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Ännchen-Gedenken und eine Sensation

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Von: Klaus Späne

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In Säunickels Kleiderschrank: Stadtarchivarin Erika Dittrich, Lars Keitel und Britta Heblich (v.l.) präsentieren die Zusatztafel
In Säunickels Kleiderschrank: Stadtarchivarin Erika Dittrich, Lars Keitel und Britta Heblich (v.l.) präsentieren die Zusatztafel © ys

Zusatztafel an Säunickels Kleiderschrank in Friedrichsdorf wirft Licht auf Schicksal von Frauen - Historische Spur der Legende entdeckt

Friedrichsdorf -Es sind gleich mehrere Dramen, die sich bei Säunickels Kleiderschrank abgespielt haben. Für die jüngste und reale Tragödie ist der Borkenkäfer verantwortlich. Er hat in den vergangenen Jahren eine Spur der Verwüstung in dem einst dichten Wald hinterlassen, andererseits für eine bisher nicht vorhandene Fernsicht auf die bewaldeten Hügel gesorgt, in die das Köpperner Tal eingebettet ist. Ein anderes menschliches Drama spielte sich während des 30-jährigen Kriegs ab - der Legende nach.

Friedrichsdorfer kennen die Geschichte, Eingeplackte werden, sofern des Öfteren im Wald unterwegs, darauf gestoßen sein: Schweinehirt versteckt seine schöne Tochter namens Ännchen vor marodierenden Soldaten zwischen den großen Felsen, bringt ihr jeden Tag Essen und Kleider, bis das Mädchen irgendwann doch von den Soldaten entdeckt und von ihnen "mit fort genommen" wird. Säunickel, wie der Schweinehirt genannt wurde, stirbt vor Gram darüber. Die Stelle ist wegen der dort später gefundenen Kleider fortan unter dem bekannten Namen bekannt. Ende Legende.

Gänzlich unerwähnt bleibt jedoch das Schicksal von Ännchen. Kein Wort davon auch auf der Tafel, die seit Jahrzehnten an der pittoresken Felsformation am Nordhang des Gaulskopf in Fraktur-Schrift über die Legende informiert. "Was bedeutet verschleppt?", fragt Britta Heblich, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Stadt und liefert die Antwort: "30-jähriger Krieg heißt Vergewaltigung und Tod." Und dieses Schicksal blühte vermutlich, sofern tatsächlich existent, auch Ännchen. Auf jeden Fall vielen Frauen in jener Zeit. Zu lesen ist der historische Kontext nun auf einer neuen Tafel, die Helbich zusammen mit Bürgermeister Lars Keitel (Grüne) und Erika Dittrich, Leiterin der städtischen Museen und Archive, an Säunickels Kleiderschrank vorstellte.

"Sie haben übel gehauset"

Unter der Überschrift "Sie haben übel gehauset. Der 30-jährige Krieg" informiert das Schild über die Vorgänge in jener Zeit. "Plünderungen und Misshandlungen gehörten zum Alltag", heißt es darauf. Zitat aus einem historischen Bericht: "Die Kriegsleute handelten (...) wie die wütenden Wölfe und Teufel." Und in einem Zusatz steht geschrieben: "Vielen Frauen wurde Gewalt angetan, Vergewaltigung war an der Tagesordnung. Für sie steht symbolisch die in der Sage benannte Anne (Ännchen)."

Fachlich verantwortlich dafür ist Erika Dittrich, die neben Helbich und Keitel Dritte im Bund in Sachen Zusatztafel. Sie hatte sich zwar zuvor schon mal mit dem 30-Jährigen-Krieg befasst. Nun tauchte sie aber erneut in die schier unerschöpflichen Tiefen des Stadtarchivs ein und recherchierte zu jener schicksalhaften Zeit zwischen 1618 und 1648, in der die Legende eingebettet ist.

Alle Kriegsparteien hätten seinerzeit in der Gegend Quartier bezogen. Die habe sich in der Mitte des Weltgeschehens befunden. Mit gravierenden Folgen. "Die Einheimischen waren stark gebeutelt", sagt Dittrich. Vor allem waren sie Opfer von Soldaten, denen nicht regelmäßig Sold bezahlt wurde. Städte wurden zur Plünderung freigegeben, Leute gefoltert, um versteckte Wertsachen zu erfahren. Die Soldateska muss so gewütet haben, dass die Bevölkerung stark dezimiert war. Hinzu kam, dass die Landsknechte die Pest brachten, und noch eine Wolfsplage. In Köppern etwa habe es teilweise nur noch fünf Männer gegeben.

Dittrich stellte dies anhand von Listen fest, die im Archiv gelagert sind. Damit nicht genug. Bei ihrer historischen Puzzlearbeit machte sie in den Dokumenten eine geradezu sensationelle Entdeckung. Sie konnte besagten Säunickel identifizieren. Besser gesagt entdeckte sie auf einer Liste aus dem Jahr 1648 einen Nikolaus Heß. Der war zu jener Zeit Schweinehirt im Dienste der Gemeinde Köppern. Die Listen hätten meist nur Männer aufgeführt, sagt Dittrich. Frauen nur, wenn sie eine bestimmte Bedeutung hatten. Nein, eine Anne oder Ännchen befand sich nicht darunter. Sie war vermutlich die Tochter von Heß. Auf jeden Fall ist das Ganze als neue historische Erkenntnis einzustufen. Es scheint sich also wieder einmal zu bewahrheiten, dass Legenden oft einen wahren Kern haben.

Spaziergängerin brachte die Sache ins Rollen

Bleibt noch die Frage, wie überhaupt die Idee für eine Zusatzinformation aufgekommen ist. Eine Bürgerin, die dort vorbeigekommen sei, habe die Sache ins Rollen gebracht, sagt Britta Heblich. Sie habe es unmöglich gefunden, dass das alte Schild unkommentiert im Wald stand. Die Anregung stieß auf offene Ohren, die Umsetzung selbst zog sich dann aber über ein Jahr hin. Eine Herausforderung dabei: herausfinden, wem das Stück Wald eigentlich gehört. Die kleine Parzelle stellte sich als Friedrichsdorfer Besitz heraus. Generell mussten viele Ämter kontaktiert werden. Schließlich wollte das Trio Heblich, Keitel und Dittrich auch einen Text entwerfen, der das Schicksal der Frauen in jener Zeit in den Fokus rückt. Für sie steht symbolisch die in der Sage genannte Anne. "Zum Gedenken an Ännchen" lautet denn auch der letzte Satz auf der Tafel.

Grassierende Gewalt gegen Frauen noch heute

Durch das Wüten der russischen Soldaten in der Ukraine hat das Schicksal des Ännchens und mit ihr all der Frauen im 30-jährigen Krieg zusätzliche Aktualität bekommen. Gewalt gegen Frauen in bewaffneten Konflikten ist heute als schwere Menschenrechtsverletzung anerkannt, sagt Frauenbeauftragte Britta Heblich. Die weltweite Situation sei aber auch in Deutschland zu finden. Sie weist auf Zahlen von Bundeskriminalamt und Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (BFF) von 2020 hin: 80 Prozent der Opfer von häuslicher Gewalt sind Frauen. Jede vierte Frau in Deutschland ist mindestens einmal in ihrem Leben von körperlicher, sexualisierter Gewalt durch den (Ex-)Partner betroffen. 2020 waren 119 64 Frauen von häuslicher Gewalt betroffen. Jede Stunde wurden im Schnitt 13 Frauen Opfer von Gewalt. Jeden Tag versucht ein Mann, die (Ex-)Partnerin zu töten. Alle 2,5 Tage stirbt eine Frau. 2020 waren das 139 Frauen.

Zeitgenössische Stiche und ein QR-Code schmücken das Schild.
Zeitgenössische Stiche und ein QR-Code schmücken das Schild. © ys

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