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Eine Treppe führt in das Taufbecken hinab. Wer sich hier taufen lässt, steigt ins Wasser und taucht unter.

Tag der offenen Tür

Nach vierjähriger Renovierung: Mormonen-Tempel kann besichtigt werden

Vier Jahre lang ist der Friedrichsdorfer Tempel der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage (Mormonen) renoviert worden. In seinem Inneren lassen sich Mitglieder der Religionsgemeinschaft stellvertretend für ihre Ahnen taufen.

Friedrichsdorf - Zwölf marmorne Rinder tragen das achteckige Taufbecken auf ihren Rücken. Eine kleine Treppe mit Geländer führt hinab in das türkis schimmernde Wasser, denn der Taufkandidat wird von einem Priesteramtsträger untergetaucht. Der "Taufbereich" ist einer der wichtigsten Räume im Tempel der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage (Mormonen). Das frisch renovierte und umgebaute Gotteshaus darf vom  Freitag, 13.09.2019 bis 28.09.2019, besichtigt werden. Die Religionsgemeinschaft lädt zu Tagen der offenen Tür ein. Danach wird der Tempel neu geweiht und nur Mitglieder haben noch Zutritt.

"Friedrichsdorf ist eine besondere Stadt für uns. Diese Stadt, die einmal religiös verfolgten Unterschlupf geboten hat, und in der Toleranz gelebt wird", sagt Erich W. Kopischke. Er gehört der Gebietspräsidentschaft Europa der Religionsgemeinschaft an. Auch die Mormonen wurden einst verfolgt.

Friedrichsdorf: Mormonen-Tempel kann an Tag der offenen Tür besichtigt werden

"Alles, was im Tempel geschieht, weist auf Jesus Christus hin", erklärt Michael Cziesla, der sich hier, wie die meisten Mitglieder, ehrenamtlich engagiert. "Das Haus des Herrn - Heilig dem Herrn" steht über dem Tempel-Eingang. Wer über die Schwelle tritt, steht vor einer Empfangstheke. Dort müssen die Mitglieder ihren Tempelschein zeigen, die Berechtigung, das Gebäude zu besuchen. Aber wer erwartet hat, das Innere gleiche einer besonders schönen großen Halle, ähnlich einer Kathedrale, der wird feststellen, dass das Haus vielmehr verschiedene kostbar ausgestattete Räume beherbergt. 

Der Celestiale Saal mit seiner hohen Decke spiegelt für die Mitglieder der Religionsgemeinschaft die Ruhe und Schönheit des Himmels wider.

Der Besucher fühlt sich eher wie in einem Schloss: Stilvolle und bequeme gepolsterte Stühle, Sessel und Bänke gibt es hier. Wunderschöne kristallene Kronleuchter. Spiegel, Teppiche, helle Fliesen und heller Teppichboden gehören zur Ausstattung. "Für den Herrn ist nur das Beste gut genug", sagt Jörg Klebingat. Er ist eigens zur Tempel-Einweihung aus Salt Lake City (USA) angereist. Denn er ist für alle gut 200 Gotteshäuser der Religionsgemeinschaft auf der ganzen Welt verantwortlich.

Friedrichsdorf: Taufe und Heirat im Mormonen-Tempel möglich

Der Friedrichsdorfer Tempel ist einer von nur zweien in Deutschland. Die Heiligtümer sind besonderen Handlungen vorbehalten. Eheschließungen gehören dazu und stellvertretende Taufen. Die Mormonen betreiben Ahnenforschung, um sich für ihre Vorfahren taufen zu lassen. Die Taufe für die Ahnen sei eine Liebesgabe. "Die Verstorbenen auf der anderen Seite haben die Möglichkeit, die Taufe anzunehmen, oder nicht", sagt Cziesla. Die Taufen Lebender und die sonntäglichen Gottesdienste unterdessen finden in den Gemeindehäusern statt.

Im Brautzimmer gibt es große Spiegel und einen kostbaren Maria-Theresia-Kronleuchter: Hier darf sich die junge Frau vor der Trauung hübsch machen. 

Wer im Tempel heiraten möchte, der muss nicht nur Mitglied der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage sein. Die Partner müssen zuvor auch standesamtlich geheiratet haben, erklärt Cziesla weiter. Im Heiligtum dann knien Braut und Bräutigam im festlichen Siegelungsraum am Traualtar einander gegenüber nieder und reichen sich die Hand. "Sie schließen die Ehe für Zeit und alle Ewigkeit", berichtet Cziesla. Nach der Zeremonie sei ein Kuss erlaubt und viele Partner tauschten symbolisch Ringe. Zuvor aber macht sich die junge Frau im "Brautzimmer" hübsch: Unter dem Maria-Theresia-Kronleuchter aus Preciosa-Glas steht sie vor dem großen Spiegel mit den beiden Flügeln, so dass sie sich in ihrem schönen Kleid von allen Seiten sehen kann. Und Margret Cziesla, die 1997 geheiratet hat, verrät: "Wenn das Brautkleid kurzärmlig ist, müssen die Arme bedeckt werden."

Friedrichsdorf: Im Mormonen-Tempel gelten spezielle Regeln 

Zur Kleiderordnung gehört auch, dass jedes Mitglied im Tempel Weiß trägt. "Das steht für Reinheit und dafür, dass alle Mitglieder vor Gott gleich sind", erklärt Michael Cziesla. Deshalb gibt es im Tempel auch einen Umkleideraum mit abschließbaren Spinden. Ihre Tempelkleidung bringen die Mitglieder mit. Nur die Tauf-Anzüge, mit denen sie ins Wasser gehen, bekommen sie an einer Garderobe geliehen. Dort gibt es auch weiche weiße Handtücher, zum Abtrocknen hinterher. Das Wasser übrigens, versichert Cziesla, ist angenehm warm. Ein ganz besonderer Raum ist der "Celestiale Saal" mit seiner hohen Decke und dem riesigen Kronleuchter. "Er spiegelt die Ruhe und Schönheit des Himmels wider", heißt es im Info-Film für die Besucher. "Es ist ein Ort der Ruhe und der Einkehr nach einer religiösen Belehrung", erklärt Cziesla. Gesprochen werde hier, wenn überhaupt, nur mit leiser Stimme.

Die Belehrungen selbst erfolgen im "Unterweisungsraum". Ein bisschen erinnert der, mit seinen hochklappbaren Sitzen der Sesselreihen, an ein edles Kino. In der Tat gehört zur Einrichtung ein Projektor und hinter einem zart goldfarbenen Vorhang verbirgt sich eine Leinwand. "Hier erfahren wir, wie wir gut behütet durch das Leben kommen", erklärt Cziesla.

Friedrichsdorf: Im Mormonen-Tempel gelten spezielle Regeln 

1987 war das Gotteshaus - als fünfter Tempel der Religionsgemeinschaft in Europa - eingeweiht worden. 2015 wurde er für vier Jahre zur Baustelle. Die Umbauarbeiten betrafen nur das Innere. Von außen wirkt das Gebäude unverändert. Was die Sache gekostet hat, erfahren die Besucher nicht. Bezahlt haben die Mitglieder mit ihrer Art von "Kirchensteuer": "Wir geben den zehnten Teil unseres Gehalts", erklärt Klebingat. Inzwischen gibt es in Europa insgesamt 16 Tempel, die entweder in Betrieb, im Bau oder angekündigt sind. In Deutschland zählt die Religionsgemeinschaft 40 000 Mitglieder, zur Gemeinde Friedrichsdorf gehören rund 300 Personen.

Lange Zeit war das Gelände der Mormonen in Friedrichsdorf eine Baustelle. Nicht nur das Innere des Tempels wurde renoviert, sondern auch ein neues Gemeindehaus gebaut. Das alte wurde vorher abgerissen. Der neue Bischof der Friedrichsdorfer Mormonen-Gemeinde ist der noch recht junge Familienvater Joshua Konietz. Sein Amt versieht er ehrenamtlich.

Die Tage der offenen Tür im Friedrichsdorfer Tempel, der offiziell "Frankfurt Tempel" heißt, beginnen am kommenden Freitag und dauern bis Samstag, 28. September. Zugänglich ist der Tempel nur bei Führungen, die täglich, außer sonntags, von 10 bis 21 Uhr angeboten werden. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, der Eintritt ist frei

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