Michelle (11) besprüht am Aktionsstand "Graffiti auf Autoteilen" in der Hugenottenstraße eine Felge.
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Michelle (11) besprüht am Aktionsstand »Graffiti auf Autoteilen« in der Hugenottenstraße eine Felge.

Stadtfest „Kunst und Karossen“

Die Innenstadt als Galerie

Unter dem neuen Namen „Künstler & Karossen“ präsentierten sich die Künstlertage und Autoschau am Wochenende mit einem umfangreichen Programm für Jung und Alt.

Von Olivera Gligoric-Fürer und Christiane Paiement-Gensrich

Ein Stück vom Mammutbaum aus dem Kirchgarten der Friedrichsdorfer Methodistenkirche als hölzerne Schale oder doch lieber eine aus Bad Homburger Schlosspark-Eibe? Mit Holz arbeitet Künstler Thomas Pildner am liebsten: „Es ist warm und sensibilisiert die Sinne“, sagt er. Künstler wie Pildner sind es, die die Friedrichsdorfer Künstlertage so wertvoll machen, die der Freiluftgalerie zu überregionaler Prominenz verholfen haben.

Vor 14 Jahren wurden die Künstlertage von Heinz Berg aus der Taufe gehoben, wie Bürgermeister Horst Burghardt (Grüne) in seiner Ansprache erläuterte. Alle zwei Jahre wurde in der Hugenottenstadt seitdem Kunst – zum Teil – unter freiem Himmel ausgestellt: Gemälde, Skulpturen, Installationen und Fotografien. In diesem Jahr hat sich Berg aus der Organisation zurückgezogen und die Aufgaben dem „Kunstkreis Friedrichsdorf“ überlassen, jetzt zeichneten für den Bereich „Künstlertage“ Helge Barthel, Myriam Jabaly und Christian Schösser verantwortlich. Und seit Autoschau und Künstlertage vor zwei Jahren zusammengelegt worden sind, ist das Stadtfest das Produkt einer Gemeinschaftsarbeit von Kunstkreis, Stadt sowie Handels- und Gewerbeverein „Aktives Friedrichsdorf“.

Die Stadt war diesmal federführend im Rahmen ihres neuen Stadtmarketing-Konzepts tätig. Und so wurde das Fest umbenannt in „Künstler und Karossen“. „Es ist besser, wenn die Organisation aus einer Hand kommt“, sagt Beate Schellhas, Goldschmiedin mit einem eigenen Laden am Houiller Platz und stellvertretende Vorsitzende von „Aktives Friedrichsdorf“.

Das Programm war üppig. Nur gut, dass zwei Tage zur Erkundung Zeit waren. Rund 100 Künstler hatten ihre Werke in Läden, an Ständen oder in den pittoresken Hinterhöfen entlang der Hugenottenstraße ausgestellt. Auch vor dem Taunus Carré waren Maler anzutreffen. Bei Birgit Reinecke leuchteten Granatäpfel in immenser Farbintensität auf der Leinwand, sie wirkten lebendig und erfrischend. Waltraut Bartl malt bevorzugt Menschen, etwa sinnlich wie die Ballerina, geschäftig wie der Banker oder einfach nur erschöpft, wie zwei griechische Bauern nach getaner Arbeit. Ihren Gemälden verleiht sie durch sorgfältige Pinselführung eine perspektivische Tiefe, die den genauen Blick herausfordert. Bettina Kluger dagegen arbeitet mit Spachtel, Schwamm oder Pinselstiel und lässt farbgewaltige und größtenteils gegenstandslose Bilder entstehen. Sie experimentiere gern mit Materialien, erklärt sie.

Blick nach innen

Viele Künstler richten ihren Blick nach innen, wenn sie in Öl, Acryl, Kreide oder Aquarell Gesehenes und Erlebtes auf die Leinwand bringen. Die Künstlerin Claudia Ringel etwa sagt: „Meine Bilder sind Ausdruck von Gefühlen, ich male das, was mich beschäftigt.“ Gefühlsausbrüche könnte man auch hinter den Motiven Frank Heidens vermuten: geköpfte Hasen und ertrinkende Puppen in Eimern mit Bauschaum. „Kunst soll auch provozieren“, sagt der Maler und lacht. „Ich mag schwarzen Humor.“ Neben den provokativen und gut gemalten Bildern stehen nahezu kitschige Stillleben-Collagen, die dem ganzen noch das höhnische i-Tüpfelchen aufsetzen.

Zum Programm gehörten aber auch rund 200 Künstler, die gesungen, musiziert oder gelesen haben. Es gab themengebundene Mal- und Fotowettbewerbe für alle Altersgruppen und einen Graffiti-Workshop. Dort wurden, unter der Leitung von Benjamin Theodor, Autoteile farbenfroh angesprüht. Der Holzkünstler Rolf Donnecker hatte sich ebenfalls vom Autothema inspirieren lassen: Einem Stück Holz hat er schon grob die Konturen eines flotten Autos verpasst – dann lud er Passanten dazu ein, mit ihm an den Details mitzuarbeiten und den Flitzer „freizulegen“.

Schicke Autos standen in der Hugenottenstraße, vor dem Taunus Carré und am Houiller Platz. Giuseppe Narzisi, Geschäftsführer von „Motorwelten“, hatte Fiat-500-Modelle unterschiedlichster Jahrgänge ausgestellt und findet das Retro-Modell von Fiat besonders gelungen. Blick in die (nahe) Zukunft: Elektro- und Hybridautos lagen voll im Trend – egal ob bei Renault, Mercedes oder BMW. Die Kombination aus Kunst, Musik und Kommerz fanden die Besucher gut. Veronika und Detlef Bauer sagten: „Wenn sich Menschen die Modenschau im Taunus Carré angucken, können sie vorher oder nachher auch Gemälde bewundern. Wenn jemand ein Auto beäugt, kann er sich zudem an schöner Musik erfreuen.“ Das Philipp-Reis-Schul-Orchester trat auf, die Musikschulband „Sixway Traffic“, der Grundschulchor Burgholzhausen, das Duo Rosalie Schüler und Henrik Engström sowie die Musiklehrer-Band „Colours Unplugged“.

Voller Schwung

Aber auch Gedichten und Gedanken, vorgetragen von Christel Wösner-Raffael und Helge Barthel, konnten die Besucher lauschen. Sie konnten sich aber auch beeindrucken lassen vom mittelalterlichen Tanz der Gruppe „Stante Pede“ oder vom klassischen und modernen Ballett der Tanzschule Schneider.

Mitreißend und voller Schwung war das Gospel-Konzert in der Hugenottenkirche, zu dem die Musisch bildnerische Werkstatt für Samstagabend eingeladen hatte. Der Wiesbadener Gospelchor Xang präsentierte peppige Lieder wie „Oh Happy Day“ und „The Train of Thoughts“ und getragene Stücke mit gefühlvollen Soli. Begleitet wurden die 19 Sänger von Wolf Dobberthin am Klavier. Auch die Kirche war Ausstellungsort. Zarte ausdrucksstarke Öl-Bildnisse von Frauengestalten hingen in den Kirchenfenstern und Kohlezeichnungen von Paaren, die an Märchen-Motive erinnerten. Annette Lynen stellte hier aus.

Im charmanten Innenhof nebenan zeigte Eckhard Gehrmann seine in gestischer Maltechnik entstandenen Werke. Und in den Räumen der musisch-bildnerischen Werkstatt im ersten Stock waren die Produkte der Malkurse zu bewundern. Fotograf Reiner Harscher empfing die Besucher in seiner neuen Galerie im Institut Garnier 15. Er druckt seit neustem afrikanische Motive großformatig auf Holz: Menschen, Tiere und Landschaften. In der Kirchplatzpassage, in der Galerie Bronzezeit, waren kostbare bronzene Skulpturen zu bewundern. Vor dem Geschäft boten Finn und Julian Weinelt Kunstbände feil – für einen guten Zweck: den heißersehnten Kunstrasenplatz für die Seulberger Fußballer. Und wer bereits im Shoppingfieber war, der konnte am Sonntag auf dem kunsthandwerklichen Markt „Jolie Marie“ vor dem Rathaus eine schöne Patchworkdecke, liebevoll genähte Kinder- und Frauenkleider sowie selbst gemachte Seife und Schmuck erstehen. Und wer bei Ulrike Spitze eine bunte Umhängetasche aus Südafrika kaufte, der unterstützte damit bitterarme Township-Frauen in Kapstadt. Zudem hatten die Geschäfte für einen gemütlichen Sonntags-Stadtbummel geöffnet.

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