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Infektionswelle im Hochtaunuskreis: Viele Kinder und Erzieher krank

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Von: Andreas Burger

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Im Hochtaunuskreis erkranken viele Kinder und Erzieher. Der Andrang in Arztpraxen im Kreis ist groß. Kitas legen indes Gruppen zusammen.

Bad Homburg – Dass eine Pandemie in Schulen und Kitas die Reihen leerfegt, ist bekannt. Dass aber derzeit in den Einrichtungen krankheitsbedingt erneut viele Bänke verwaist sind, hat mit Corona nur am Rande zu tun. Arztpraxen weisen inzwischen schon auf ihren Homepages auf die aktuelle Überlastung hin; automatische Mails kommen zurück mit dem Hinweis, dass Antworten auf Anfragen länger dauern.

Doch woher kommt die plötzliche und starke Welle der Infektionskrankheiten? Da sind sich alle Befragten einig: Die aktuelle Situation sei vor allem mit den Corona-Schutzmaßnahmen der vergangenen Jahre zu erklären. Dadurch seien Infektionskrankheiten nur noch selten aufgetreten. Eine Folge: Das Immunsystem der Kinder hatte wenig Möglichkeiten, sich mit diesen Erregern auseinanderzusetzen – es ist sozusagen untrainiert.

Allein bei einem Kinderarzt aus Bad Homburg sind die Fallzahlen um 70 Prozent gestiegen. Vom Säugling über Kleinkind bis zum Jugendlichen – alle sind betroffen und fallen „von einem in den nächsten Infekt“. Vor allem RSV wird oft diagnostiziert. Das Respiratory Syncytial Virus (RSV) führt zu Infektionen der oberen und manchmal der unteren Atemwege. Diese Infektion sei eine sehr häufige Ursache von Atemwegsinfektionen bei Säuglingen und jungen Kindern. Zu den typischen Symptomen gehörten eine laufende Nase, Fieber, Husten und Keuchatmung. Eine schwere Infektion kann zu Atemnot führen. Auch der Kinderarzt Dr. Martin Rosewich und sein Team haben zurzeit sehr viel zu tun. Der Oberurseler Mediziner rät, gegen die Krankheitswelle keine größeren Maßnahmen zu setzen: „Sie geht vorbei, und dann nähern wir uns wieder dem Normalzustand.“ Man solle in Zukunft sehr genau überlegen, „wen man wann downlockt und wen nicht.“

Eine heftige Krankheitswelle fegt seit Wochen die Plätze in Schulen und Kitas leer. Das Immunsystem der Kinder hat durch die Corona-Schutzmaßnahmen heftig gelitten.
Eine heftige Krankheitswelle fegt seit Wochen die Plätze in Schulen und Kitas leer. Das Immunsystem der Kinder hat durch die Corona-Schutzmaßnahmen heftig gelitten. © dpa-tmn

Infektionswelle im Hochtaunuskreis: Immunsystem überfordert

In den Kindertagesstätten des Hochtaunuskreises hat die Welle gravierende Auswirkungen. Nina Kuhn weist als Sprecherin der Stadt Oberursel auf die schon fast dramatische Personalsituation hin. „Der Krankenstand der Erzieherinnen in den Kitas ist aktuell überdurchschnittlich hoch. In einzelnen Teams fällt mehr als die Hälfte des Personals aus. Auch der Krankenstand bei den Kindern ist aktuell außergewöhnlich hoch, auch hier sind teilweise nur etwa 50 Prozent der Kinder in den Einrichtungen.“ Problematisch seien dabei zwei Aspekte: „Kinder sind in der Regel weitaus schneller wieder gesund als die Erwachsenen, die in der Regel im Krankheitsfall bis zu zwei Wochen krankgeschrieben sind“, so Kuhn. Problematisch sei, dass es immer noch zu viele Eltern gebe, die ihre Kinder zu früh oder sogar sichtbar krank in die Einrichtung bringen.

Je nach Anzahl des fehlenden Personals werden unterschiedliche Maßnahmen ergriffen. Mal werden Gruppen zusammengelegt, mal die Eltern gebeten, zu prüfen, ob Kinder auch zu Hause betreut werden können, mal die Betreuungszeiten gekürzt bis hin zu tageweise Schließungen einzelner Betreuungsgruppen (gegebenenfalls mit Notbetreuungsplätzen in anderen Betreuungsgruppen und Einheiten). Auch hier sieht man die Ursache der Welle darin, dass die „neuen“ Kontaktmöglichkeiten das Immunsystem überfordern. „Die Einrichtungen haben alle grundsätzlich einen Hygieneplan, der eingehalten wird. Letztlich greifen auch hier die Schutzmaßnahmen wie bei Corona: Lüften, Hände waschen, in die Armbeuge husten ...“, betont Kuhn und appelliert: „Kranke Kinder gehören nach Hause.“

Auch in Kronberg ist die Lage nicht anders. Andreas Bloching, Pressesprecher der Stadt, sagt: „In unseren Kitas sind derzeit verstärkt Krankenstände zu verzeichnen – sowohl bei den Kita-Kindern als auch dem Personal.“ Die Stadt reagiere situationsbedingt, bisher indem die maximale Betreuungszeit gekürzt werde. Schließungen seien noch nicht erforderlich gewesen.

Die Isolationspflicht in Hessen für positiv auf das Coronavirus getestete Menschen wird aufgehoben. Der Termin steht nun fest.

Infektionswelle im Hochtaunus: Notfallplan im Kreis steht

In Usingen – gleiches Bild. Der Bereichsleiter für Jugendbetreuung, Reiner Greve, hat in den Kitas unterschiedliche Situationen. „In drei von sieben Einrichtungen gibt es keinen nennenswerten Krankenstand bei den Kindern, in den anderen vier allerdings teilweise recht hohe. Das ist für die Jahreszeit nicht ungewöhnlich“, so Greve. Was allerdings auffalle: Die Kinder seien ebenso wie Mitarbeiterinnen länger krank, als dies sonst üblich ist: „Es sind zwar unterschiedliche Krankheiten, aber sehr viele gehen einher mit hartnäckigem Husten, der über mehrere Wochen anhält.“ Aktuell fehlten 18 Mitarbeiterinnen, also über 15 Prozent des Personals. „Nach wie vor appellieren wir eindringlich an die Eltern, die Kinder erst, nachdem sie 48 Stunden symptomfrei waren, wieder in die Kita zu schicken. Leider wird sich in vielen Fällen nicht daran gehalten, da der Arbeitsdruck bei den Eltern hoch ist“, sagt Greve

Claudia Christ aus dem Wehrheimer Fachbereich Soziales, Jugend, Sport und Kultur betont: „In allen Einrichtungen verzeichnen wir derzeit einen hohen Krankenstand bei den Kindern. Auch das Personal ist teilweise erkrankt. Neben den für die Jahreszeit üblichen Atemwegserkrankungen treten auch weitere Erkrankungen wie Hand-Mund-Fuß oder Magen-Darm-Erkrankungen auf.“ Noch müssten keine Gruppen oder Einrichtungen geschlossen werden, teilweise wurden aber schon Gruppen zusammengelegt.

Ausgedünnte Kita-Gruppen meldet auch der Bad Homburger Stadtsprecher Thomas Steinforth. Beim erhöhten Krankenstand fänden sich Erkältungskrankheiten teilweise mit Fieber, Magen-Darm, Hand-Mund-Fuß und RSV. Corona-infizierte Kinder würden dagegen immer seltener gemeldet. Schon seit mehr als zwei Jahren verzeichne die Stadt in den Kitas einen deutlich höheren Krankenstand unter den Fachkräften. Die Belastung sei hoch, selbst physisch und psychisch starke Mitarbeitende kämen an ihre Grenzen. Man achte weiter auf Hygiene, passe Dienstzeiten an, lege Dienste zusammen und stehe auch im engen Austausch mit Eltern. Für den „Worst Case“ habe die Stadt einen Notfall-Stufenplan entwickelt. Wenn der Mindestpersonalbedarf nicht mehr gewährleistet sei, könnten Öffnungszeiten reduziert, Gruppen oder ganze Kitas geschlossen werden. Aber: „Wir versuchen zunächst alle personellen Möglichkeiten auszuschöpfen, bevor wir Öffnungszeiten reduzieren“, sagt Stadträtin Lucia Lewalter-Schoor (SPD). (Andreas Burger)

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