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Körperbeherrschung und Fußgefühl in Friedrichsdorf

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Von: Christiane Paiement-Gensrich

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Der Mann, den Antje Pode da im Liegen auf ihren Füßen rotieren lässt, ist eine große Puppe. Die Artistin ist eine Meisterin der Antipodenkunst.
Der Mann, den Antje Pode da im Liegen auf ihren Füßen rotieren lässt, ist eine große Puppe. Die Artistin ist eine Meisterin der Antipodenkunst. © jp

Bei Viva Varieté im Forum begeistern Artisten mit atemberaubenden Kunststücken

Friedrichsdorf -Vier gelbe Dreiecke aus Licht kreisen an den Wänden rechts und links der Bühne. Da öffnet sich der Vorhang, und Moderator Marcus Jeroch, in schwarzem Frack und blauem Hemd, jongliert mit einem runden Strohhut. "Knacken Sie sie, die Ge-Nuss", fordert er die Zuschauer auf. Das ist nicht schwer, denn die Show "Viva Varieté" im Forum Friedrichsdorf ist atemberaubend.

Am Freitag, Samstag und Sonntag zeigten international erfolgreiche Akrobaten ihre Kunst. Die Plätze waren, wie Sandra Rieke vom Kulturamt der Stadt berichtete, gut gebucht. Nicht mehr als 130 Zuschauer pro Abend erlauben die Pandemie-Regeln im Saal. Dass für die Vorstellungen die 2-G-plus-Regel und Maskenpflicht galten, tat dem Genuss keinen Abbruch.

Mit allen 26 Buchstaben des Alphabets im Repertoire Sätze bilden kann fast jeder. Aber was ist, wenn man nur noch 25 Buchstaben übrig hat? Jeroch jongliert nicht nur mit seiner Kopfbedeckung und spielt mit angeleinten Bällen. Er kann auch Sprachakrobaktik, rezitiert Gedichte von Ernst Jandl und Friedhelm Kändler und führt vor, wie es sich anhört, wenn man mal das "D" weglässt: "Meine amen un Herren, ich enke, wir können urchaus auf einige Elemente verzichten." Die Zuschauer kichern, die weggelassenen Buchstaben werden später immer mehr und die Unterkiefer-Bewegungen des Moderators immer eckiger. Wer da noch mitkommen möchte, muss ganz genau hinhören.

Die "Kunst des Loslassens", die Jonglage mit Ringen, beherrscht Andy Jordan aus dem Effeff. In dezent grau kariertem Jackett mit passender Weste steht er auf der Bühne. Der Stil der 1920er-Jahre ist das, die Ringe jongliert er, wie damals üblich, nach oben und unten. Und er balanciert nicht nur einen Ring auf seiner Stirn, sondern hält auch gleichzeitig vier weitere Ringe in der Luft. Später lässt er seine Diabolos wie wild tanzen, schleudert sie in die Luft und fängt sie per Seil wieder auf.

Mit ihrem Größenunterschied spielen Iris und Chris (Iris Pelz und Christopher Schlunk). Das Duo kommt in Schwarz. Sie, die Zierliche, in Top und Shorts, reicht ihm, den Hünen, gerade bis unter die Arme. "Gap of 42" heißt ihr Auftritt, denn Chris ist 42 Zentimeter größer und 42 Kilo schwerer als Iris. Schier unglaublich die Körperbeherrschung der beiden beim Handstand der Artistin auf seinem nach oben gen Decke ausgestreckten Arm.

Er ist mit sich selbst im Mehrklang

Dann wird's gewissermaßen musikalisch. Denn Matthias Keller im schwarzen Hemd rückt mit einer Batterie von Knöpfchen, Schaltern, Pedalen und Kabeln sowie zwei Mikrofonen an. Mit der Apparatur kann er nach und nach Töne und Geräusche, die er ins Mikrofon singt, spricht und prustet aufzeichnen und sie dann gemeinsam abspielen. Er tönt sozusagen mit sich selbst im Mehrklang. Großartig, wie er sich damit ein Glockengeläut zusammenbastelt und wie er Muezzin-Rufe, Autohupen und Motorengeräusche zur Geräuschkulisse eines marokkanischen Basars vermischt. "Beat-Boxing" oder "Vocal-Percussion" nennt sich die Methode, erklärt er den Gästen.

Wie behände sie ihr Springseil beherrscht, zeigte Mira Waterkotte, mehrfache deutsche Meisterin im Rope Skipping. Sie trägt ein zartes kurzes Kleid in Apricot mit Fransen und Pailletten und zeigt eine eindrucksvolle Choreographie aus Sprüngen voller Präzision.

Mit zwei Lederkoffern und einer Handtasche kommt nun Antje Pode auf die Bühne. Zum kleinen Schwarzen trägt sie hochhackige Schuhe, die sie aber ganz schnell ablegt. Denn sie will eigentlich gar nicht verreisen. Wer auf dem Rücken liegend einen Koffer auf den Zehenspitzen kreiseln lässt, der braucht keine Eisenbahn, sondern ein gutes Fußgefühl. Dazu erklingt Griegs Peer Gynt-Suite Nr. 1. Den zweiten Koffer auf den Händen drehen und dann noch die Handtasche um den zweiten Fuß rotieren lassen, kann sie auch. Und dann bringt sie auch noch den künstlichen aber lebensgroßen Kofferträger per Pedes ins Rotieren.

Zum Finale mit allen Artisten schließlich tritt auch der künstlerische Leiter Dieter Becker auf die Bühne und muss gleich in einer kleinen Akrobatik-Szene mitmachen. Bravo für den Organisator und die Künstler, bravissimo. Wie im Flug ist der Abend vergangen.

Von Christiane Paiement-Gensrich

Mit dem Springseil zeigt Mira Waterkotte eine eindrucksvolle Ropeskipping-Choreographie. Sie ist mehrfache deutsche Meisterin ihrer Disziplin.
Mit dem Springseil zeigt Mira Waterkotte eine eindrucksvolle Ropeskipping-Choreographie. Sie ist mehrfache deutsche Meisterin ihrer Disziplin. © jp
Bälle kann man nie genug haben, scheint sich Moderator und Jongleur Marcus Jeruch zu denken. Und ein Hula-Hoop-Reifen muss auch noch sein.
Bälle kann man nie genug haben, scheint sich Moderator und Jongleur Marcus Jeruch zu denken. Und ein Hula-Hoop-Reifen muss auch noch sein. © jp

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