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Friedrichsdorfer berichtet: "Die Kinder waren völlig verstört"

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Von: Klaus Späne

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Der Fahrer eines Transporters zeigt Flagge, wie viele andere.
Der Fahrer eines Transporters zeigt Flagge, wie viele andere. © ys

Hilfsaktion bringt Spenden an ukrainische Grenze - Keine Kriegshandlungen, aber viele Flüchtlinge

Friedrichsdorf -In den Augen habe man es sehen können. "Die Kinder waren völlig verstört", sagt Stefano Fadda. Ganze Reisebusse seien voll mit ihnen gewesen . Ohne Begleitung, also ohne Mütter oder Väter, ohne sonst irgendeine Begleitung. "Das zerreißt einem das Herz", sagt der Vorsitzende des Gewerbevereins über solche Bilder. Am Montagvormittag berichtet Fadda in seinem Feinkostgeschäft "Divertimento" am Houiller Platz, was er am Wochenende erlebt hat.

Wenige Stunden zuvor war Fadda zusammen mit anderen Teilnehmern des Hilfskonvois aus Burgholzhausen noch auf Tuchfühlung mit dem Krieg im Osten Europas gewesen. Schauplatz Hrebenne, ein Grenzübergang zwischen der Ukraine und Polen. Wie viele andere polnische Grenzorte derzeit ein Hotspot für Menschen, die aus ihrer umkämpften Heimat gen Westen fliehen. Zugleich Anlaufstation für die zahlreichen Hilfsaktionen, die überall angelaufen sind.

Rückblende, Samstagmorgen 6.30 Uhr, Parkplatz der Grundschule Burgholzhausen. Frostige minus 3 Grad, Morgendämmerung, Vögel zwitschern. Fünf Sprinter stehen bereit. Einer von ihnen gehört einem Transport- und Logistikunternehmen aus Eschborn. Was er geladen hat? "Alles mögliche, Lebensmittel, Hygieneartikel, Tiernahrung", sagt der Fahrer. Die 1,3 Tonnen zulässige Ladung bis zum Anschlag ausgenutzt. In seiner Stimme schwingt ein polnischer Akzent mit.

Fast minütlich treffen nun weitere Fahrzeuge auf dem Areal am Rand Burgholzhausens ein. Darunter auch ein 18-Tonner vom Getränkegroßhandel August Wehrheim - voll beladen mit Lebensmitteln, erklärt der Fahrer.

Katharina Kinzle, eine der unzähligen Helfer bei dieser privaten Hilfsaktion, die weit über die Grenzen Burgholzhausens eine Welle der Solidarität ausgelöst hat, verteilt Zettel an die Chauffeure. Sie sollen die Fahrzeuge als Konvoi kennzeichnen. Einige versehen ihre Gefährte zusätzlich mit blau-gelben Aufklebern, die Nationalfarben der Ukraine. Darauf der Spruch: "We support Ukraine".

Vier große Tüten mit frischen Brezeln und Wurst werden gebracht. Zur Stärkung vor der rund 15-stündigen Fahrt. Die Stimmung ist aufgekratzt, geradezu familiär. Die gemeinsame Sache schweißt zusammen. Viele kennen sich schon von der Sammelaktion der letzten Tage oder vom Beladen am Freitag. Auch das eine logistische Meisterleistung. Bis nach 21.30 Uhr hatte man an diesem Tag noch einen Lkw beladen, unterstützt übrigens von der Burgholzhäuser Feuerwehr. Auch am Samstagmorgen gibt es noch letzte Umladeaktionen - Medikamente, die am Freitag auf den letzten Drücker noch abgegeben wurden, müssen mit.

Feuerwehr hilft beim Beladen

Kurz vor 7 Uhr die Ansage, dass es gleich losgeht. Versammlung der Anwesenden im Halbkreis. Ibrahim Fidan, der das Organisationsteam um Aleksandra und Oliver Götz sowie Paula Mencel unterstützt hat, gibt letzte Instruktionen, was auf der Fahrt durch Polen zu beachten ist. Immer Licht an, Alkoholverbot, Mautgebühren in bar bezahlen, sofort hinter der polnischen Grenze volltanken und Benzinkanister auffüllen. In diesem Stil geht es noch ein paar Minuten weiter. Fidan informiert noch, dass eine Whatsapp-Gruppe zur Kommunikation untereinander eingerichtet wurde. Nebst einer Facebook-Gruppe zum Posten von Bildern von unterwegs.

Kurz vor der Abfahrt erscheint Bürgermeister Lars Keitel (Grüne), um den Teilnehmern für ihren selbstlosen Einsatz zu danken und gute Fahrt zu wünschen. Die startet kurz nach 7 Uhr. Insgesamt sind 16 Sprinter und vier Lkw, innerhalb einer Woche zusammengestellt, nun auf dem Weg von Friedrichsdorf gen Osten. Wobei zwei Wagen zu diesem Zeitpunkt bereits vorausgefahren sind.

Für Stefano Fadda ist das Unternehmen Ukraine-Hilfe am Montagvormittag beendet. Hinter ihm liegt eine wahrlich harte Tour. Zunächst rund 700 Kilometer nach Breslau. Zwischenstopp, dann noch einmal 570 Kilometer nach Hrebenne. Gegen Mitternacht Ankunft im Hotel, Sonntagmorgen nach Ankunft der Lkw weiter gemeinsam im Konvoi die letzten rund 40 Kilometer in der grünen Zone bis zur Grenze und ausladen.

Die Fahrt sei gut gelaufen, erzählt Fadda. Leere Straßen, gutes Wetter, herzliche Aufnahme. Ob er vom Krieg irgendetwas mitbekommen hat? Nein, sagt Fadda. Kein Militär, nur viel Feuerwehr und Polizei. Die Symptome seien aber sichtbar gewesen. Viele Lkw und viele Gestrandete, die nach der grünen Zone empfangen und mit Essen und Decken versorgt wurden, berichtet er. Und natürlich die Kinder. "Ergreifende Bilder", sagt Fadda.

Private Sammelaktionen in der Stadt gehen weiter

Neben der Hilfsaktion in Burgholzhausen gibt es weitere private Aktionen in Friedrichsdorf. Simone Rikert von "Finchens Boutique" organisierte zusammen mit ihrem polnischen Nachbarn in Dillingen ebenfalls eine Sammelaktion. Daran beteiligten sich die meisten Händler der Hugenottenstraße sowie auch Privatleute und das Geschäft "Taunus-Schnauzen" aus Bad Homburg. Auf diese Weise kam etliches zusammen: Lebensmittel, Medikamente inklusive Babynahrung, Windeln, Verbandsmaterial, Schlafsäcke, Hygieneartikel, Tierfutter, sogar ein Rollstuhl. Mit drei Transportern ging es am Freitag ins polnische Lodz. Ein zweiter Transport nach Polen soll heute folgen. Bis gestern Abend nahm Rikert dafür noch Spenden an. Lodz wählte man als Anlaufstation, weil die Hilfsgüter von dort aus via Polizeistation zur Grenze und zu Flüchtlingslagern gebracht und verteilt werden. Darüberhinaus spendet Rikert zehn Prozent der Einnahmen der Boutique an den Verein Eifellicht, der unter anderem Menschen und Projekte in mittel- und osteuropäischen Ländern unterstützt.

Auch Tanja Martinek ist gerade eifrig am Sammeln. Martinek, die im Dienste der Ortsvereinigung Friedrichsdorf des Deutschen Roten Kreuzes steht, organisierte, wie sie sagt, in einer "übergreifenden Aktion von Menschen, die sich für die Ukraine einsetzen", Waren im Wert von über 700 Euro: Sanitätsmaterial, Infusionen, Kompressen, Verbandskästen, Schmerz- und Desinfektionsmittel, Verbandspäckchen, Pinzetten und weitere Materialien, die an der Front eingesetzt werden können. Das alles soll diese Woche per privatem Transport an die Grenze gebracht werden.

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