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Frau aus Kiew berichtet in Friedrichsdorf von der ständigen Angst vor Bombenangriffen

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Von: Christiane Paiement-Gensrich

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Sie sind aus der Ukraine geflohen und bei Gastfamilien im Taunus untergekommen (von links): Serhij Povstianyi, Alexander Bondartschuk Jana, Elisey, Victoria Bondartschuk, Angelina, Lisa, Iryna Pshenychna und Tykhon.
Sie sind aus der Ukraine geflohen und bei Gastfamilien im Taunus untergekommen (von links): Serhij Povstianyi, Alexander Bondartschuk Jana, Elisey, Victoria Bondartschuk, Angelina, Lisa, Iryna Pshenychna und Tykhon. © Christiane Paiement-Gensrich

Geflüchtete Familien aus der Ukraine finden Aufnahme im Taunus

Friedrichsdorf -Eine blau-gelbe ukrainische Fahne weht vor dem Gemeindezentrum der Religionsgemeinschaft Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage (Mormonen) an der Talstraße. Drinnen, im ersten Stock, hängt ein Plakat, auf dem auf Deutsch und Ukrainisch "Herzlich willkommen" steht. Gemeindemitglied LaFern De Molder hat hier ein Frühstück für Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine organisiert. 20 bis 30 Personen sind derzeit bei Gemeindemitgliedern in Friedrichsdorf und Umgebung untergekommen, berichtet sie.

De Molder und ihr Mann haben selbst eine Familie aufgenommen. Am Mittwoch haben sie die 41 Jahre alte Iryna Pshenychna und deren Söhne Tykhon (11) und Elisey (9) am Frankfurter Hauptbahnhof abgeholt. "Die Situation in unserer Heimat ist sehr gefährlich, Häuser werden zerstört, Frauen vergewaltigt, Menschen getötet", berichtet Iryna mit Hilfe der Übersetzungs-App auf dem Mobiltelefon. Und man ahnt, dass alles noch viel schlimmer ist, als diese Worte beschreiben können. Irynas Mann musste in der Ukraine zurückbleiben. Den meisten Männern zwischen 18 und 70 Jahren ist die Ausreise nicht erlaubt. Sie müssen das von Russland überfallene Land schützen. Auch Irynas Mutter ist noch dort. Die Familie kommt aus Brovary in der Nähe von Kiew.

Am 2. März ist Iryna mit ihren Kindern geflohen, zuerst nach Rumänien und dann nach Ungarn. "Die Züge nach Polen waren alle sehr voll, nach Rumänien zu kommen, war einfacher", erklärt Iryna. Nur zwei kleine Reisetaschen hatten sie dabei. In Ungarn konnte die Familie für ein paar Tage in einem College bleiben, das von einem Mitglied der Religionsgemeinschaft gegründet wurde. "Dort werden Flüchtlinge betreut", berichtet sie. Ihre 18 Jahre alte Tochter Sophia ist noch dort und hilft mit. Sie soll später nach Deutschland nachkommen.

Erst am Freitag ist Irynas Schwägerin Victoria Bondartschuk mit ihrer Familie aus Kiew in Deutschland eingetroffen. "Die ständige Angst vor Bombenangriffen war unerträglich, vor allem für unsere Kinder", sagt die 44 Jahre alte Übersetzerin. Ehemann Alexander (44, Vertriebsleiter) durfte seine Frau und die vier Töchter Lisa (6), Jana (13), Angelina (15) und Olga (18) begleiten. Väter, die mindestens drei minderjährige Kinder haben, dürfen ausreisen, erklärt sie. Seit Beginn der Kampfhandlungen habe die Familie im fensterlosen Flur ihrer Wohnung geschlafen. Zur Sicherheit, damit sie bei einem Bombenangriff nicht durch berstendes Fensterglas und Trümmer verletzt werden. Und in Straßenkleidung, damit sie bei Fliegeralarm schnell in einen Luftschutzkeller laufen konnten.

"Wir wollen unser Land zurück"

Nach der ersten Kriegswoche haben sie frühmorgens ihre Rucksäcke gepackt und sind geflohen, mit dem Auto Richtung Rumänien. "Wir wollen unser Land zurück. Jemand will uns unsere Freiheit nehmen und wir verteidigen uns", sagt Victoria, und die Tränen steigen ihr in die Augen. Sie bete für ihr Land, ihr Volk und die ukrainischen Soldaten. Im Gegensatz zu vielen ihrer Landsleute spricht sie fließend Englisch. Sie hat ein Jahr in den USA gelebt. Ihre Eltern sind noch in der umkämpften Heimat.

Der 40 Jahre alte Serhij Povstianyi ist seit einer Woche hier. Der Vertriebsleiter und Familienvater ist ebenfalls mit dem Auto geflohen, aus Dnipro in der Ost-Ukraine über Lwiw (Lemberg) bis nach Wroclaw (Breslau, Polen). Dort hat er den Wagen stehen lassen und ist mit dem Zug nach Deutschland gefahren. Seine Frau und die drei Söhne sind derzeit noch in der Türkei. Jetzt, vor dem Willkommens-Frühstück im Gemeindehaus, spricht er das Tischgebet. Zuvor hatte die Friedrichsdorferin Dr. Dagmar Kollmeier die Gäste aus der Ukraine herzlich begrüßt. "Wir fühlen mit ihnen", sagte sie. Dann war das Buffet eröffnet und die Kinder langten eifrig zu. Die Erwachsenen dagegen wirkten zurückhaltend und befangen, zu schrecklich sicher war das Erlebte, das hinter ihnen lag.

Den Kontakt zu den ukrainischen Familien hatte Thomas Lillbäck hergestellt, der in der Friedrichsdorfer Gemeinde engagiert ist. Er hatte sich vor über zehn Jahren um die IT-Installationen für den Kiewer Tempel der Religionsgemeinschaft gekümmert. Vier bis fünf Mal war er in der Ukraine. Im Jahr 2010 wurde der Tempel eingeweiht. Der Verwaltungschef des Kiewer Tempels ist noch dort. Der Tempel selbst ist wegen der Kampfhandlungen geschlossen. Der Verwaltungschef des Friedrichsdorfer Tempels, Jens Müller-Hopf, hält unterdessen den Kontakt zu seinem Kollegen. Und LaFern De Molder erwartet, dass künftig noch mehr Flüchtlinge von Gemeindemitgliedern aufgenommen werden.

Auch Thomas Lillbäck beherbergt eine Flüchtlingsfamilie. Jetzt hilft er bei der Spendenaktion für die Ukraine, die parallel zu dem Willkommens-Frühstück stattfindet. Gerade lädt er einen Karton mit der Aufschrift "Schlafsäcke" ins Auto. Er transportiert Spenden zur Spendensammelstelle der Hochtaunuskliniken. Seine Frau Annika (48) und seine Tochter Ida (22) sortieren unterdessen, zusammen mit weiteren Helfern, im Erdgeschoss des Gemeindehauses Decken und beschriften Kartons. Marisela Ertel, die Leiterin der Frauenorganisation der Gemeinde Usingen der Religionsgemeinschaft hatte die Spendenaktion organisiert.

Dolmetscher und Wohnraum gesucht

Wer Flüchtlingen helfen möchte, etwa als Dolmetscher (Ukrainisch, Russisch oder Weißrussisch) oder weil er eine private Unterkunft anbieten kann, der wird gebeten, sich bei der Stadt Friedrichsdorf zu melden. Auch Personen, die Geflüchteten als Paten beim Gang zu Ämtern, beim Ausfüllen von Formularen oder bei Arztbesuchen zur Seite stehen möchten, werden gesucht. Die E-Mail-Adresse lautet: ukraine-hilfe@friedrichsdorf.de. Wer für die Ukraine spenden möchte, den verweist die Stadt derzeit an die professionellen Hilfsorganisationen und Vereine. Zu finden sind diese unter anderem auf der Internetseite des Aktionsbündnis Deutschland hilft und Aktionsbündnis Katastrophenhilfe. Weitere Adressen finden sich auch auf der Seite des Hessischen Innenministeriums.

Ida Lillbäck (links) und ihre Mutter Annika sortieren und verpacken im Gemeindehaus gespendete Decken für Flüchtlinge.
Ida Lillbäck (links) und ihre Mutter Annika sortieren und verpacken im Gemeindehaus gespendete Decken für Flüchtlinge. © Christiane Paiement-Gensrich

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