Im Hochtaunus verdoppeln die Grünen ihre Stimmen. Die SPD sackt auf 13,4 Prozent ab. Die CDU kommt auf 30,3 Prozent.

Europawahl 2019

Grüne sind zweitstärkste Kraft im Hochtaunus - SPD verliert dramatisch 

Im Hochtaunus verdoppeln die Grünen ihre Stimmen. Die SPD sackt auf 13,4 Prozent ab. Die CDU kommt auf 30,3 Prozent.

Hochtaunus - Manch einer hatte gestern wohl beim Griff in den Kleiderschrank geahnt, was da politisch kommen würde: Dr. Stephan Wetzel, Partei- und Fraktionschef der Hochtaunus-SPD, hatte ein lindgrünes Hemd angezogen, Alexander Jackson, parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-Kreistagsfraktion, eine knallgrüne Hose. Damit lagen sie eindeutig im Trend des Europawahl-Tages: Auch im Hochtaunuskreis haben die Grünen deutlich zugelegt und sind nun zweitstärkste Kraft hinter den Christdemokraten, während die Volksparteien CDU und SPD Verluste hinnehmen mussten.

Das zeigte sich gestern Abend bereits, als im Landratsamt gegen 18.20 Uhr die ersten Ergebnisse aus den Wahlbezirken einliefen und die Grünen in einzelnen Wahllokalen vorn lagen. Ein Trend, der sich später bestätigen sollte - in Oberursel und Neu-Anspach holten die Grünen Platz eins. "Das freut uns sehr", sagte Regina Schirner, Sprecherin der Hochtaunus-Grünen, in Bezug auf das Abschneiden ihrer Partei allgemein. Klimaschutz habe als Thema eine wichtige Rolle gespielt, meinte Schirner. Eine Annahme, der gestern Abend niemand widersprechen wollte.

Europawahl 2019: FDP überholt AfD

Am Ende kam die CDU im Hochtaunuskreis auf 30,3 Prozent, nachdem sie 2014 noch 34,7 Prozent geholt hatte. Die Grünen landeten bei 25,6 Prozent (2014: 12,7). Die SPD sackte ab auf 13,4 Prozent (2014: 24,4). Die FDP ist mit 9,3 Prozent wieder viertstärkste Partei im Taunus nach 7,5 Prozent vor fünf Jahren. Sie hat die AfD überholt, die nur noch bei 8,6 Prozent landete und damit im Vergleich zu 2014 (10,8) verlor. Für die Linke votierten im Hochtaunus 3 Prozent (2014: 4,1).

Die Wahlbeteiligung ist deutlich nach oben gegangen: 65,1 Prozent der Wahlberechtigten im Hochtaunuskreis gaben gestern ihre Stimme ab - vor fünf Jahren waren es 50,5 Prozent gewesen. "Die Wahlbeteiligung ist großartig", sagte CDU-Kreisvorsitzender Jürgen Banzer. Ähnlich erfreut zeigte sich darüber CDU-Bundestagsabgeordneter Markus Koob: Die Menschen hätten erkannt, dass sie sich für Europa engagieren müssten.

SPD deutlich abgestraft

Das war's dann bei der CDU - wie auch bei der SPD - schon mit der Freude. Weder CDU-Chef Banzer noch sein SPD-Pendant Wetzel gaben sich überrascht. "Das hat nichts mit Europa zu tun", sagte der Sozialdemokrat. Die Ergebnisse lägen im Bundestrend, waren sich Wetzel und Banzer einig. Und: "Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es erste und zweite Prioritäten gibt", sagte der CDU-Chef.

Was heißt das Ergebnis für die Volksparteien? "Wir können nicht alle zwei, drei Jahre unser Personal auswechseln", sagte Wetzel in Bezug auf die Bundes-SPD. Eine schnelle Antwort auf die Frage, was die SPD tun müsse, gebe es nicht, sagte Kreisbeigeordnete Katrin Hechler. Sie sagte aber auch, dass es im Bund offenbar an Menschen fehle, die die Themen der SPD glaubwürdig rüberbringen.

Und die Union? "In Berlin müssen wir uns schleunigst Gedanken machen, wie wir mit dem Erstarken der Grünen umgehen", sagte Bundestagsabgeordneter Koob. Das heiße auch, sich intensiver mit dem Thema Klimaschutz auseinanderzusetzen.

Junge Wähler entscheiden sich bei der Europawahl 2019 für die Grünen

Dass der Klimaschutz vor allem für junge Wähler eine Rolle spiele und die Grünen eine starke Konkurrenz auch im Hochtaunuskreis werden, meint auch Landrat Ulrich Krebs (CDU). Er sagte in Bezug auf ein im Taunus wohlbekanntes und vieldiskutiertes Thema aber auch: "Es geht nicht, Windräder zu fordern - und die es dann umsetzen, werden abgestraft."

Dass die Grünen "zu 100 Prozent Gewinner" seien, musste selbst Peter Lutz, Sprecher der AfD Hochtaunus, zugeben. Er sah seine Partei auch noch "zu 50 Prozent" als Gewinner - wegen des Stimmenzuwachses im Bund.

Dr. Stefan Naas, Fraktionsvorsitzender der FDP im Kreistag, zeigte sich ebenfalls zufrieden mit dem Abschneiden seiner Partei, die im Bund und im Kreis zugelegt hat. "Im Hochtaunuskreis liegen wir weiter überdurchschnittlich", sagte Naas.

Mit der Einschätzung des Liberalen, welche Themen bei dieser Wahl ausschlaggebend waren, gingen die politischen Mitbewerber weitgehend konform: Außer der Klimaschutzdebatte führte Naas unter anderem auch die Frage nach sozialer Gerechtigkeit an, und: "Europa Ja oder Nein" - das sei die Fragestellung gewesen.

"Wichtig ist, dass mehrheitlich Stimmen pro Europa abgegeben wurden", konstatierte auch Grünen-Sprecherin Schirner.

Kommentar

Nicht einmal mehr fünf Prozent fehlen für die europäische Bühne den Grünen im Hochtaunus - dann haben sie die Union überholt. In Neu-Anspach liegen sie hauchdünn vor der CDU, in Oberursel klar. Die Union hat in den Kommunen bis 7,2 Prozentpunkte (Schmitten und Grävenwiesbach) verloren. Und mit über 65 Prozent Wahlbeteiligung toppte das Ergebnis das Interesse am Votum von 2014. Was zwar im Gegenzug bedeutet, dass sich 35 Prozent der Wahlberechtigten nicht um Europa scheren. 

Und was sagt die Wahl für den Kreis nun aus? Die Umweltpolitik rückt deutlich in den Fokus derer, die sich noch für mehr interessieren als ihren Kleingarten, in dem unter anderem Europa keinen Platz hat. Ursachensuche ist angesagt. Haben die Freitags-Demos der jungen Generation den Ausschlag gegeben? Die Proteste gegen die "Alten"? Sind gar mehr Jungwähler zur Urne geschritten? Das ominöse Beschimpfungsvideo? Das ist alles im Moment Kaffeesatzleserei. 

Sicher ist: Die SPD hat über zehn Prozentpunkte eingebüßt - die Vermutung der Wanderung gen Grün liegt nahe, die ihre Ergebnis mehr als verdoppelt haben. Da dürfte auch die Bundespolitik mit Personaldebatten und fehlender klarer Struktur mitspielen. Es scheint: Die früherer Arbeiterpartei ist beliebig geworden, von allem etwas, keinem Wohl, keinem Weh.

Der ganz große Höhenflug der AfD im Taunus scheint vorbei, sie liegt sogar hinter der FDP.

Von Andreas Barger

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