Umstrittene Politikern zur Erinnerungskultur

Erika Steinbach: "Für Vertriebene klingt der Tag der Befreiung wie Hohn"

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Im Rahmen der Ausstellung „Angekommen“ sprach Erika Steinbach über „Vertreibung der Deutschen in der Erinnerungskultur“. Viele, für den Raum sogar zu viele, wollten wissen, was die ehemalige Präsidentin des Bundes der Vertriebenen und Ex-Christdemokratin zu sagen hatte.

Wie geht Deutschland mit seinen Vertriebenen um? Diese Frage treibt Erika Steinbach seit Jahrzehnten an und um. Die langjährige Präsidentin des Bundes der Vertriebenen und Mitbegründerin der Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ war vor einem Monat aus der CDU ausgetreten, weil sie die Merkel’sche Flüchtlingspolitik nicht mehr mittragen wollte.

Viele waren ins Technische Rathaus gekommen, um ihre Sicht auf den Umgang mit den Vertriebenen zu hören. So viele, dass – als auch alle Stehplätze besetzt waren – Interessierte sogar heimgeschickt werden mussten. „Unmenschlichkeit und Grausamkeit hatten nach dem 8. Mai 1945 noch kein Ende. Wer suggerieren will, dass alles seinen gerechten Gang ging, ist falsch informiert. Die Anfangsjahre waren hart. Uns wurde gesagt: ,Ihr seid schlimmer als Kakerlaken.‘ Wir wurden nicht mit Teddybären und Luftballons begrüßt“, so die 73-Jährige, die sich diese Anspielung auf die gegenwärtige Flüchtlingssituation nicht verkneifen wollte.

In ihrem Vortrag, angereichert mit einer Reihe von Zitaten berühmter Zeitzeugen von Oskar Schindler bis Dwight D. Eisenhower (Steinbach: „Es ist immer besser, man zitiert jemanden aus anderen Ländern, weil uns Deutschen oder vom BdV gleich Befangenheit vorgeworfen wird“) beschrieb die Politikerin die Grausamkeiten der Vertreibung, die „politisch gewollte Stigmatisierung, das gezielte Desinteresse an den Vertriebenenschicksalen“, wogegen sie so beharrlich ankämpft: „Wir brauchen einen offenen Umgang mit diesem Teil der Geschichte. Es ist Teil der gesamtdeutschen Identität. Die Völker Europas müssen sich ihrer Vergangenheit stellen, um ein friedliches Miteinander zu erringen“, forderte sie und schickte noch ein Extralob an Ungarns Ministerpräsidenten hinterher: „Ein ganz herzliches Dankeschön an den lieben Victor Orban, der als einziges Vertreiberland einen Gedenktag geschaffen hat!“

Mit ihren Schilderungen und Forderungen sprach Steinbach einem Großteil ihrer Zuhörer aus der Seele. Es ist die Generation der Vertriebenenkinder, die hier zwar eine neue Heimat fanden, die traumatische Vertreibung aber wohl nie verarbeitet haben. „Es darf keine vergessenen oder ,gerechten‘ Opfer geben. Der Mut zur Wahrheit ist in Deutschland noch immer nicht vollständig vorhanden, geschweige denn in unseren Nachbarländern. Wir haben miteinander die Aufgabe, dass dieses Schicksalsthema Deutschlands nicht vergessen wird“, schloss sie unter großem Applaus.

Auf ihren kürzlich erfolgten Austritt aus der CDU wollte Erika Steinbach nicht näher eingehen. Die Frage, wo sie den BdV in 20 Jahren sehe, beantwortete sie: „Wir befinden uns in einer Umbruchsituation. Es erfordert viel Fantasie, wie man das bewerkstelligen, wie man junge Menschen für das Thema begeistern kann.“

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