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„Die Leut’ wollen was loswerden“

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Von: Olivera Glicoric-Fürer

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Nicht gut gelöst: Auch an der Position der Mitfahrbank gab es Kritik.
Nicht gut gelöst: Auch an der Position der Mitfahrbank gab es Kritik. © ogf

Es ging um Schulweg, Geschäfte und öffentlichen Nahverkehr: Der Runde Tisch im Friedrichsdorfer Stadtteil Burgholzhausen hat einige Defizite thematisiert. Aber es gab auch viele neue Ideen - eine hat auch dem Bürgermeister gefallen.

Friedrichsdorf -Schulweg, öffentlicher Nahverkehr, schwindende Infrastruktur, Mitfahrbank - das waren einige der Themen, die im Alten Rathaus angesprochen wurden. Den Anstoß zur Versammlung - zu der gut 50 Bürger gekommen waren - gab die Verwaltung, federführend Hannah Maser vom Stadtmarketing, mit ihrer Einladung zum runden Tisch. Was eine postpandemische Maßnahme sein soll, mit dem Ziel die vier Stadtteile gemäß dem Motto „Vier Stadtteile - eine Gemeinschaft“ näher zusammenzubringen. Burgholzhausen war nach Seulberg an der Reihe.

Margit Schlesinger-Stoll, eine Stadt-Externe, moderierte und behielt den Überblick über die zahlreichen Wortmeldungen. Bürgermeister Lars Keitel (Grüne) beantwortete die Fragen vonseiten der Verwaltung so wie Ortsvorsteher Heinz Reinhardt (FWG), der darüber hinaus als „Ur-Holzhäuser“ von den Nöten seines Ortsteils noch zu berichten wusste.

Schnell waren die Teilnehmer beim Thema, bereits bei der musikalischen Einleitung durch das „Julu Jazz Trio“, die der Veranstaltung einen ungezwungenen Touch verlieh und sie der Nüchternheit einer Sitzung enthob, gab sich ein Besucher ungeduldig: Musik sei super, „aber die Leut’ wollen hier was loswerden.“

Zum „Loswerden“ gab es reichlich Zeit und Raum. Sollte man meinen, dass den Burgholzhäusern am meisten der schrumpfende Einzelhandel bekümmere, so scheint die Einstellung dazu pragmatischer als gedacht zu sein. „Es ist illusorisch zu glauben, dass eine Apotheke, ein Bäcker oder ein Bankautomat herkommen“, brachte es ein Teilnehmer auf den Punkt. Vielmehr solle man sich mit dem Gedanken befassen, wie die Bewohner das Beste aus der Situation machen.

Keitel hielt fest, dass Burgholzhausen „bei über 4000 Einwohnern kein kleines Dorf“ sei, man müsse die Menschen nur mobilisieren, dort einzukaufen, wo sie wohnen, er wollte damit ausdrücken, dass Apotheke und Bäcker vor Ort durchaus ausreichend Abnehmer hätten. „Die Qualität hatte nicht gestimmt“, sagte eine Teilnehmerin. Dass die Apotheke die Medikamente immer bestellen musste und der Bäcker viel zu schnell ausverkauft war, sei der Hauptgrund dafür gewesen, dass die Anwohner sich umorientiert hätten: „Das macht man vielleicht zwei Mal mit, aber dann kauft man sein Brot eben woanders.“ Breite Zustimmung im Saal. Die Kaufkraft scheint vorhanden, aber das Angebot müsse passen, so in etwa das Resümee. Man müsse also hinbekommen, dass die Burgholzhäuser leichter an Medikamente, Brot und einen Geldautomaten kommen.

„Die Qualität hatte nicht gestimmt“

Das Stichwort für Reinhardt: „Die Buslinie 56 könnte von Burgholzhausen nach Ober Erlenbach fahren“, derzeit fährt besagte Buslinie, die sich Friedrichsdorf mit Bad Homburg teilt und die bis nach Nieder-Eschbach führt, nur Seulberg und Friedrichsdorf an - tatsächlich dreht der Bus sogar in Höhe des Sportparks, dabei könne er bequem weiterfahren durch Burgholzhausen bis nach Ober-Erlenbach. Köppern könne die Buslinie auch mitnehmen, befand der Ortsvorsteher. Und der Bus, der Petterweil mit Bad Homburg verbindet könne Burgholzhausen mit einbinden. Viele Ideen zur Verkehrsanbindung ans öffentliche Netz fielen, doch was davon auch im Sinne der lange diskutierten Verkehrswende wirklich umgesetzt werden könne, blieb offen. Notiert hatte die Vorschläge zumindest die Protokollantin.

Die Mitfahrbank - ein weiterer Diskussionspunkt - sei verkehrstechnisch ungünstig platziert. „Die Bank steht mitten im Ort, weil dort kein Bus durchfährt“, erklärte Reinhardt. „Aber sonst fährt auch niemand durch“, die Antwort eines Einwohners. „Eine Mitfahrbank muss an den Ortsausgängen stehen“, waren sich die Teilnehmer einig, diese Anregung nehme man mit zur weiteren Diskussion im Ortsbeirat.

Ein Vater in der Runde machte auf ein weiteres Problem aufmerksam: „Der Schulweg nach Friedrichsdorf ist gefährlich für die Kinder“, vor allem für Schüler, die mit dem Fahrrad zur Philipp-Reis-Schule fahren. Der Radweg viel zu schmal, die Kreuzungssituation am ersten Kreisel aus Burgholzhausen schwierig, weil die Autofahrer und nicht die Radfahrer oder Fußgänger Vorfahrt haben.

Bürgermeister Keitel konnte ein wenig beschwichtigen: „Neue Radwege sind in Planung“, und zwar sollten diese auf der anderen Seite der Brücke entlangführen, die Vorarbeit ist zum Teil schon erledigt, 2023 werde der nächste Bauabschnitt in Angriff genommen, finanzielle Mittel dafür seien im Haushalt eingestellt. Ein kleiner Lichtblick, wenn auch das Nadelöhr über die Autobahnbrücke nur etwas abgefedert wird und die Frage nach der Querung am Kreisel ungeklärt bleibt. Letzteres habe auch mit den Zugehörigkeiten der Straßen zu tun - ob die Stadt, der Kreis oder das Land den Verkehr regeln.

„Das sind Kosten ohne Ende“

Ein weiteres Thema: Müll: „An der Talmühle wird immer Sperrmüll abgeladen“, monierte eine Besucherin, gegenüber den Wertstoffcontainern, in Höhe des Spielplatzes. Ein Thema, das auch den Bürgermeister ärgerte: „Zweieinhalb Stellen in den Stadtwerken sind nur damit beschäftigt, Müll zu beseitigen“, und zwar den unrechtmäßig abgeladenen Müll, „das sind Kosten ohne Ende“, die eingespart werden könnten, wenn der Bürger verantwortungsvoll und überlegt handelte. Leere Flaschen gehörten nicht auf den Glascontainer, weil dieser zum Beispiel voll ist, ungewollter und ausgedienter Hausrat nicht daneben, „das Problem haben wir im gesamten Stadtgebiet“.

Was ist das Fazit des Abends? Den öffentlichen Nahverkehr stärken, die Fahrzeiten der Busse und Bahnen besser aufeinander abstimmen und diese auch breiter kommunizieren, den Schulweg zur Philipp-Reis-Schule sichern. Und: Mehr Heimat- statt Internet-Shoppen, was auch eine Initiative des Landkreises ist. Die lokalen Läden könne man durch den etablierten Friedrichsdorfer Lieferservice unterstützen, warb Weil. Im Übrigen gehörten auch Apotheken dem Verbund des Lieferservices an, so dass man schnell mit notwendigen Medikamenten beliefert werden könne. Die Idee schließlich, eine Art Kommunalladen in Burgholzhausen einzurichten, begeisterte alle Teilnehmer, auch den Bürgermeister - doch hier bedarf es einer energischen Initialzündung. Es sind an diesem Abend ebenso viele Ideen wie auch Hausaufgaben für die Verwaltung aber auch für die Bürger aufgeworfen worden: Wer ein Geschäft oder eine Kneipe im Ort wünscht, der müsse auch dorthin gehen. Resümee des Bürgermeisters: „Wir haben viel mitgenommen - es ist sehr lebendig in Burgholzhausen.“

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