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120 Minuten Ruhm

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Von: Klaus Späne

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Vielleicht eine Blaupause für den Hugomarkt. Bei der Musiknacht kamen Fünf Minuten Ruhm nicht ohne Zugaben von der Bühne.
Vielleicht eine Blaupause für den Hugomarkt. Bei der Musiknacht kamen Fünf Minuten Ruhm nicht ohne Zugaben von der Bühne. © ys

Neuer Sound, neue Besetzung: Am Samstag gibt's in Friedrichsdorf ein Wiedersehen mit alten Bekannten

Friedrichsdorf -Andy Warhol prägte den Spruch des 15-Minuten-Ruhms. Also dass jeder für diese Zeitspanne berühmt sein werde. Die Voraussage traf der US-Künstler Ende der 60er Jahre. Bezogen nicht auf Gesellschaften voller Selbstdarsteller, sondern kurz gesagt auf die Flüchtigkeit von Ruhm und medialer Aufmerksamkeit. Knapp über 50 Jahre später gibt's eine neue Messlatte - wen wundert's in unserer schnelllebigen Zeit.

Fünf Minuten sind es nunmehr. Gesetzt von einer Friedrichsdorfer Combo, die den Ausdruck sogleich im Band-Namen führt. Das hat einen besonderen Grund. Wichtiger ist zunächst, dass "Fünf Minuten Ruhm" ein Topact beim Hugenottenmarkt ist nebst Auftritt zur Primetime am morgigen Samstag auf der Bühne des Landgrafenplatzes. Der zweite Gig innerhalb von knapp zwei Wochen in der Stadt. Aber wer zum Henker sind "Fünf Minuten Ruhm" eigentlich?

Ein tanzendes Paar in einem Gewölbekeller. Er: Typ Latin Lover, schmachtender Blick, schwarzes Hemd, weiße Hosenträger. Sie: blonde Schöne im roten Kleid. Im Hintergrund spielt eine Band - Gitarrist, Kontrabassist und Schlagzeuger im feinen Zwirn - "As time goes by". Krasser Szenenwechsel: Dieselben Musiker, ärmelloses T-Shirt, röhren im Punk-Stil "Ich möchte einmal so cool wie Humphrey Bogart sein, in Casablanca."

Immer wieder wechseln die Szenen. Ein Humphrey-Bogart-Verschnitt mit Trenchcoat und Hut taucht auf, irrlichtert durch die Gegend, erkennbar Bad Homburger Location. Die Sequenzen stammen aus dem ersten Youtube-Video von "5MR", wie sie in der Folge abgekürzt werden. Der Titel wenig verwunderlich: "Bogart". Die erste Duftmarke der Dreier-Formation.

Deutschpunk, Deutschrock oder was?

Die sorgte für Aufsehen. Zunächst einmal wegen der Qualität von Video und Song, eine schnelle Nummer, dynamisch, kraftvoll, erinnert etwas an die Toten Hosen, auch wenn die mehr Manpower haben. "Old School Punk-Besetzung", beschreibt Sänger und Gitarrist Jörg Langenberger die Zusammensetzung. Komplettiert wird die von Martin Schröder am Bass und Andreas Ohly am Schlagzeug. Der Vergleich mit den Hosen ist nicht ganz abwegig, zumal die drei das, was sie gemeinsam fabrizieren, als Deutschpunk charakterisieren. Hat was, auch wenn es nicht immer zutrifft. Das zeigt sich beim zweiten Song, für den es auch ein Video gibt.

Ein kunstvoll arrangiertes Stück, optisch in Schwarz-Weiß gehalten, musikalisch mit spannender Dramaturgie: Intro mit Gesang und akustischer Gitarre, der in schnörkellosen Rock übergeht. Dazu die raue Singstimme von Langenberg nebst dem knackigen, stählernen Klang seiner Telecaster, vorangetrieben von Bass und Drums.

"Die Genrezugehörigkeit ist immer eine schwierige Frage", sagt Langenberger denn auch. Ihre Musik bediene sich vieler Stile der Rockmusik. Man habe sich innerhalb der Band unterhalten, wo man sich selbst sieht. Bei Begriffen wie Deutschpunk oder Punkrock gehe es mehr um Abgrenzung als korrekte musikalische Einordnung. Bei Deutschrock fühlt man sich nicht richtig zu Hause auch wegen Bands, die sich eher im rechten oder konservativen Spektrum tummeln, wenn es dort auch einige Ausnahmen gibt. Letztlich orientierte man sich an Gruppen, die musikalisch und inhaltlich am nächsten stehen. Zum Beispiel den "Broilers" oder "Berliner Weisse". Aber genug des Schubladendenkens. Entscheidend ist, was hinten rauskommt, lautet ein bekanntes Bonmot. Im Falle von 5MR, hörenswerter Sound mit deutschen Texten. Dafür sorgt auch die Vorgeschichte der Musiker.

Ein Besuch im Bad Homburger Hessenring. In Kellerraum eines nüchternen Zweckbaus proben 5MR. Wie andere Bands - zum Beispiel "Not Better Days" oder bis vor ein paar Jahren "Selbstverstümmelt". Die Keimzelle von 5MR. Langenberger, Spitzname Assinger, und Schröder, gleichnamiger Spitzname, sind respektive waren bei beiden. Selbstverstümmelt gab es 30 Jahre. Kultband im Taunus, bevor 2019 Schluss war. No Better Days ist ein Nachfolger. Weniger ungeschliffen, gitarrenbetonter Rock mit Mainstream-Charakter. Zu sehr für Schröder, der dort 2021 ausstieg.

Aber irgendwie scheinen er und Assinger nicht voneinander loszukommen, kennen sie sich doch schon seit der Philipp-Reis-Schule. Ende der 1980er war das. Nun ist man wieder vereint, fast wie ein altes Ehepaar. Eine Textzeile aus einem Verstümmelt-Song war auch Namensgeber für 5MR. Ein Mitarbeiter von Sound Village Records in Neu-Anspach, in dem man die Songs aufnimmt, hatte ihn gehört. Fünf Minuten Ruhm sei ein guter Bandname, befand er. Das war's.

"Selbstverstümmelt" als Keimzelle

Treibende Kraft für 5MR war aber Schröder. Er habe nicht aufhören wollen mit der Musik, sagt er. "Das ist ein Energiespender und geiles Hobby." Und Ausgleich zum bürgerlichen Job, den alle drei haben. Auch Ohly, der noch ein unbeschriebenes Blatt in der Szene ist. Bisher hat er in kleineren Bandprojekten ausgeholfen, erzählt der 25-Jährige aus Neu-Anspach. Bei 5MR landete er durch Zufall: No Better Days suchte einen Schlagzeuge und hatte zwei gute Kandidaten. Nun trommelt Ohly seit Sommer 2020 quasi in einem musikalischen Mehrgenerationenprojekt mit zwei auch an Lebensjahren erfahrenen Mitstreitern. Das harmoniert oder wie Schröder es formuliert: "Bei drei Leuten ist es wichtig, dass es funktioniert." Keine einfache Sache angesichts der neuen Struktur.

Die sieht vor allem vor, dass Langenberger eine bislang für ihn ungewohnte Rolle einnimmt. Zum ersten Mal ist er Leadsänger, kann sich nicht mehr nur auf die Gitarre konzentrieren. Er sorgt auch für die meisten Texte und die Grundideen der Songs. Der Rest entwickelt sich beim gemeinsamen Proben. Drei Songs gibt es online auf allen großen Plattformen abrufbar.

Wie steht's mit physischem Tonträger wie CD? Derzeit zu großes finanzielles Risiko, sagen 5MR. Verständlich bei Studiokosten von rund 20 000 Euro. Eine Option bleibt es aber. "Wir müssen erst mal gucken, wie die Resonanz ist", heißt es. Bis dahin heißt es Konzerte spielen. Auch nicht ganz einfach, in der Nach-Corona-Zeit zum Zug zu kommen. Vielleicht sorgt der Auftritt auf dem Hugo-Markt für weiteren Rückenwind inklusive 120 Minuten Ruhm - mindestens.

Das Programm

Fünf Minuten Ruhm spielen am Samstag von 21 bis 23 Uhr auf der Landgrafenplatz-Bühne. Das übrige Unterhaltungsprogramm an diesem Tag: 14 bis 16.30 Uhr Sahin Kuzera. 18 bis 19 Uhr Tanzgarde Rodheim. 19 bis 21 Uhr Freihaus. 23 bis 24 Uhr Actionteam. Der Hugenottenmarkt startet am Freitag offiziell um 17 Uhr und dauert bis einschließlich Sonntag.

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