Die St. Marienkirche ist eindrucksvoll illuminiert.

Bad Homburg

Flammende Elixiere in Bad Homburg

Die Kulturnacht führt hinter spannende Kulissen.

Glocken geben das erste Konzert des Abends. Läuten mit dem letzten verblassenden Tageslicht die „10. Bad Homburger Kulturnacht“ ein. Mächtig der Glockenklang von den Türmen der Erlöserkirche, etwas heller nur hundert Meter entfernt der Sound von St. Marien. Kerzen weisen den Weg in bunt illuminierte Kirchen, Fackeln säumen den Kiespfad ins landgräfliche Schloss, wo der Weiße Turm, das Wahrzeichen der Stadt, hell erleuchtet ist und zum Aufstieg lädt. Die mächtige alte Libanonzeder vor der Terrasse wird dezent blau angestrahlt. Nur im Museum Sinclair-Haus zwischen Schloss und Kirche bleiben die Lichter aus, die „Kulturmeile“ kann das verkraften.

Es bleiben 13 „kulturtragende Einrichtungen“, die an diesem Abend ihre Pforten zum Nulltarif öffnen. Die einen Blick auch hinter die Kulissen ermöglichen, etwa im Historischen Museum Gotisches Haus mit dem Hutmuseum, wo die Putzmachermeisterin Karen Diaz den Blick auf die Kunst des Hutmachens und den stilprägenden „Homburger“ lenkt. Das Stadtarchiv in der Villa Wertheimber verwandelt sich in einen mondänen Filmpalast, zeigt wunderbare Ausschnitte des gesellschaftlichen Lebens in der Kurstadt der 1920er-Jahre bis in die Nachkriegszeit in kleinen Schwarz-weiß-Sequenzen. Und sorgt für strahlende Gesichter bei denen, die sich selbst als Kleinkinder oder Teile der lieben Verwandtschaft in den Kurzfilmen entdecken. Mit dem „Kulturnacht-Bus“ sind solche Randzonen außerhalb der Innenstadt leicht zu erreichen, er pendelt bis Mitternacht, um den Kulturbeflissenen den Besuch möglichst vieler Häuser zu bieten.

Das „Hörsspielkonzert“ im Kurtheater.

Kultur im Sauseschritt, nichts möchte man verpassen. Man muss sich mit diesem Gedanken im Kopf schnell wieder losreißen von Rubin Abdullins Orgelspiel. Von den Bach-Tönen, die der Professor für Orgel und Klavier am Konservatorium von Kasan der über 100 Jahre alten Sauer-Orgel in der Erlöserkirche entlockt. „Süß“ findet deren Organistin Susanne Rohn die Begegnung in der Kulturnacht, nur ein paar Tage zuvor hat sie mit dem Ehrengast des Abends im „3124 Kilometer entfernten Kasan“ gemeinsam Orgel gespielt, verrät sie dem Publikum. Bach verhallt im tiefen Gewölbe, Chorgesang drängt durch die einladend offene Tür aus der Nachbarkirche St. Marien.

Nur ein paar Schritte weiter hat Jo van Nelsen ein Heimspiel in der Stadtbibliothek. In Bad Homburg ist der Chansonsänger, Schauspieler, Regisseur und Conferencier aufgewachsen, hier hat er in jungen Jahren seine Karriere gestartet, nun ist er zurück mit einer „Grammophon-Lesung“, die Kurt Tucholsky und den Sound der 20er-Jahre in den Mittelpunkt stellt. Figuren wie Claire Waldoff, ein Liebling der Berliner in dieser Zeit, und der Tenor Richard Tauber, den Tucholsky ob seines Schmalzes so gehasst hat, leben im Original-Soundtrack des Grammophons auf. Jo van Nelsen, der charmante Conferencier, begeistert im proppevollen Haus der Medien und der Kunst, wo das Publikum nebenbei sich selbst mit schönen Farb- und Formerlebnissen beim Blick durchs selbstgebastelte Kaleidoskop erfreuen kann.

Viel zu kurz die Zeit bis Mitternacht, um auch den vielversprechenden „Comedy Slam“ im E-Werk, den „Gypsy Swing“ im Speicher am Bahnhof und mehr als nur „Good night sweetheart“ von der Barbershop-Formation „Salonlöwen“ in der Englischen Kirche zu hören. Lieber noch eine vorbeifliegende halbe Stunde im Kurtheater mit dem „Midnight Story Orchestra“ verbringen. Der für das Programm gewählte Name „Hörspielkonzert“ kommt viel zu brav daher, die nachtschattenhafte Sequenz in furioser Verflechtung von Klangeffekten, Erzählkraft und genialem Spiel der fünf Musiker mit ihrem magischen Vorleser ließen die Elixiere des Teufels und was diese mit dem jungen Mönch Medardus in der Erzählung von E.T.A. Hoffmann anstellen, zu einem flammend wabernden Elixier für Nachtschwärmer auf der Kulturroute werden.

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