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Friedrichsdorf: Brückenbau mit bombiger Begleitmusik

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Von: Klaus Späne

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Irgendwelche Bomben versteckt? Wie durch Butter frisst sich der Bohrer ins Erdreich. Danach beginnt die Suche.
Irgendwelche Bomben versteckt? Wie durch Butter frisst sich der Bohrer ins Erdreich. Danach beginnt die Suche. © ys

Die Personenüberführung am Bahnhof ist fertig installiert. Die Suche nach Blindgängern wird allerdings fortgesetzt.

Friedrichsdorf - Elegant kommt sie daher, die neue Brücke. Die hoch aufragenden Bauteile, und vor allem die weißen, schrägen Metallseile, die wie riesige Segel wirken, verleihen ihr eine Leichtigkeit, die das Bauwerk geradezu schweben lassen. Ein architektonisches Meisterwerk und sicher eine Attraktion für Touristen. Spätestens beim letzten Satz dürfte dem geneigten Leser klar sein, dass hier nicht von Friedrichsdorf die Rede ist. Vielmehr geht es um die Peljesac-Brücke, die dieser Tage eröffnet wurde. Die Schrägseilbrücke verbindet das kroatische Festland und die Halbinsel Peljesac in Süddalmatien. 2404 Meter lang, Konstruktionshöhe von 115 Metern.

Damit wären wir aber nun wirklich bei Friedrichsdorf, das mit Kroatien eines gemeinsam hat: Die Hugenottenstadt besitzt ebenfalls eine neue Brücke. Ok, keine, die über eine malerische Szenerie wie die blaue Adria führt. Keine, die sich mit dem Titel einer der längsten Hängebrücken Europas schmücken kann. Das Friedrichsdorfer Pendant führt stattdessen schnöde über die Gleise des Bahnhofs zwischen Gleis 2 am Bahnhofsgebäude und dem Park & Ride-Platz auf der Ostseite und firmiert unter der spröden Bezeichnung provisorische Personenüberführung.

Nachtschichten, um den Bahnverkehr nicht zu stören

In der Nacht von Montag auf Dienstag, etwas früher als vorgesehen. Alles in einer Nacht zwischen 0 Uhr und 5 Uhr morgens erledigt, einer Zeit also, in der der Bereich für den Bahnverkehr gesperrt war. "In eineinhalb Stunden war alles drin", sagt Marcel Weber, Mitarbeiter der Firma Johann Rohrer, einem Subunternehmen, das ebenfalls in die Brückenkonstruktion involviert ist. Dabei wurden die letzten beiden Brückenträger eingehoben: ein sieben Meter langes Stück zwischen Mittelbahnsteig und einem Stützturm in der Gleisanlage ein neun Meter langes Stück zwischen diesem Auflagenturm, wie die Stützvorrichtung noch genannt wird, und dem Bahnsteig auf Gleis zwei. Versehen übrigens auf der gesamten Länge über die Gleise mit sogenannten Protektplatten, sprich einem undurchlässigen Geländer, das ein Durchgreifen verhindert, geschweige denn ein Drübersteigen.

Nun gebe es nur noch Restarbeiten zu erledigen, sagt Weber in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch. Dazu gehört ein Aufprallschutz beim Stützturm zwischen den Bahnsteigen zwei und vier. "Falls ein Zug entgleisen sollte", präzisiert Weber. Außerdem wird noch die Beleuchtung an der Überführung inklusive Treppen installiert. Als letzter Akt folgt die Abnahme, bevor alles für den Publikumsverkehr freigegeben werden kann. Bis dahin gilt Betreten verboten. Nicht berücksichtigt sind bei all dem jene Arbeiten, die parallel zur Brückenkonstruktion laufen, die aber den Terminplan durcheinander wirbeln könnten.

Nacht von Dienstag auf Mittwoch zwischen 24 und ein Uhr. Auf Gleis zwei verkehrt keine S-Bahn, sondern ein gelber Zwei-Wege-Bagger. So genannt, weil das Gefährt auch auf Schienen fahren kann. Ein weiteres Kuriosum dieser Maschine ist, dass am Ausleger ein sechs Meter langer Bohrer mit einem Durchmesser von 125 Millimetern angebracht ist. Als würde er durch Butter hindurchgehen, frisst sich dieser in den Boden am Bahnsteig. Immer unter den aufmerksamen Blicken von Andreas Kreiser. Der Mann mit der orangefarbenen Warnweste ist Truppführer bei der Firma Nolte, einem Spezialisten für Kampfmittelräumung, sprich dem Auffinden und Beseitigen von Blindgängern aus dem Krieg. Die Firma war bereits in der vorigen Woche am Friedrichsdorfer Bahnhof unterwegs. Insgesamt 77 Tiefenbohrungen unternahm man. In der Nacht auf Mittwoch kommen 24 weitere an den Bahnsteigen zwei und vier dazu.

Blindgänger-Suche per Radar

Kreiser erklärt das Vorgehen. Zunächst gibt es 1.25 Meter tiefe Suchschürfungen, klassisch per Hand. Dabei wird das Erdreich nach verlegten Kabeln der Bahn abgesucht. Danach wird ein Loch per Bagger und Schnecke, sprich besagtem Bohrer im Abstand von 1,50 Meter gebohrt, verrohrt und mit Radar und einem Magnetik-Messgerät gemessen. Es gebe dann keinen toten Punkt, wo sich eine Bombe verstecken könne. Die Magnetik-Messverfahren richte sich an dem Erdmagnetfeld, erklärt Kreiser. Veränderungen könnten aufgezeigt werden. Sollte dies geschehen, werde ausgewertet. "Bomben haben ein bestimmtes magnetisches Moment", sagt Kreiser. Bei einem Fund werde alles weitere mit dem Länderräumdienst besprochen.

Das war bisher in Friedrichsdorf nicht der Fall. Und am nächsten Morgen um fünf Uhr sind dann alle Bohrlöcher wieder zu, die Pflastersteine wieder eingesetzt, damit niemand ins Stolpern kommt. Nächste Woche geht die Suche weiter. Dieses Mal neben der Treppe der Überführung.

Nicht so imposant wie die neue Brücke in Kroatien, aber Hauptsache der Zugang zu den Bahnsteigen ist während des Umbaus möglich.
Nicht so imposant wie die neue Brücke in Kroatien, aber Hauptsache der Zugang zu den Bahnsteigen ist während des Umbaus möglich. © ys

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