Eva König, Matthias Lang und Theepiga Jeyaseelan von den Grauen Wölfen zeigen Plakate, die zur Prävention beitragen sollen. Die Pfadfinder stellen sich der Vergangenheitsbewältigung zum Thema sexualisierte Gewalt.
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Eva König, Matthias Lang und Theepiga Jeyaseelan von den Grauen Wölfen zeigen Plakate, die zur Prävention beitragen sollen. Die Pfadfinder stellen sich der Vergangenheitsbewältigung zum Thema sexualisierte Gewalt.

Sexualisierte Gewalt

Friedrichsdorf: Lange Verschwiegenes aufarbeiten

  • VonKatja Schuricht
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Der Pfadfinderstamm "Graue Wölfe" setzt sich gezielt und systematisch mit Missbrauch aus der Vergangenheit auseinander. Auch in den eigenen Reihen.

Friedrichsdorf -"Prävention braucht Aufarbeitung" lautet die Überschrift einer besonderen, bundesweiten Aktion des Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder (BdP), das sich dem Thema sexualisierte Gewalt annimmt. Ein Thema, das bis in den Friedrichsdorfer BDP-Stamm "Graue Wölfe" ausstrahlt, und das bisher unter den Teppich gekehrt wurde. Doch diese Zeiten, sagt Eva König, sind vorbei. "Uns ist es wichtig, mit dem Thema sexualisierte Gewalt und Aufarbeitung der Vergangenheit an die Öffentlichkeit zu gehen", erklärt die 37-Jährige. König ist nicht nur langjähriges Mitglied des Stamms "Graue Wölfe". König engagiert sich im Bundesarbeitskreis "Aufarbeitung" des BdP, der jetzt das Projekt vorgestellt hat.

Erfahrungen im

eigenen Stamm

"Auch unser Stamm hat in der Vergangenheit, Ende der 1970er- Jahre und in den 1980er-Jahren, mit sexualisierter Gewalt zu tun gehabt", erläutert sie. Das bundesweite Projekt der Aufarbeitung geht der BdB mit einem externen Kooperationspartner, dem Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), an. Mit dem IPP möchte der BdP mögliche Fälle von sexualisierter Gewalt und die dafür verantwortlichen Strukturen zwischen den Jahren 1976 und 2006 aufarbeiten. Der jetzigen Generation der Stammesführung, ist sich Eva König sicher, sei es wichtig, lange Verschwiegenes und die Geschehnisse aufzuarbeiten und das Thema zu benennen.

"Es ist endlich Zeit für eine Aufarbeitung. Bei uns hat jahrelang Schweigen darüber geherrscht", sagt Eva König. "Deshalb ist die Aufarbeitung und der Impuls, der jetzt von unserem Bundesverband ausgeht, besonders für uns sehr wichtig", betont König und blickt zurück: "Es gab damals ein Gerichtsverfahren, die Person war geständig und hat unseren Stamm verlassen", berichtet König, die gemeinsam mit der Friedrichsdorfer Stammesführung, der Vorsitzenden Theepiga Jeyaseelan (19) und ihrem Stellvertreter Matthias Lang (20), im TZ-Gespräch erklärt, welche Bedeutung der Aufarbeitungsprozess für ihren Stamm hat. "Wir als Stamm wollen aus Fehlern der Vergangenheit lernen, um besser für die Zukunft aufgestellt zu sein", so Theepiga Jeyaseelan.Bereits seit 2006 beschäftigen sich die Pfadfinder des BdP im Arbeitskreis "Intakt" mit dem Thema Prävention sexualisierter Gewalt.

"Dazu haben wir Materialien bekommen. Zudem nehmen unsere Gruppenleitungen regelmäßig an Seminaren und Fortbildungen teil, die die Präventionsarbeit beinhalten", schildert Jeyaseelan. "Was die aktuelle Präventionsarbeit betrifft, sind wir also gut aufgestellt. Wir legen Wert darauf, diese Projekte weiter zu unterstützen", meint sie.

Verbunden ist damit das große Ziel, "bei uns Raum für Vertrauen zu schaffen und eine offene Kommunikation zu pflegen". Der große Wunsch des Trios: "Dass wir in den jetzigen Aufarbeitungsprozess Betroffene und Wissensträger mit einbinden können", erklärt Jeyaseelan. Das sei viele Jahre nicht geschehen, führt Eva König aus, die vor 20 Jahren stellvertretende Stammesführerin der Grauen Wölfe gewesen ist. "Erst die jetzige Generation greift das Thema Aufarbeitung sexualisierter Gewalt wieder auf", berichtet Eva König.

Doch jetzt spüre man, dass die Gesellschaft und vor allem die jüngere Generation der heutigen Teenager bereit sei, eine Sprache zu finden. "Eine Sprache, die nicht ,da war was' sagt, sondern offen benennt, um was es geht: sexualisierte Gewalt", hebt König hervor und ergänzt: "Es ist mutig, wenn Betroffene und Wissensträger jetzt offen darüber sprechen können. Wir hoffen sehr, dass sie Kraft und Mut finden, sich beim IPP zu melden und mit ihrer Geschichte zur Aufarbeitung beitragen."

Ergebnisse der Studie, die der BdP aus eigenen Mitteln und durch Spenden finanziert, werden Anfang 2023 erwartet.

"Wir meinen es ernst", betont König. "Alles, was bisher verschwiegen wurde, werden wir herausfinden." Katja Schuricht

Betroffene und Zeugen sind aufgerufen, sich zu melden

Als erster großer Jugendverband startet der BdB Jetzt seinen umfassenden Aufarbeitungsprozess. Kooperationspartner ist das unabhängigen Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), mit dem der BdP mögliche Fälle von sexualisierter Gewalt und die dafür verantwortlichen Strukturen zwischen den Jahren 1976 und 2006 aufarbeiten möchte. Ziel ist, "die Kultur des Schweigens mit Blick auf sexualisierte Gewalt in der Vergangenheit zu brechen und eine kritische Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt im eigenen Verband befördern", heißt es in einer Pressemittelung des BdP. Der betroffenenge-rechte Umgang sei dabei handlungsleitend. Das bedeute auch, Strukturen und Selbstverständnis in Frage zu stellen und diese zum Wohl der Kinder und Jugendlichen zu prüfen.

Dazu ruft der Verband jetzt Betroffene und Zeitzeuginnen und Zeitzeugen auf, sich beim Institut unter per E-Mail an aufruf@ipp-muenchen.de zu melden. Aufarbeitung, bestätigt Peter Caspari vom Forschungsteam des IPP, heiße in vielen Fällen jahrzehntelanges Schweigen zu brechen. Das IPP liefert eine Datengrundlage, auf die sich die Organisation bei ihren Aufarbeitungsbemühungen beziehen kann. "Wir geben Empfehlungen, auch konkret zur künftigen Prävention", erklärt Caspari. "Wir möchten das Ausmaß und die Formen sexualisierter Gewalt klären. Wir möchten Klarheit darüber schaffen, wie es dazu kommen konnte", betont er.

Im Zentrum des Erkenntnisinteresses stünden die Perspektiven Betroffener, denn erfahrungsgemäß geben diese die wichtigsten und aussagekräftigsten Informationen. "Bei diesen Interviews mit Schlüsselpersonen und Zeitzeugen sichern wir absolute Verschwiegenheit in Bezug auf persönliche Daten zu und gewährleisten Anonymität. Die Interviewten haben absolute Kontrolle über den Gesprächsverlauf, so ist ein Abbruch jederzeit möglich und nur solche Fragen werden beantwortet, die die Betroffenen beantworten möchten", erklärt Peter Caspari. ksp

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