Neue Klatsch-Connection? Nicht ganz, auch wenn das die Macher von Lebendiges Friedrichsdorf einen gewissen Hang zu dem gleichnamigen Café zu haben scheinen. In diesem Fall sind das Till Becker (l.) und Nicolas Schallmayer.
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Neue Klatsch-Connection? Nicht ganz, auch wenn das die Macher von Lebendiges Friedrichsdorf einen gewissen Hang zu dem gleichnamigen Café zu haben scheinen. In diesem Fall sind das Till Becker (l.) und Nicolas Schallmayer.

Kommunalpolitik

Friedrichsdorf: "Putzfrau" mit Blick für Kleinigkeiten

  • Klaus Späne
    VonKlaus Späne
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Seit der Kommunalwahl sitzt die neue Partei Lebendiges Friedrichsdorf im Stadtparlament. Eine ZwischenbilanzNach der Kommunalwahl 2021 wurden die Karten in Friedrichsdorf neu gemischt. Dafür sorgte auch eine neue Partei, die überraschend den Einzug ins Stadtparlament geschafft hat. Die sorgt nicht nur für frischen Wind, sondern hat auch für die Zukunft einiges vor.

Friedrichsdorf -Die Szene hat geradezu Symbolcharakter für neue Ära, die im Parlament angebrochen ist. Schauplatz ist das Forum Friedrichsdorf, wo das Stadtverordnetenversammlung zum letzten Mal in diesem Jahr tagt. Es ist Ende November. Auf der Tagesordnung steht traditionell der Haushalt für das kommende Jahr. Gelegenheit wahlweise den finanziellen Fahrplan und damit zugleich die politischen Weichenstellungen für die Zukunft in mehr oder weniger ausgefeilten und daher vorbereiteten Wortbeiträgen anzupreisen oder anzuprangern.

Nicht so bei Lebendiges Friedrichsdorf. Nicolas Schallmayer, einziger Vertreter der jungen Partei in der Runde, marschiert als letzter Redner im hellblauen Kapuzenpulli zum Rednerpult und formuliert zwei Kernbotschaften zum Etat: keine Zustimmung respektive Enthaltung bei der Erhöhung von Kita-Gebühren und Steuern. Das alles aus dem Stehgreif ohne Manuskript.

Rhetorisch und inhaltlich sicher mit Luft nach oben, dennoch erhält er am Ende den größten Applaus aller Redner, wie Parlamentschef Gerd Brücks (Grüne) feststellt. Das kommt nicht von Ungefähr, hat sich Parlamentsnovize Schallmayer doch in den ersten Monaten seines Erscheinens auf der politischen Bildfläche zumindest einige Sympathien bei den Kollegen erworben.

"Ich bin positiv überrascht"

Knapp über einen Monat später Treffen mit Nico Schallmayer und Till Becker im Café Klatsch in der Hugenottenstraße. Ersterer ist zugleich Vorsitzender, Becker Schriftführer von Lebendiges Friedrichsdorf. Die Debatte zum Etat entlockt beiden noch ein Schmunzeln. Ja, man habe einiges Lehrgeld bezahlen müssen. Nicht nur beim Haushalt, dort aber umso mehr, weil nicht nur ein hochkomplexes Zahlenwerk, sondern auch eines mit vielen für Quereinsteiger bis dato unbekannten Begrifflichkeiten. Und das obwohl man bei der FDP zur Haushaltsklausur eingeladen war - quasi eine Art Intensivseminar. Dennoch eine harte Nuss für die Politneulinge oder wie Schallmayer es ausdrückt: "Bei manchen Oberbegriffen ist man schon erst mal aufgeschmissen."

Schallmayer hospitierte bei den Liberalen und filterte das Mammutwerk für die Kollegen, bevor man sich intern damit beschäftigte. "Man kann froh sein, dass die anderen Parteien immer wieder bereit sind, uns zu helfen", sagt der Jung-Stadtverordnete. Zum Beispiel auch bei der Formulierung des ersten Antrags.

Wie schmeckt generell die Parlamentsarbeit nach dem überraschenden Einzug nach der Kommunalwahl? "Ich bin positiv überrascht", sagt Schallmayer, der wie zuvor Dirk Hoff von der Linken als Einzelkämpfer und ohne Fraktionsstatus im Parlament sitzt. Schön sei vor allem die Kompromissbereitschaft der anderen Parteien. Anträge würden so oft durchgebracht. Und LF-Freund Becker ergänzt: "Wir sind ja ohne Erwartungen reingegangen."

Wie sich zeigte, waren die anderen fünf Parteien, die im Parlament vertreten sind, dem Newcomer, gegenüber aufgeschlossen, ja sogar wohlgesonnen. Das zeigte sich vor allem in den zahlreichen Anfragen oder Anträgen, die zu Beginn der Legislaturperiode eingebracht wurden. Letztere teils auf eigene Rechnung oder zusammen mit anderen Fraktionen.

Herauszuheben vor allem der Vorstoß für mehr öffentliche Grillplätze zusammen mit den andere Fraktionen. Herausgekommen ist letztlich ein Kompromiss in Form von sogenannten Pop-up-Grillstellen. Nicht ganz den eigentlichen Vorstellungen entsprechend, zumal LF gerne solche Angebote an mehreren Orten, vor allem zentral gelegenen, umgesetzt hätte. Dennoch ist man nicht ganz unzufrieden. Wenn wir eine Kleinigkeit erreichen, ist das schon ein Segen, auch wenn es nicht hundertprozentig das ist, was wir wollten", sagt Becker. "Wir wollen eine Diskussion anregen, die vorher gar nicht da war.

Was bei dem Newcomer nach den ersten Monaten neben dem beachtlichen Antrags-Output auffällt, ist der versöhnliche, konsensuale Ton, der ins Parlament gebracht wurde. "Wir sind gar nicht in der Position, ohne Kompromisse irgendetwas zu erreichen", nennt Becker eine Erklärung dafür, dass man auf Polarisierung verzichtet. Zum anderen müsse man auch gucken, "dass am Ende jeder etwas gewonnen hat". Ansonsten stört man sich nicht, wenn hin und wieder Reibung in der Runde entsteht. "Wäre ja schade, wenn immer alle mit allem einverstanden sind", sagt Schallmayer. Er habe es sich aber schlimmer vorgestellt. Vor allem in den Ausschüssen gehe es sachlich zu.

Dort hat Schallmayer auch Rede-, aber kein Stimmrecht wegen des fehlenden Fraktionsstatus. Er versuche, in jeden Ausschuss zu gehen, sagt Schallmayer. Nein, jemand anderes schicken, sei rechtlich nicht möglich. Nicht einfach zu stemmen diese one-man-Show für eine Wählervereinigung, die eh personell ziemlich dünn aufgestellt ist. Gerade mal zehn Mitglieder hat sie in ihren Reihen. Umso glücklicher ist LF, dass der Klimabeirat mit Till Becker und Rose Haidari besetzt ist.

Wie geht es nun im neuen Jahr weiter? Erst einmal wollen sich die Mitglieder Anfang Januar treffen, wie sie das einmal im Monat machen. Zwischenbilanz ziehen steht ebenso auf der Tagesordnung wie Anträge, die noch mal eine Ausschussrunde drehen, etwa zu Hundewiesen oder Elektroladesäulen.

Die eigene Identität festigen

Gespannt ist man auch auf den weiteren Fortgang eines Projekts, das im Herbst angestoßen wurde: die "Klatsch-Connection", ein informelles Treffen junger Parteipolitiker mit dem Ziel, die Jugendvertretung zu stärken. Das soll nun im Januar um eine schulische Komponente erweitert werden. Und da wären noch geplante Graffiti-Workshops für Jugendliche, um später Freiflächen in der Stadt zu bemalen machen. Auch das fußt auf einem Antrag im Parlament.

Bei all dem möchte die junge Partei ihrer bisherigen Linie treu bleiben will, die da lautet. "Wir befassen uns mit Kleinigkeiten, für die sich bisher keiner interessiert hat oder die nicht bekannt waren. Gerne auch auf Anregung von Bürgern hin. Das greifen wir auf und versuchen, es voranzubringen", formuliert Till Becker die Philosophie. "Wir sind bisher eine Art Putzfrau der Stadt."

Wie aber sieht es um die Zukunft der neuen Partei selbst? Auf jeden Fall möchten die LF-Macher weiter unabhängig agieren, also nicht womöglich in einer anderen Fraktion aufgehen, wie das bereits angeboten wurde. Da hätte man Angst unterzugehen.

"Wenn uns eine Idee gefällt, machen wir das mit jedem", betonen Schallmayer und Becker den Willen zur Zusammenarbeit über die Parteigrenzen hinweg, der zur DNA von LF gehört. Das sei diese Freiheit, die sie auch in Zukunft behalten wollten. Und der Blick richtet sich bereits auf die nächste Wahl. Bis dahin soll die eigene Identität gefestigt werden. "Wir müssen schauen, dass wir bis dahin bekannt sind für das wir gemacht haben", sagt Becker. Möglich, dass irgendwann auch der Welpenschutz, den die Gruppe bisher genossen hat, dahin ist.

Auf zehn Mitglieder angewachsen

Es war ein Zittern bis zum Schluss, ehe feststand, dass Lebendiges Friedrichsdorf in die Stadtverordnetenversammlung einzieht. Wir schreiben März 2021, Kommunalwahl. Zunächst hatte es noch so ausgesehen, dass es nicht reicht. Am Ende hatte die neue Gruppierung dann doch fast zwei Prozent der Stimmen geholt. Insgesamt 7 571 Friedrichsdorfer hatten für die junge Partei votiert. Die meisten Stimmen, nämlich 1453 holte Nicolas Schallmayer. Auch er wie seine Kollegen bis dato ein politisch völlig unbeschriebenes Blatt. Gegründet hat sich die Wählergemeinschaft Ende Oktober 2020." Motto nach eigenen Aussagen: "Jeden Tag Friedrichsdorf etwas verbessern." Wert legen die LF-Macher auf die Förderung von Jugend, jungen Erwachsenen und Familien. Themen waren oder sind neues Jugendzentrum, das ja mittlerweile im ehemaligen King's College untergebracht ist. Außerdem bezahlbarer Wohnraum angesichts von auch in Friedrichsdorf angestiegenen Mieten und Immobilienpreisen. Diese seien für viele Bürger, vor allem für junge Leute und Familien, nicht bezahlbar.

Lebendiges Friedrichsdorf hat mittlerweile zehn Mitglieder, angefangen hat man mit sieben - eine Steigerung um knapp 40 Prozent. Die Altersstruktur liegt zwischen 20 und 26 Jahren.

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