Um eine Tasche flechten zu können, muss Kirsten Waldmann 24 Getränkekartons in Streifen schneiden. foto: Olivera Gligoric-Fürer
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Um eine Tasche flechten zu können, muss Kirsten Waldmann 24 Getränkekartons in Streifen schneiden. foto: Olivera Gligoric-Fürer

Köppern

Trend „Upcycling“: Bastlerin verkauft schicke Taschen aus Müll

  • vonOlivera Glicoric-Fürer
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Kirsten Waldmann aus Friedrichsdorf macht aus Müll bunte Taschen. 24 Tetra-Paks brauche sie pro Stück. Zu kaufen gibt es die Unikate im Unverpackt-Laden. 

Friedrichsdorf – Angefangen hat alles mit einer geflochtenen Tasche, die Kirsten Waldmann irgendwo gesehen hat. Wo, das weiß sie nicht mehr. Sie kann sich nur daran erinnern, dass die Tasche aus Stoff und die Flechttechnik ansprechend war. Und dann?

Waldmann war inspiriert, sie wollte die Tasche nicht besitzen, sie wollte ein solches Produkt selbst herstellen. Allerdings nicht aus Stoff, wie das gesehene Exemplar, sondern aus ausgedienten Saft- und Milchverpackungen, die besser bekannt sind unter ihren Markennamen wie Tetra-, Elo-Paks und Co.

Upcycling nennt sich das, wenn vermeintlich wertlose Produkte einem neuen Nutzen zugeführt werden, wenn also Tetra-Paks zum Beispiel nicht mehr trink- und essbare Flüssigkeiten umhüllen, sondern wie in diesem Falle, zu einer Tragetasche werden. Mit Hilfe von Online-Tutorials hat Waldmann sich die Technik beigebracht: "Im Internet findet man ja alles", lacht die Frau aus dem Friedrichsdorfer Stadtteil Köppern und erklärt, dass sie gerne bastle. Basteln? Klingt ein bisschen nach Kindergarten und Grundschule, nach Understatement. Kunsthandwerk scheint in diesem Fall treffender.

„Upcycling“ in Friedrichsdorf-Köppern: Wenn Abfall zum Rohstoff wird 

Vor ihr auf dem Esstisch stehen große und kleine Taschen, Körbe in unterschiedlichen Größen, mit und ohne Deckel. Außerdem Schere, Klebstoff und unzählige bunte, etwa ein bis eineinhalb Zentimeter breite Streifen ausgeschnittener Getränkekartons. "24 Tetra-Paks brauche ich pro Tasche", erklärt die 50-Jährige. Das sind zwei Dutzend Verpackungen, die nicht im Müll landen.

So verstreut auf dem Tisch sehen die farbenfrohen Streifen ganz lustig aus, fast wie ein Puzzle: Hier sieht man mal ein Stück von einer Orange, da eine Tomate oder eine zerteilte Traube, dann eine Kuh oder den Namen des Produkts.

Auch die Wertigkeit der Verpackung fällt nicht sofort ins Auge: glänzend, bunt bedruckt, silbrig schimmernd. Kaum zu glauben, dass dieses Material einst Saft, Milch oder Tomatenpüree umschloss und nach der Reinigung wie neu aussehen kann.

Trend „Upcycling“: Kirsten Waldmann aus Friedrichsdorf bastelt Taschen

Getränkeverpackungen bestehen aus Pappe, Aluminium und Kunststoff, einst wurde diese Verpackung, vor allem wegen des geringen Gewichts und des hohen Anteils an Pappe, als umweltfreundlich eingestuft. Doch aktuellere Erkenntnisse stellen dies infrage; unter anderem, weil es sich um schwer recycelbare Verbundstoffe handelt.

Seit gut einem halben Jahr flicht Waldmann Taschen und Körbe aus den Verbundverpackungen: "Meine Freunde und Familie haben mittlerweile alle eine Tasche geschenkt bekommen." In ihrem Freundeskreis habe sich das rumgesprochen und nun flicht sie so manch eine Tasche im Auftrag und gegen eine Spende: "Ich möchte nicht daran verdienen", sagt sie resolut. Stattdessen spendet Waldmann alle Erträge an "One Earth - One Ocean", an einen Verein also, der Plastikmüll aus den Meeren fischt.

Ihre Tochter habe ihr geraten, die bunten Produkte über das Internet zu verkaufen, doch das, fand Waldmann, stehe im Widerspruch zum ökologischen Gedanken: "Wie verschicke ich dann die Taschen?" Sie malte sich nur die Unmengen an Verpackungsmaterial aus - und entschied sich dagegen. "Wenn ich die Taschen verschenke, verpacke ich die auch nicht."

Zu kaufen im Unverpackt-Laden in Friedrichsdorf-Köppern

Aber die alltagstauglichen Kunstwerke stärker unter das Volk zu bringen, das wollte sie schon ganz gerne und fragte daher den Betreiber der "Honighalle", ob er diese nicht in seinem Unverpackt-Laden in Friedrichsdorf-Köppern verkaufen könne - ebenfalls für den guten Zweck. Seitdem finden Kunden dort Taschen in zwei Größen: eine kleine für 16 Euro, in die genau sechs Gläser des Honighallen-Sortiments nebeneinander hineinpassen, und eine etwas größere Tasche für den umfangreicheren Einkauf. Diese kostet 22,50 Euro. "Das Material ist so robust", man könne problemlos "zwei Sixpacks Bier" darin transportieren, wirbt Waldmann.

Es sei eine Win-win-Situation, erklärt sie weiter: "Der Müll wird verwertet und der Erlös wird gespendet." Doch ein bisschen Win-Situation fällt auch für sie persönlich ab: "Das Flechten ist wie Puzzeln, es hat etwas Beruhigendes, man taucht ein und bekommt den Kopf frei."

von Olivera Gligoric-Fürer

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