an ein anderes Jahrhundert gewöhnen. Diesmal an das 19. und die Komponistin Louise Farrenc. In der Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 35 zieht die Pianistin, Komponistin und Musikwissenschaftlerin alle Register des musikalischen Historismus.

Nach feierlicher und theatralischer Stimmung entließ Allegro das Publikum so mit frühromantischer Stimmung aus dem Eröffnungskonzert. Das darf sich schon auf das nächste Highlight freuen: Am Freitag, 1. Juli, lädt der Veranstalter zur Jazz Night auf den alten Usinger Marktplatz ein.

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Eine Hommage an drei Komponistinnen aus drei Jahrhunderten: Thomas Klug eröffnet das Allegro-Musikfest mit dem "ensemble reflektor" im Usinger Christian-Wirth-Saal. FOTOs: SALTENBERGER © Saltenberger, Frank

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