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Jürgen Funke, Geschäftsführer der Oberurseler Stadtwerke und des Wasserbeschaffungsverbandes Taunus, ist Experte in Sachen Wasserversorgung.

Interview

Experte für lokale Wasserversorgung plädiert für interkommunale Zusammenarbeit

In Kronberg rief die Feuerwehr mit Lautsprechern zum Wassersparen auf, und auch andere Kommunen im Taunus appellierten an die Bürger. Dieser Sommer, einer der trockensten seit Langem, hat zum Umdenken aufgefordert. Jürgen Funke, als Geschäftsführer der Oberurseler Stadtwerke und des Wasserbeschaffungsverbandes Taunus Experte auf diesem Gebiet, spricht mit Redakteurin Anke Hillebrecht darüber, was Kommunen tun können und sollten, um in weiteren Extremsommern nicht auf dem Trockenen zu sitzen.

In Kronberg rief die Feuerwehr mit Lautsprechern zum Wassersparen auf, und auch andere Kommunen im Taunus appellierten an die Bürger. Dieser Sommer, einer der trockensten seit Langem, hat zum Umdenken aufgefordert. Jürgen Funke, als Geschäftsführer der Oberurseler Stadtwerke und des Wasserbeschaffungsverbandes Taunus Experte auf diesem Gebiet, spricht mit Redakteurin Anke Hillebrecht darüber, was Kommunen tun können und sollten, um in weiteren Extremsommern nicht auf dem Trockenen zu sitzen.

Herr Funke, was sind die Lehren aus 2018, dem trockensten Jahr seit vielen, in dem manche Kommunen mit der Feuerwehr zum Wassersparen aufgerufen haben?

JÜRGEN FUNKE: Dass wir noch sorgsamer überlegen und planen müssen, wie wir die Wasserversorgung auch langfristig sichern. Investitionen in ein Trinkwasserleitungsnetz oder Wasserversorgungsanlagen haben einen längeren Vorlauf. Beispielsweise bauen wir gerade eine neue Wasseraufbereitung an der Hohemark, die wir bereits vor fünf Jahren geplant haben. Wir werden künftig noch vorausschauender planen und genau beobachten müssen, wie sich die Gegebenheiten entwickeln.

Wie wollen Sie vorgehen?

FUNKE: Der diesjährige Sommer hat uns darin bestätigt, unseren Kurs fortzuführen. Wir hatten bereits Anfang 2018 die Parlamentarier in Oberursel darüber informiert, dass die Grundwasserneubildung im Taunus künftig um bis zu 30 Prozent zurückgehen kann – auch aufgrund der Klimaveränderung. Diese führt dazu, dass wir in Deutschland beispielsweise weniger geschlossene Schneedecken im Winter und mehr Starkregen-Ereignisse haben, die dazu führen, dass zu viel Wasser an der Oberfläche abfließt und nichts ins Grundwasser geht. Daraufhin haben wir beschlossen, dass wir nach potenziellen neuen Wasservorkommen im Gebiet des Oberurseler Wasserwerks Riedwiese suchen.

Kam die Situation überraschend?

FUNKE: Bei vielen Kommunen ist das Problem der langanhaltenden Trockenheit in diesem Sommer sehr präsent geworden. Wir etwa dachten immer, Oberursel sei eine Insel der Glückseligen, mit ausreichendem Wasservorkommen und ausreichender Förderung. Prinzipiell gibt es im Taunus auch genug Wasser, aber der Verbrauch ist in den heißen Sommermonaten dermaßen angestiegen, dazu kam die langanhaltende Trockenheit . . .

Warum haben die Leute dieses Jahr so viel Wasser verbraucht?

FUNKE: Sie wässerten ihre Gärten aufgrund der Trockenheit in nie gekanntem Maße. Wir haben einen Durchschnittsverbrauch in Oberursel im Sommer von 6500 Kubikmeter täglich. In diesem Jahr ist der Verbrauch teilweise auf bis auf 10 000 Kubikmeter am Tag angestiegen. Das war hauptsächlich auf den vermehrten Einsatz von Beregnungsanlagen und Gartenbewässerungen zurückzuführen. Irgendwann mussten wir sagen: Stopp. Wir konnten noch liefern, aber es war schon grenzwertig.

Wie knapp war es?

FUNKE: Hätte Hessenwasser, unser überregionaler Vorlieferant, gesagt, dass sie die gefragten Mengen nicht mehr liefern kann, hätte es problematisch werden können. Denn wir waren ja nicht die einzigen Stadtwerke, die mehr Wasser anforderten – die Hessenwasser versorgt das gesamte Rhein-Main-Gebiet mit Trinkwasser. Laut Aussage der Hessenwasser ist im hessischen Ried, woher das Trinkwasser stammt, zwar ausreichend Grundwasser vorhanden, da dort auch Rheinwasser filtriert wird. Aber bei großen zusätzlich angeforderten Mengen stößt das Unternehmen an technische Grenzen, da es für den Transport des Wassers bisher nur eine intakte Leitung ins Rhein-Main-Gebiet gibt. Aber auch hier ist die Hessenwasser bereits dran: Der erste Teilabschnitt der neuen zweiten Riedleitung wurde Ende September in Betrieb genommen.

Sind die Kommunen denn vorbereitet, sollte es weitere so trockene Sommer geben?

FUNKE: Vermutlich nicht alle. Es gibt Kommunen, die wie Oberursel eigene Wasservorkommen haben, und solche, die keine haben. Steinbach etwa hängt komplett am Tropf und muss das gesamte Trinkwasser zukaufen. Wird viel verbraucht, muss entsprechend viel gekauft werden. Die Kommunen, die eigene Wassergewinnungsanlagen haben, müssen langfristig versuchen, die geförderte Menge zu erhöhen. Hierfür wiederum müssen die entsprechenden Genehmigungen vom Regierungspräsidium vorliegen – es gibt Höchstmengen-Begrenzungen für die Entnahme.

Welche Maßnahmen hat Oberursel genau ergriffen?

FUNKE: Aktuell erweitern wir die Entsäuerungsanlage Hohemark um eine Ultrafiltrationsanlage, eine hochmoderne Aufbereitungstechnik, um das Rohwasser besser nutzen zu können. Teile des Wassers mussten wir bisher in den Bach leiten, weil wir es nicht aufbereiten konnten.

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Im Oktober untersuchten Geophysiker den Boden im Bommersheimer Feld, um wasserreiche Schichten zu finden. Woher wissen Sie denn, dass es sich dort am meisten lohnt, einen Brunnen zu bohren?

FUNKE: Die Innenstadt fällt aus, dort kann man ja nicht einfach einen Brunnen bohren. An der Riedwiese haben wir bereits Brunnen. Ein Gutachten hat uns bescheinigt, dass es im Bommersheimer Feld Wasser geben könnte. Die Geophysiker erstellen Bodenprofile, anhand derer man ein mögliches Wasservorkommen ablesen kann. Diese müssen ausreichend ergiebig sein. Wenn die finalen Ergebnisse der geologischen Untersuchungen vorliegen, werden wir innerhalb der nächsten fünf Jahre entscheiden, ob wir einen Brunnen bohren können und wenn ja, wo. Das muss schon genau geprüft sein, denn solch eine Investition kostet einen sechsstelligen Betrag.

Welche Taunus-Kommunen haben denn Wasser?

FUNKE: Alle außer Steinbach, soweit ich weiß. Die Gemeinden kaufen unterschiedlich viel zu. Oberursel verfügt über relativ viel eigenes Trinkwasser, wir fördern circa 95 Prozent des gesamten Trinkwasserbedarfs.

Wenn Wasser knapper wird, müssen sich die Bürger dann auf steigende Preise einstellen?

FUNKE: Wenn Gemeinden permanent viel zukaufen müssen, vielleicht. Oder wenn sie umfangreiche Investitionen tätigen müssen, um die Versorgung langfristig zu sichern. Aber konkret glaube ich zumindest für Oberursel nicht daran, dass die Wassergebühr aufgrund reduzierter Grundwasservorkommen demnächst steigt.

Welche Faktoren sind entscheidend?

FUNKE: Letztlich wird es auch davon abhängen, wie viel wir zukünftig über den Wasserbeschaffungsverband Taunus zukaufen und an die Hessenwasser zahlen müssen. Allerdings ist Oberursel auch in der glücklichen Situation, seit 18 Jahren einen stabilen Wasserpreis zu haben. Im Jahr 2000 haben wir den Preis sogar gesenkt. Aber für die Zukunft will ich eine Erhöhung auch nicht ausschließen, denn der Zukauf von Wasser wird jedes Jahr teurer und das Personal auch. Dann ist selbst bei uns irgendwann Schluss mit Optimierung.

Bei Neubauten setzt man heute vermehrt auf Zisternen. Aber ist das ein geeignetes Mittel? Schließlich wird das Bauen so ja noch teurer.

FUNKE: Die meisten Bauherren sehen eine Zisterne als Möglichkeit, Geld zu sparen. In Oberursel ist es bei einem Neubau sogar Pflicht, eine Zisterne vorzusehen. Wenn es allerdings nicht regnet, muss man das Trinkwasser für seine Gartenbewässerung doch bezahlen. Irgendwann ist jede Zisterne leer gelaufen. Sie mit Trinkwasser zu befüllen, ist eigentlich nicht im Sinne des Erfinders, weil es zu Spitzenbedarf im Netz führt.

Wie sieht es mit einem Brauchwasserzyklus aus – wäre das finanziell stemmbar?

FUNKE: Die Industrie könnte sicherlich mehr Brauchwasser einsetzen. In Oberursel verfügt beispielsweise die Taunus Textildruck Zimmer GmbH & Co. KG über einen Brunnen, der belastet ist und daher nicht als Trinkwasserquelle genutzt werden kann. Diesen könnte man auch als Brauchwasserbrunnen nutzen, hierfür müsste jedoch ein separates Leitungssystem im Gewerbegebiet verlegt werden, was sehr aufwendig wäre.

Ein zweites Beispiel ist die Firma Barth Galvanik. Sie nutzt ebenfalls einen eigenen Brauchwasser-Brunnen für Produktionswasser. Und was die private Nutzung betrifft: In Friedrichsdorf wurde bereits vor 20 Jahren für ein Neubaugebiet eine Brauchwassernutzung vorgeschrieben. Dort gibt es einen separaten Wasserbehälter mit Brauchwasser, der in einem gesonderten Leitungssystem Wasser unter anderem für die Toilettenspülung liefert.

Müssen die Leute mehr Wasser sparen?

FUNKE: Mit dem Lebensmittel Wasser sollte man immer sparsam umgehen, aber es hat sich in den letzten Jahren viel getan. Seit den 90er Jahren werden Produkte wie Perlatoren für die Dusche, Spartasten für die Toilette und sparsame Waschmaschinen eingesetzt. Unsere Verbräuche haben sich auf einem niedrigen Niveau eingependelt. Die Bürger vergeuden eigentlich kein Trinkwasser mehr – außer vielleicht für die Gartenbewässerung. Königstein etwa hat einen höheren Durchschnittsverbrauch als Oberursel, was auch daran liegen könnte, dass dort mehr Einfamilienhäuser mit größeren Gärten stehen.

Könnte man auch in modernisierten Kläranlagen Trinkwasser erzeugen?

FUNKE: Das Wasser dort wird aufbereitet und in den Kreislauf der Natur gegeben. Wir sind aktuell noch nicht so weit, dass es direkt zu Trinkwasser aufbereitet und ins das Trinkwassernetz eingespeist werden kann.

Müssen Kommunen zunehmend kooperieren?

FUNKE: Ja, unbedingt, nicht nur in der Wasserversorgung. Sie sollten über Netzwerke nachdenken. Es wird zunehmend schwierig werden, angesichts der Herausforderungen (Klimaveränderungen, begrenzte Ressourcen, Kosten, Bevölkerungsentwicklungen) allein eine sichere Wasserversorgung sicherzustellen. Das betrifft insbesondere kleine Gemeinden wie Glashütten, die nach meiner Kenntnis keine Einbindung in einen Wasserbeschaffungsverband haben.

Wie könnte eine solche Zusammenarbeit aussehen?

FUNKE: Im Wasserbeschaffungsverband (WBV) Taunus – dessen Geschäftsführer ich auch bin – werden wir unsere Leitungsverbindungen überprüfen, Simulationsrechnungen machen und schauen, ob wir Wasser zwischen den Kommunen besser verteilen können. Ich bin davon überzeugt, dass wir zunehmend Verbundlösungen benötigen, so dass sich Kommunen gegenseitig aushelfen können, indem sie Wasser hin- und herschieben und gegebenenfalls auch überregional Wasser zukaufen können. Wasser ist das wichtigste Lebensmittel und damit elementar für das Gemeinwesen. Wirtschaftliche Aspekte dürfen bei der Versorgung der Kommunen mit Trinkwasser meiner Meinung nach nicht im Vordergrund stehen. Wir Wasserversorger müssen als oberstes Ziel langfristig Versorgungssicherheit und Trinkwasserqualität gewährleisten.

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