Bruder Paulus

Kapuzinermönch spricht in St. Bonifatius über Urlaub, Konsum und Kapitalismus

„Im Weniger das Mehr finden“ – wie das gelingen kann, verriet Bruder Paulus auf Einladung der katholischen Kirchengemeinde St. Bonifatius und des VdK Friedrichsdorf. Auch der Urlaubszeit stand der Kapuzinermönch dabei kritisch gegenüber.

„Ich bleib dann mal da“, sagt Paul Terwitte bestimmt zum Beginn der Sommerferien. Selbstbewusst steht der als Bruder Paulus bekannte Kapuzinermönch vor rund 100 Besuchern in der Kirche St. Bonifatius und berichtet, wie ungläubig er oft angeschaut wird. „Wie, Du fährst nicht in den Urlaub und bleibst Zuhause?“

Das Weggehen sei die Sehnsucht der Deutschen. Das zeigte bereits der große Erfolg des Buchs „Ich bin dann mal weg“ des Komikers Hape Kerkeling, das sich millionenfach verkaufte. „Für die Menschen fängt die Freiheit durchs Weggehen an“, erklärt Bruder Paulus, der in Frankfurt das Kapuzinerkloster Liebfrauen leitet. „Für die Menschen ist das Verlassen, das Was-anderes-Machen ein Wert. Hauptsache, es ist nicht wie immer.“

Doch bereits in der Bibel offenbare sich Gott als derjenige, der immer da ist. „Und auch wir Menschen haben die Fähigkeit, dazubleiben und darin alles zu finden“, sagt Bruder Paulus und schaut bei seinem Rede einzelne Zuhörer eindringlich ins Gesicht. „Das Paradies kann auch Dein Garten sein, in dem Du alles findest.“

Doch was mache der Mensch? „Er hat nichts Besseres zu tun, als sich über die letzten drei Quadratmeter zu ärgern, die ihm nicht gehören“, sagt Bruder Paulus energisch und bringt damit seine Zuhörer zum Schmunzeln. „Wir stellen immer das Eigene infrage, reden es schlecht und finden bei anderen alles besser. Nur weil andere etwas haben, ist es nicht gleich besser. Wir sollten aufhören, den Unfrieden in unser eigenes Leben zu holen“, sagt er.

Damit das gelingt, sollte jeder sein Leben anschauen, für das er selbst die Autorität habe. Muss man wirklich ständig beweisen, jemand zu sein, glückliche Ferien auf einer Insel verbringen oder eine große Geburtstagsfeier mit einem Kuchen eines besonderen Konditors feiern? „Der Persönlichkeitsstress sollte aufhören“, appelliert Bruder Paulus. „Man kann auch im Wenigen alles sehen. Wir werden nicht erlöst von dem Vielen, was wir erleben, sondern von dem Wenigen, was wir genießen.“ Wie beispielsweise der Großvater, der den ganzen Tag aus dem Fenster schaut, anstatt den Fernseher anzuhaben und einen Film nach den anderen zu schauen. Oder einem Buch eine Stunde Zeit einzuräumen, unabhängig von dem Druck, viele Seiten lesen zu müssen. „Und wenn ich nur fünf Seiten lese und diesen in der Zeit nachsinne, habe ich schon viel gewonnen“, gibt Bruder Paulus noch weitere Denkanstöße. „Schätzen Sie das Wenige.“

Schon ein Blick in die meisten Kühlschränke zeige, dass die Leute zu viel aus dem Supermarkt mitnähmen. Dabei könne man nicht mehr als zwei Scheiben Brot, Käse und Marmelade essen. „Viele Lebensmittel werden weggeworfen.“ Einige Zuhörer lachen und fühlen sich wohl ertappt. Auch im Keller, auf dem Dachboden oder in der Garage stehe mehr herum als nötig.

„Bitte räumen Sie selbst ihr Leben auf und überlassen ihren Kindern keine 27 Umzugskisten. Anstelle von sieben Kisten mit unsortierten Fotos können Sie ein Fotoalbum mit wenigen wichtigen Fotos pro Jahr und fünf Zeilen anlegen. Das wird später gelesen“, appelliert der Kapuzinermönch, der jährlich an Silvester zwei Kisten wegschmeißt. Der Kapitalismus kitzele den Menschen unaufhörlich und verführe ihn zum ständigen Kauf neuer Produkte. „Viele meinen, sie könnten alles sein, da sie alles haben.“

Seine Großmutter habe ihn inspiriert. Sie habe immer gesagt: „Vom Teilen ist noch keiner arm geworden.“ Man werde reich, wenn man gibt. Und so erging es auch der Mutter von Bruder Paulus, die nur mit fünf Kleidern, einem Sessel und drei Tassen aus ihrer voll ausgestatteten Wohnung in ein Pflegeheim zog. „Sie ist in Frieden gestorben, da sie alles hatte“, erzählt der Kapuzinermönch. Wer bewusst – sprich ohne Fernsehen und Radio – esse, Telefongespräche schätze und bei der Nachbarin auch stehen bleibe und sie nach ihrem wirklichen Befinden frage, erlebe nicht nur den Augenblick bewusst und entdecke mehr von seinem Gegenüber, sondern wertschätze diese Momente.

„Viele Rentner haben heute keine Zeit mehr“, schmunzelt Bruder Paulus. „Gehen Sie bewusst durchs Leben, hören Sie die Vögel singen, sehen Sie die Sonne und den Regen. Die Fülle ist im Herzen und es ist einem alles geschenkt“, empfiehlt Bruder Paulus seinen Zuhörern, die ihm gebannt lauschen. „Wenn ich einen Apfel bewusst esse, dann habe ich die ganze Welt und brauche keine Erdbeeren im Februar und auch keine Litschis. Man kann das Leben als Einfachheit verstehen und im Wenigen alles erleben.“

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