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Julia Lindner (2. v. r.) mit ihrer Freundin Niamh (links neben ihr), deren Schwester Caitlin und Bruder Declan in Manchester. Fotos privat

Brexit

Geplanter britischer EU-Austritt spaltet Gastfamilie einer Studentin aus dem Römerhof

Der Brexit hat wenig mit Friedrichsdorf zu tun? Von wegen. Nicht nur über die britische Schule King’s College ist das Thema präsent. Auch im Privaten kann ein EU-Austritt Folgen haben. Wie bei unserer Autorin, die seit Jahren mit einer Engländerin aus Manchester befreundet ist.

Seit mehr als fünf Jahren sind Niamh Melvin (20) aus Manchester und ich (20) mittlerweile befreundet. Kennengelernt haben wir uns über einen Schüleraustausch zwischen meiner ehemaligen Schule, dem Kaiserin-Friedrich-Gymnasium in Bad Homburg, und der „Bacup and Rawtenstall Grammar School“. Seither besuchen wir uns mehr oder weniger im Einjahresrhythmus.

Niamh, gesprochen „Nief“, war mehrmals bei mir im Römerhof zu Besuch. Ich selbst war oft in Manchester, ihre Familie ist dabei so etwas wie meine Zweitfamilie geworden. Der Brexit war in all dieser Zeit eigentlich kein Thema für uns. Nun da der Termin immer näher rückt, befürchten wir jedoch, dass dieser Schritt uns in Zukunft Steine in den Wege legen könnte. Aber auch darüber hinaus machen sich Niamh und ihre Familie über den EU-Austritt Gedanken.

„Ich sage ganz klar nein zum Brexit“, sagt Niamh. „Unser Gesundheitssystem wird betroffen sein.“ Mehr als zehn Prozent der Medikamente und anderer Gesundheitsmaterialien kämen aus Europa. Das könnte in Zukunft schwieriger werden, meint Niamh.

Auch Großmutter Marie Clough ist wenig begeistert vom aktuellen Kurs ihres Landes. „Keiner der Politiker scheint zu wissen, was eigentlich los ist. Sie können sich zu nichts einigen und kommen zu keinem Abkommen“, regt sie sich auf. Die 79-Jährige ist eigentlich Irin, lebt aber seit ihrem 20. Lebensjahr in England. Der Brexit spaltet ihrer Auffassung nach das ganze Land: Jung und alt, arm und reich – jeder habe eine andere Meinung. Was im Kleinen in den Haushalten, Supermärkten oder in der Bahn kontrovers diskutiert werde, finde im Großen in der Politik statt.

Zweites Referendum?

Wie aber sieht es innerhalb der Familie Melvin und in ihrem Freundeskreis aus? Bis auf Mutter Sandra (39) sind alle gegen einen EU-Austritt Großbritanniens. Der Brexit wird unserem Land schaden, sagen sie unisono. Niamhs Freundin Emma Tiplady etwa meint: „Eine Union bereitet das Vereinigte Königreich besser darauf vor, Sicherheitsbedrohungen wie dem Terrorismus, zu begegnen.“

Die 20-Jährige befürchtet aber noch andere Probleme. Die EU beteilige sich mit Investitionen innerhalb des Vereinigten Königreichs, sowohl im privaten als auch im öffentlichen Sektor. „Millionen von Arbeitsplätzen könnten auf dem Spiel stehen“, sagt Emma. So könne die Zahl der ausgebildeten Ärzte und Krankenschwestern aus dem Ausland zurückgehen.

Warum aber befürwortet Mutter Sandra als einzige der Familie den Brexit? „Ich habe fürs Austreten gestimmt“, sagt die 39-Jährige. Warum? „Wegen des Einflusses des Europäischen Justizsystems auf das Englische“, erklärt sie. Deutlicher wird sie aber nicht. Niamhs Vater Michael (46) wollte sich übrigens nicht zum Brexit äußern. Er will generell nicht über Politik reden.

Wie soll es nun in Großbritannien weitergehen? Was für einen Ausweg gibt es aus dem jetzigen Chaos ? Kommt vielleicht ein zweites Referendum? Sandra Melvin hält nichts davon. Sie ist sich sicher, dass eine weitere Volksbefragung nur zu noch mehr Konflikten führen würde.

Niamhs Schwester Caitlin (15) ist ganz anderer Meinung. Sie meint, dass aufgrund der jetzigen Unsicherheit, in die Premierministerin Theresa May das Land gebracht habe, die Menschen bei einem zweiten Referendum anders stimmen könnten.

Wenig europäisch

Generell sind meine Gesprächspartner unzufrieden mit der Informationspolitik der britischen Regierung. „Den Bürgern haben nicht genügend Informationen zur Verfügung gestanden, um eine fundierte Entscheidung über die Zukunft des Landes zu treffen“, sagt Niamh.

Ob aber nun die Briten in der EU bleiben oder nicht, in Niamhs Familie beziehungsweise in ihrem Umfeld fühlen sich nicht alle wirklich europäisch. „Ich gebe Bescheid, wenn ich mich anders fühle, wenn wir gehen“, scherzt Freundin Sophie Murphy (19).

Was witzig gemeint ist, könnte aber nach Meinung von Schwester Caitlin bald bitterer Ernst werden. „Ich sehe die EU als eine Art Sicherungsnetz, das bald beseitigt wird“, sagt die 15-Jährige und blickt voller Sorge in die Zukunft. Gleichzeitig kann sie nicht verstehen, warum viele aus der jüngeren Generation dem Referendum vor zweieinhalb Jahren ferngeblieben sind.

Bei einer höheren Wahlbeteiligung der Jungen hätten diese mit ihrer Stimme vielleicht für einen anderen Ausgang gesorgt. „Schließlich betrifft das unsere Zukunft“, kritisiert sie ihre Altersgenossen. Diese müssten vor allem die Folgen des Brexits ausbaden – zum Beispiel könnten Reisen schwieriger werden, und die Preise für Waren könnten steigen.

von JULIA LINDNER

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