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Schneider Taoufik Chamardali (li.) kümmert sich um Änderungen und Reparaturen, Hazem Bayrakdar repariert Elektrokleingeräte, und Claudia Bröse hat Organisation und Kommunikation im Griff. In den Körben sind selbstgenähte Masken, die verteilt wurden.

Neues Leben für alte Radios und Kleider

Reparieren statt wegwerfen lautet das Motto in Friedrichsdorf

Freiwilligen-Agentur eröffnet einen Näh- und Reparatur-Service und sucht weitere Unterstützer.

Friedrichsdorf -"Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft", sagt Taoufik Chamardali. Der gelernte Schneider beobachtet immer wieder, dass Kleidungsstücke einfach weggeworfen statt ausgebessert werden. Sei beispielsweise der Reißverschluss einer Jacke kaputt, lande sie in den meisten Fällen im Müll und nicht beim Schneider, der einen Reißverschluss austauschen könnte. Die "Näh-Oase" will dem entgegenwirken. Hier werden Kleidungsstücke repariert, gekürzt, geändert, enger oder weiter gemacht. Diese Arbeit übernimmt Chamardali seit zwei Jahren in Neu-Anspach und seit kurzem auch in einer neuen Dependance in Friedrichsdorf.

"70 bis 80 Prozent unserer Kunden haben nie einen Schneider aufgesucht", schätzt Claudia Bröse von der Freiwilligen-Agentur Usinger Land, an die die Näh-Oase angegliedert ist, Bröse kümmert sich unter anderem um die Öffentlichkeitsarbeit. Sie rechnet vor: "Eine Jeans kostet beim Discounter acht Euro", wenn man die ändern lassen wolle, dann zahle man beim Schneider vielleicht acht bis zwölf Euro - und diese Investition lohnt sich nicht", zitiert Bröse ein Argument, das sie häufig zu hören bekommt. Doch man müsse die Klamottenberge reduzieren und der Wegwerf-Mentalität entgegenwirken, finden sie und Chamardali. Daher haben die beiden vor zwei Jahren die Näh-Oase gegründet - als ergänzenden Baustein zur bereits existierenden Reparatur-Oase, in Neu-Anspach auch "Repair-Café" genannt.

Das Konzept ihres Hilfsangebots fußt einerseits auf der Idee, Änderungen oder Reparaturen auch für Klamotten des Low-Cost-Segments attraktiv zu machen, andererseits möchten sie für Menschen mit geringem Einkommen eine Alternative zu den Billigläden darstellen. Das Besondere an dem Angebot ist, dass der Service kostenfrei ist. Nur das Material ist zu bezahlen, Spenden werden aber gerne angenommen.

"Die meisten Menschen wissen die Arbeit zu schätzen und spenden etwas", betont Chamardali. Das Fazit der Initiatoren: "Es wird gut angenommen." Der Trend scheine in Richtung "reparieren statt wegwerfen" zu gehen. So lautet denn auch der Slogan auf dem Flyer.

Während einige Kunden am Eröffnungstag in Friedrichsdorf die Näh-Oase aufsuchten, um sich zu informieren oder einen selbst genähten Mund-Nasen-Schutz abzuholen, der an bedürftige Menschen kostenfrei verteilt wurde, schraubte Hazem Bayrakdar an einem Videorecorder - also an einem Gerät, das noch VHS-Kassetten abspielen kann. Walter Amling beobachtete aus der Ferne neugierig, ob das Gerät reparierbar ist: "Wir haben so viele alte Urlaubsfilme auf Kassetten", erzählte der Friedrichsdorfer, der darauf vertraut, dass der Elektrotechniker Bayrakdar, den alten Apparat wieder funktionsfähig machen kann. "Der lässt sich reparieren", sagte der Techniker, vorausgesetzt man findet noch Ersatzteile dafür.

"Um Ersatzteile für die elektronischen Geräte kümmern sich die Kunden selbst", sagt Bröse. "Wir können den Kunden aber Tipps geben, wo sie bestimmte Ersatzteile besorgen können", ergänzt der Elektrotechniker. Und es werden nur Elektrogeräte angenommen, "die man sich unter den Arm klemmen und vorbeibringen kann", also weder Waschmaschine noch Kühlschrank, stattdessen aber Handy oder PC.

Ersatzteile selbst mitbringen

"Häufig werden alte Radios vorbeigebracht", erzählt Bröse, die seien bei den Technikern beliebt, weil sie sich gut reparieren lassen. "Wir sind auf der Suche nach weiteren Technikern für Friedrichsdorf, die mit ihrem technischen Know-how den Verein ehrenamtlich unterstützen wollen", sagt Bröse und fügt hinzu: "Schon seit längerem haben wir nach Räumlichkeiten im Vordertaunus gesucht." Kunden hätten sie immer wieder danach gefragt: "Doch es war schwierig, etwas Passendes zu finden", das auch finanziell stemmbar sei.

Nun haben sie in der Industriestraße 27 einen großen Büroraum angemietet, in dem Näharbeiten und kleinere Reparaturen vorgenommen werden können: "In Neu-Anspach haben wir eine komplett eingerichtete Werkstatt", sagt Bröse.

Von Olivera Gligoric-Fürer

Die Näh-Oasebefindet sich in der Industriestraße 27 im zweiten Obergeschoss (Zimmer 3a) und hat dienstags bis freitags von 14 bis 18.30 Uhr, samstags von 10 bis 13 Uhr geöffnet. Der Elektrotechniker ist freitags da und nach Absprache: 01 75-5 04 19 85. Weitere Infos gibt es im Internet unter www.freiwiligen-agentur.net.

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