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An dieser Stelle stand das Haus, in dem die Bohnackers wohnten. Es stand lange leer, bevor es abgerissen wurde.

Mordfall Johanna

Ein ganzer Ort atmet nach der Festnahme auf

In Bobenhausen, dem früheren Wohnort der Familie Bohnacker, herrscht Erleichterung, nachdem im Fall Johanna eine Festnahme erfolgte.

Die Einwohner von Bobenhausen haben fast nicht mehr daran geglaubt, dass die Polizei den Fall Johanna klären wird. Das ist seit Mittwoch anders. „Ist es nicht wunderbar?“, ruft eine 81-Jährige durchs Fenster ihres Pkw, mit dem sie an der Hauptverkehrsstraße des winzigen Ortsteils von Ranstadt steht. Wie sie schildert, habe sie gestern von ihrer Schwiegertochter von der Festnahme des dringend Tatverdächtigen erfahren. „Gottseidank!“, stößt sie hervor. Immer habe sie Hoffnung gehabt, „ich dachte, irgendwann müssen sie den doch fassen“. Traurig sei, dass Johannas Vater das nicht mehr erlebe.

Eine Fußgängerin betont: „Ich bin froh, dass sie ihn erwischt haben. Vorhin habe ich noch im Videotext geschaut, ob es was Neues gibt.“ Sie kann sich noch gut an den Abend erinnern. Ihr Sohn, damals bei der Jugendfeuerwehr, sei von außen ans Fenster gekommen. Er habe erzählt, dass ein Kind vermisst werde und die Polizei alle Jugendlichen über Versteckmöglichkeiten befrage. Wie eine weitere Dame erklärt, sei sie froh gewesen, als sie im Autoradio von der Festnahme hörte. „Wir haben einen Sohn im gleichen Alter, der hat immer mit Johanna gespielt“, sagt die 59-Jährige. Auf der anderen Seite komme alles wieder hoch, unterschwellig sei die Erinnerung immer da. „Wenn man woanders hinkommt und sagt den Namen des Ortes, aus dem man kommt, wissen die Leute sofort Bescheid.“

Zu Beginn hätten alle Eltern aus Bobenhausen Angst gehabt, ihre Kinder aus dem Haus zu lassen, „wir haben sie überallhin begleitet“, erzählt sie. Irgendwann habe das wieder abgenommen, doch eine Aufmerksamkeit sei geblieben. Mit der Festnahme des Täters habe sie nicht mehr gerechnet. „Für die Familie ist es vielleicht die Möglichkeit, abzuschließen“, hofft sie.

Ein Dreiergrüppchen, das sich über ein Hoftor hinweg unterhält, ist ebenfalls erleichtert über die Festnahme. „Aber vergessen tut man das nie“, sagt eine 69-Jährige. Der Ermittlungserfolg sei schön, findet ihr 77-jähriger Gesprächspartner. Eines wundere ihn und seine Frau (74) allerdings. „Es ging von Anfang an um einen braunen Jetta. Und nun war es tatsächlich der Jetta. Es ging von Anfang an um einen Mann mit langen Haaren – und es war ein Mann mit langen Haaren.“ Bei der Überprüfung der Jetta-Fahrer habe der Täter, von dem es ein Phantombild gab, doch auffallen müssen. „Warum hat man den Fokus nicht auf ihn gerichtet?“

Und wie sieht es in Friedrichsdorf aus? Der mutmaßliche Mörder der acht Jahre alten Johanna lebte dort unerkannt in einem abgelegenen Mehrfamilienhaus.

Der Zeitungsausträger trifft die Sache genau: „Das ist ein richtiges Versteck hier“, sagt der Mann. Vor dem Friedrichsdorfer Mehrfamilienhaus, in dem der mutmaßliche und geständige Mörder am Mittwoch verhaftet worden ist, stehen jetzt zwei Fernseh-Teams, das Interesse an dem Fall ist deutschlandweit. Zwei Lieferwagen und zwei Pkw mit Wiesbadener und Gießener Nummernschildern parken direkt neben dem Haus. Von außen erkennt man nicht, dass sie der Polizei gehören. Die Beamten sind offenbar oben in der Wohnung, die Hausdurchsuchung läuft noch.

Das Haus liegt einsam im Industriegebiet und am Waldrand. Die Nachbarhäuser gehören Firmen. Der Hauseingang ist nur wenige Meter von den Bahngleisen entfernt, über die Züge von Friedrichsdorf in Richtung Friedberg rattern. „Einige Wohnungen stehen leer“, sagt der Zeitungsausträger noch. Eines aber ist schockierend: Das Gelände der Philipp-Reis-Schule grenzt direkt an das Grundstück des Mehrfamilienhauses. Wer vor der Haustür steht, sieht Kinder auf dem Bolzplatz der Gesamtschule Fußballspielen.

Von seinem Balkon aus beobachtet ein Anwohner die Journalisten. Später kommt er nach unten, wird gefragt, ob er den Verdächtigen kannte, sagt nichts. Er versteht kaum Deutsch. Kurz darauf kommen zwei Männer aus dem Haus, die eine Umzugskiste tragen. „Ich ziehe gerade mit meiner Firma hier ein“, sagt Felix Bank. Der 39 Jahre alte Friedrichsdorfer kann die Sache kaum fassen: „Schrecklich“, sagt er. Er habe zwar kein eigenen Kinder, aber einige Nichten und Neffen. „Da trifft einen so etwas umso mehr.“

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