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"Eine Spaltung ist längst da"

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Für Pfarrer Tobias Blechschmidt sind die hohen Austrittszahlen ein warnendes Signal, dass es so innerhalb der katholischen Kirche nicht weitergehen kann. © seifert

Auch in der Großpfarrei St. Franziskus und Klara blickt man mit Sorge auf die in diesen Tagen veröffentlichen Austrittszahlen. 359 338 Männer und Frauen haben sich 2021 aus den Reihen der katholischen Kirche verabschiedet und sind ausgetreten. Was sind die Gründe für diese Entscheidung und welche Schritte müssen die Kirchenverantwortlichen einleiten, damit Menschen "ihre" Kirche wieder als Heimat für die Seele begreifen und sich mit Überzeugung dort auch einbringen?

Mitarbeiter Andreas Seifert hat mit dem Leiter von St. Franziskus und Klara, Pfarrer Tobias Blechschmidt, gesprochen und spannende Antworten erhalten.

Herr Pfarrer Blechschmidt, fast 360 000 Menschen haben in Deutschland im vergangenen Jahr der katholischen Kirche den Rücken gekehrt. Was empfinden Sie als junger Seelsorger, wenn Sie mit dieser Zahl konfrontiert werden?

Das sind dramatische Zahlen, die uns zeigen, dass es so nicht weitergehen kann. Sie waren zu befürchten, aber dennoch schocken sie und tun sehr weh, weil wir vor Ort mit all unseren Kräften versuchen, kirchliches Leben so zu gestalten, dass die Menschen sich angenommen und heimisch fühlen. Natürlich ist klar: wir können es nicht schaffen, alle zu erreichen und wir werden es nie allen recht machen, auch mit Entscheidungen, die getroffen werden müssen. Aber dennoch tut jeder Kirchenaustritt weh.

Wie gehen Sie mit Kirchenaustritten in Ihrer Pfarrei um? Suchen Sie das Gespräch mit den Ausgetretenen oder nehmen Sie das Ereignis nur zur Kenntnis?

Dadurch, dass der Kirchenaustritt nicht bei der Kirche, sondern bei staatlichen Stellen erklärt wird, haben wir in der Regel vorher keine Möglichkeit, mit den Menschen das Gespräch über die Entscheidung zu suchen. Nachdem wir von Kommunen eine Mitteilung über den Kirchenaustritt erhalten, schreibe ich jedem Ausgetretenen einen Brief und biete darin auch noch einmal ein Gespräch an. Das wird auch immer wieder genutzt. Ebenfalls erhalten die Ausgetretenen mit diesem Brief einen Rückmeldebogen, in dem sie ihre Beweggründe für die Kirchenaustritte angeben können. Hier erhalten wir zahlreich Antworten mit den Beweggründen zurück.

Welche Ursachen haben aus Ihrer Sicht die hohen Austrittszahlen? Sind es der oft genannte Reformstau innerhalb der katholischen Kirche, der Missbrauchsskandal oder vielleicht auch der schwindende Glaube der Menschen?

Die Rückmeldungen, die wir hier von Ausgetretenen bekommen sind eindeutig und decken sich mit denen, die die Medien derzeit in ihren Berichterstattungen nennen. Viele Menschen haben einfach genug oder sind von ihrer Kirche zutiefst enttäuscht. Das merken wir auch daran, dass der Kirchenaustritt in der Mitte der engagierten Gläubigen angekommen ist und auch zahlreiche Ehrenamtliche nicht mehr bereit sind, bei dem was die Kirche sagt, mitzugehen. Die Ursachen und Gründe sind dabei trotzdem vielfältig: Zum einen haben wir mit einem Glaubwürdigkeitsproblem zu tun, das sich auch bezüglich des Moralanspruches der Kirche zeigt. Besonders deutlich wird dies im Zusammenhang mit den Ergebnissen der Studien zu Vertuschung von sexuellem Missbrauch und übergriffigem Verhalten in unserer Kirche. Das ist wie eine Wunde, die keine Chance hat zu vernarben, weil jedes neue Gutachten wieder an ihr kratzt. Dennoch hilft da nichts, da müssen wir durch, auch wenn es weh tut. Gleichzeitig werden aber auch die mangelnde Bereitschaft zu Reformen und die teils auch klerikalen Strukturen des Machterhaltes in unserer Kirche als Gründe herangezogen, bis hin zur Fragen von Lebensformen und der Rolle der Frau, denen wir uns dringend stellen müssen. Aber das entscheidende Problem ist eines: Sehr viele Menschen spüren, dass sie mit ihrer Lebenswirklichkeit scheinbar keine Heimat mehr in der Kirche finden können. Das tut weh und zeigt, dass die Kirche es verpasst hat, sich wesentliche Fragen zu stellen, wenn die Botschaft Jesu weiter missionarisch unter den Menschen wirken soll.

Einhergehend mit den hohen Austrittszahlen leidet die Kirche unter einem hohen Personalmangel. Längst können Sie als Pfarrer einer Pfarrei mit elf Kirchorten und rund 11 000 Christen nicht mehr überall persönlich präsent sein. Wie müssen/ wie sollen die Menschen daher heute "Kirche leben"?

Das System Kirche, wie wir es bisher kannten, ist kollabiert. Die sogenannte Volkskirche befindet sich in den letzten Zuckungen. Wer sich auf einem reinen Bewahren, wie es immer war, ausruht, der wird auf dem Weg verloren gehen. Ein Patentrezept, wie Kirche heute gehen muss, gibt es dabei aus meiner Sicht nicht. Kirche wird dort leben, wo Menschen bereit sind, sich für ihren Glauben einzusetzen und sich für die Gemeinschaft zu engagieren und zwar mit den Fähigkeiten, die der oder die Einzelne mitbringt. Egal ob hauptamtlich oder ehrenamtlich: Wir können nicht überall sein und nicht alles machen. Es wird auch Dinge geben, die es einfach nicht mehr gibt. Was wir aber tun, muss glaubwürdig sein, Qualität haben, andere Menschen begeistern und mitziehen. Das Gute ist, dass wir Ansätze sehen, wo uns das gelingt, egal ob im Zusammenhang mit der Erstkommunion, in der Jugendarbeit oder in anderen Bereichen. Diese Punkte nenne ich aber besonders, weil die Familien und die Jugendlichen unsere Zukunft sind. Und wenn wir die verspielen, haben wir auch verloren.

Ist aus Ihrer Sicht der in Deutschland angestoßene Reformprozess "Synodaler Weg" eine Möglichkeit, den Negativtrend in der katholischen Kirche zu stoppen?

Ich sehe im synodalen Weg eine Notwendigkeit und eine Gefahr: Wir müssen diesen Reformprozess angehen und ihn gestalten. Allerdings werden Erwartungen an den synodalen Weg gestellt, bei denen zu befürchten ist, dass sie nicht erfüllt werden können. Schließlich sind wir als katholische Kirche eine Weltkirche. So groß der Vorteil einer Weltkirche ist, so lähmend ist er auch bei Wegen der Veränderung. Denn zu leicht verstrickt sie sich selbst in Graben- oder Richtungskämpfe und verliert dabei die pastoral notwendigen Fragen in der Diskussion aus den Augen.

Nehmen wir an, der Papst würde tatsächlich einige Forderungen aus dem synodalen Weg aufgreifen, den Zölibat freistellen, Frauen zum Priesteramt zulassen und beispielsweise auch gleichgeschlechtlichen Beziehungen das Sakrament der Ehe erlauben. Glauben Sie wirklich, die katholischen Kirchen in unserem Land hätten plötzlich wieder mehr Zulauf, oder trägt nicht auch der gesellschaftliche Wandel mit dazu bei, dass die Gottesdienste in Deutschland immer weniger Teilnehmer verzeichnen?

Ich glaube nicht, dass solche Entscheidungen das Problem der Kirche lösen würden. Denn ich glaube auch, dass hier ein gesamtgesellschaftliches Phänomen mit hineinspielt, bei dem Menschen nicht mehr wie früher bereit sind, sich grundsätzlich an eine Institution zu binden. Wir dürfen nicht vergessen, dass es Christinnen und Christen gibt, die dem synodalen Weg kritisch gegenüberstehen und darin die Gefahr einer Kirchenspaltung sehen. Ich glaube, dass eine gewisse Spaltung längst da ist und das werden wir auch weiter in der Kirche spüren. Das merkt man auch bezüglich des Besuches von Gottesdiensten: Die Sonntagspflicht ist nicht mehr das Argument, das für die meisten zählt. Sie wollen aus dem Gottesdienst etwas für ihr Leben mitnehmen und haben so auch einen anderen Anspruch an die Qualität einer solchen Feier. Deshalb müssen wir Gottesdienste auch stärker attraktiv und auch zielgruppenorientiert gestalten.

Spielen die aktuellen Austrittszahlen auch in Ihrem hauptamtlichen Team eine Rolle? Leiten Sie davon Überlegungen für die Zukunft der Pfarrei ab?

Es ist nicht der primäre Blick auf Zahlen, der hier eine Rolle spielt. Es ist vielmehr die Gesamtsituation der Kirche, die wir im Blick haben. Und dazu kann ich guten Gewissens sagen, dass alle im Pastoralteam an der derzeitigen Situation der Kirche leiden. Trotz allen Herausforderungen wollen wir aber Zukunftsvisionen behalten und lernen gerade, dass wir das nicht alleine können, sondern nur gemeinsam mit Menschen, die bereit sind, sich ehrenamtlich für Ihre Kirche zu engagieren. Darum werben wir und dafür kämpfen wir auch.

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