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(K)Eine kesse Sohle

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Tanzlehrer Volker Thönnes hat mit seiner Tanzschule in Wehrheim eine harte Zeit hinter sich. Denn Tanzschulen mussten wegen der Coronavius-Pandemie ihre Türen länger geschlossen halten als viele andere öffentliche Einrichtungen. © Inka Friedrich

Wehrheim . Als die Coronavirus-Pandemie im März 2020 so richtig Fahrt aufnahm, hieß es für viele Geschäfte erst einmal: zumachen. Anfang Mai gab es dann die ersten Lockerungen. Doch die galten nicht für jeden Bereich des öffentlichen Lebens. Tanzschulen durften damals ihre Pforten beispielsweise nicht öffnen, sie fielen in die gleiche Kategorie wie Discos, Tanzlokale, Bordelle und, man staune, Verrichtungsboxen.

»Für uns war das damals ein ziemlicher Hammer«, bekennt Volker Thönnes, Inhaber der gleichnamigen Tanzschule, die sich im Untergeschoss der Wehrheimer Mitte befindet. Denn die kleine Tanzschule ist ein Familienbetrieb, der dadurch, dass sämtliche Veranstaltungen unterbunden waren, keinerlei Einnahmen mehr generierte. »Wobei keinerlei ist nicht ganz richtig. Viele Kunden und Mitglieder haben ihren Beitrag weiterbezahlt, obwohl sie nicht zum Tanzen kommen konnten. Kaum einer ist abgesprungen«, berichtet Thönnes dankbar.

Nur ein Tropfen auf den heißen Stein

Dennoch war das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Denn die Tanzschule finanziert sich nicht nur über weiterführende Tanzkurse, bei denen regelmäßig ein Beitrag abgebucht wird. Sämtliche Anfänger- und Fortgeschrittenenkurse, für die man keine Mitgliedschaft in einem Club eingehen muss, sowie alle Veranstaltungen, bei denen Feierwillige die Räume für Hochzeiten oder Geburtstage zusammen mit einem DJ, einer entsprechenden Beleuchtung sowie einer kleinen Bar, mieten können, fielen aus - bis heute. »Dieser Umsatz, der von jetzt auf gleich völlig wegfiel, war für uns ziemlich schwer zu kompensieren«, erklärt der ausgebildete Tanzlehrer.

Ein Umstand, der ihn und seine Familie in arge Bedrängnis brachte. Damals habe er nicht mehr gewusst, wie er seine Rechnungen begleichen sollte. Denn die laufenden Kosten blieben. Und auch der Vermieter, eine Kommunale Grundstücksgesellschaft, sei dem Selbstständigen keinen Millimeter entgegengekommen, sodass er trotz wesentlich geringerer Einnahmen die volle Miete für die Räume zu tragen gehabt habe. »Ich habe damals nicht gewusst, wie es weitergehen soll. Doch eine Klage hätte mich noch mehr Geld gekostet«, sagt er.

Da es jeder Tanzschule in ganz Deutschland ebenso ging, habe sich damals der Präsident des Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverbands (ADTV) dafür eingesetzt, dass Tanzschulen eben doch in eine andere Kategorie fallen als Bordelle, Discotheken oder Verrichtungsboxen. »Wir bekamen damals einen eigenen Passus und konnten glücklicherweise im Juni wieder öffnen«, erklärt der 53-Jährige. Die Öffnung sei jedoch mehr oder minder von »jetzt auf gleich« gekommen und habe den Tanzschulen kaum Vorbereitungszeit gelassen. »Man hat uns am Donnerstag gesagt, dass wir am Montag wieder öffnen können. Doch wir mussten ja zunächst die Räumlichkeiten in den Zustand versetzen, damit das unter den bestehenden Hygieneregeln überhaupt klappt«, erklärt der Selbstständige. Glücklicherweise sei die Örtlichkeit so aufgebaut, dass man tatsächlich einen getrennten Zu- und Abgangsbereich einrichten konnte.

Deutlich geringere Nachfrage als früher

Im Bereich der Tanzschulen habe es, wie in der Gastronomie auch, das Problem gegeben, dass viele ihre Angestellten entweder in Kurzarbeit schicken oder gleich ganz kündigen mussten. »Das mussten wir glücklicherweise nicht, dafür sind wir zu klein«, betont Thönnes - er unterrichtet sämtliche Gesellschaftstanzkurse und zwei weitere Angestellte Kindertanz. Jedoch hätten sich viele Tanzlehrer mittlerweile andere Jobs gesucht oder seien in ihren alten Beruf zurückgegangen.

Mittlerweile biete man wieder normale Tanzkurse an. Die Nachfrage danach ist jedoch deutlich verhaltener als vor der Pandemie. »In unseren wöchentlichen Kursen gibt es zahlreiche Stammkunden, die froh sind, dass wir wieder da sind, andere verhalten sich immer noch sehr vorsichtig«, beschreibt der Selbständige die Lage. Neueinsteigerkurse fänden nur noch ganz plätschernd statt. Früher seien drei bis vier neue Kurse pro Saison dazugekommen, heute ist Thönnes froh, wenn er einen Kurs voll bekommt. Dabei gelte bei ihm in der Tanzschule die 2 G-plus-Regel. »Natürlich hatten wir auch Kunden, die sich nicht impfen lassen wollten. Doch auf die haben wir leider verzichten müssen - zum Schutz der anderen«, betont der Inhaber. Zudem sei die Anzahl der Menschen, die gleichzeitig tanzen dürfen, ebenfalls limitiert. »Früher haben wir hier zahlreiche Paare gehabt, nun können nur zehn bis zwölf gleichzeitig tanzen.«

Natürlich haben Thönnes und seine Frau, die ebenfalls tatkräftig in der Tanzschule mitarbeitet, versucht, Alternativen anzubieten, wie beispielsweise Kurse per Video zu geben. »Doch das ist für uns kaum zu leisten, schon wegen der technischen aber auch ganz pragmatischen Anforderung. Hier schreibt einer im Chat, da hat einer Verzögerungen oder die Technik fällt gleich ganz aus«, berichtet er. So habe man diese Anstrengungen wieder eingestellt.

Zwischendurch habe er sich, bekennt Thönnes, oft frustriert gefühlt: »Am Schlimmsten war es eigentlich in den Osterferien des vergangenen Jahres. Da war dieser kurze Moment, in dem jeder über Öffnung sprach. Doch dann kam die Notbremse eine Woche später und alle Hoffnungen sind wie Eis in der Sonne geschmolzen.« Damals glitt die Tanzschule erneut in den Dornröschenschlaf. Um als Selbstständiger über die Runden zu kommen habe er schließlich einen privaten Kredit aufnehmen müssen.

Umsatteln wäre schwierig gewesen

Ob er zwischendurch überlegt hat, aufzuhören? »Das hatte ich tatsächlich. Doch in meinem Alter gibt es kaum Alternativen. Ich bin seit 20 Jahren ausgebildeter Tanzlehrer, bin nun seit elf Jahren selbstständig und hätte eigentlich im vergangenen Jahr Jubiläum feiern müssen. Ich liebe meinen Job. Aber jetzt noch etwas anderes zu machen ist schwierig«, bekennt der 53-Jährige.

Zudem habe er den Beruf ja aus einem bestimmten Grund ergriffen. »Ich liebe es, zu tanzen und Menschen meine Leidenschaft näherzubringen. Auch für mich ist es eine Belohnung, wenn man sieht, wie sich ungelenke Personen Stück für Stück immer weiter verbessern. Und letztlich ist es einfach unbezahlbar, was Menschen einem dann zurückgeben.«

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