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Das Pop-Duo Milli Vanilli mit Rob Pilatus (re.) und Fabricio Morvan ? hier bei einem Auftritt in der Musiksendung ?Peter?s Popshow? ? erklommen den Pop-Olymp in Rekordzeit. Doch als herauskam, dass die beiden in Wahrheit gar nicht die Sänger der Band waren, stürzten sie genauso schnell wieder ab.

Weggefährtin erinnert sich

Robert Pilatus: Der einsame Tod des einstigen Weltstars

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Es war ein Leben auf der Überholspur, das abrupt wie tragisch endete. Vor 20 Jahren wurde der ehemalige Milli-Vanilli-Star Robert „Rob“ Pilatus tot in einem Friedrichsdorfer Hotelzimmer gefunden. Ingrid „Milli“ Segieth war damals dabei. Sie und der Produzent Frank Farian waren für Pilatus eine Art Ersatz-Familie.

Die Friedrichsdorfer werden es verzeihen, aber die Zwiebackstadt ist nicht gerade das, was man als den Nabel des „Musikbusiness“ bezeichnen würde. Doch vor 20 Jahren rückte die Stadt für eine kurze Zeit in den Mittelpunkt des weltweiten Interesses. Der Grund: Am 3. April 1998 verstarb im Hotel Arkadia Robert Pilatus (32), besser bekannt als Rob von Milli Vanilli. „Pop-Star starb an Drogen und Alkohol“ titelte seinerzeit diese Zeitung. Sein Tod war das endgültige Ende eines der größten Skandale der Popmusikgeschichte. „Alles, was von seinem ganzen Leben übrig blieb, war eine Reisetasche“, erzählt Ingrid „Milli“ Segieth.

Die langjährige Lebensgefährtin des erfolgreichen Produzenten Frank Farian arbeitete nicht nur eng mit den beiden Milli-Vanilli-Frontmännern zusammen, sondern war auch eine gute Freundin. Sie war es, die Pilatus vor 20 Jahren tot in seinem Hotelzimmer fand. Der 32-Jährige war letztlich an Herzversagen gestorben. Dazu geführt hatte laut Staatsanwaltschaft eine Überdosis aus Psychopharmaka, Kokain und Alkohol. „Es war aber kein Selbstmord“, betont Segieth.

Begonnen hatte der märchenhafte Aufstieg von Robert Pilatus und dessen Partner Fabrice „Fab“ Morvan Ende der 1980er Jahre. Der Musikproduzent Frank Farian, der in früheren Jahren bereits riesige Erfolge mit Boney M. gefeiert hatte, entdeckte die beiden Tänzer und machte sie zu den Gesichtern der Popband Milli Vanilli.

Mit Songs wie „Girl You Know It’s True“, „Baby Don’t Forget My Number“ oder „Girl I’m Gonna Miss You“ lieferten Milli Vanilli Ende der 1980er Jahre einen Hit nach dem anderen und stürmten nicht nur in Deutschland die Charts. Auch in Amerika landeten der Deutsch-Amerikaner Rob und der Franzose Fab drei Mal auf Platz eins der Single-Charts. Eine Weltkarriere stand bevor. Was zu diesem Zeitpunkt keiner ahnte: Weder Rob noch Fab haben je einen Ton ihrer Hits selbst gesungen. Sie waren im wahrsten Sinne des Wortes nur die Gesichter der Band. Produzent Farian folgte annähernd dem gleichen Prinzip, mit dem er in den 1970er Jahren mit seiner Disco-Formation Boney M. Erfolge feierte. Auf der Bühne stand Bobby Farrell, doch der bewegte nur die Lippen zur Stimme von . . . – Frank Farian.

Dass die beiden Milli-Vanilli-Frontmänner nie selbst gesungen hatten, nannte Farian später „ein offenes Geheimnis“. Nicht zuletzt deshalb hatte sich der Produzent, der mittlerweile in Florida lebt, vehement gegen die US-Tournee seiner Schützlinge ausgesprochen. Zu viele Unwägbarkeiten.

Doch die beiden Stars, längst berauscht von ihrem geliehenen Erfolg, wollten nicht auf ihn hören. Eine peinliche Panne war die Folge: Bei einem Konzert in Illinois streikte plötzlich der Computer, Rob und Fab stürmten in Panik von der Bühne. Ihr Glück damals: Das Publikum hatte den Fauxpas nicht bemerkt.

Bei der Grammy-Verleihung hatten sich die Veranstalter noch überreden lassen, Milli Vanilli mit Playback auftreten zu lassen. Man hatte den Funktionären weis gemacht, dass die beiden Musiker in letzter Zeit so viel auf der Bühne herumgetanzt seien, dass sie noch schlecht bei Stimme wären.

Zu jener Zeit reifte in Farian wohl die Erkenntnis, dass es so nicht weitergehen konnte: „Es war klar, dass das irgendwann eskaliert. Rob und Fab, meine Jungs, passten doch durch keine Tür mehr, wurden zu Monstern.“ Auch Charles Shaw, einer der „echten“ Sänger von Milli Vanilli, hatte bei der Grammy-Verleihung, die er zu Hause in Mannheim verfolgte, ein ungutes Gefühl. „Ich wusste: Das würde nicht lange gut gehen, bald würde die Bombe platzen“, sagte Shaw in einem Interview mit Spiegel-Online. Es sei, so Farian, ganz einfach an der Zeit gewesen, mit der Wahrheit herauszurücken. Und das tat er dann bei einem Pressetreffen in New York. Nachdem es immer wieder Gerüchte gegeben hatte, verkündete der Produzent, der lange in Rosbach gelebt hat, Mitte November 1990, dass er Pilatus und Morvan nur wegen ihres Aussehens angeheuert habe. Daraufhin wurde Milli Vanilli der Grammy entzogen – das hatte es zuvor noch nie gegeben.

„Man hatte die beiden nicht anders stoppen können, sie schwebten einfach über dem Boden“, sagt Segieth. Sie war damals mit den Musikern immer auf Reisen und war dafür zuständig, die Interviews von Rob und Fab zu betreuen. „Das war nicht einfach, denn wir mussten ja ständig lügen“, erinnert sie sich. Und die Journalisten seien immer durchdringender geworden, hätten sich gefragt, warum man von Robs ausgeprägtem bayerischen Akzent auf der Bühne nichts höre.

So kometenhaft der Aufstieg der beiden gewesen war, so brutal war der darauffolgende Absturz. Vor allem Robert Pilatus kam damit nicht zurecht, glitt immer mehr in eine Welt aus Alkohol und Drogen ab. Sämtliche Versuche, einen Neuanfang zu wagen, scheiterten. Zwar hatte Pilatus in Interviews angekündigt, dass er mit einem selbstgesungenes Album das eigene Talent unter Beweis stellen werde. Doch daraus wurde nichts.

In der Folgezeit soll Pilatus Unmengen an Geld für Drogen ausgegeben haben. Im „Focus“ stand später einmal, dass er sein Geld zudem für Callgirls, Designeranzüge und einen Ferrari ausgegeben habe. Und an Geld hatte es Rob und Fab nicht gemangelt. Sie hatten Millionen auf dem Konto.

1990 wurde Robert Pilatus wegen sexueller Belästigung verhaftet, 1991 verübte er einen Selbstmordversuch, 1994 sollen die zwei Millionen Euro, die er in seiner Milli-Vanilli-Zeit verdient hatte, weg gewesen sein. 1996 wurde er dann wegen eines Einbruchs verhaftet und im selben Jahr musste er wegen eines Autodiebstahls ins Gefängnis. Farian zahlte damals die Kaution und holte seinen ehemaligen Schützling zurück nach Deutschland.

Es folgten mehrere erfolglose Entzugsversuche, unter anderem ein Aufenthalt in einer Betty-Ford-Klinik. Immer wieder versuchte Pilatus, Boden unter die Füße zu bekommen. Segieth: „Er war halt leider ein schwacher Charakter.“ Noch kurz vor seinem Tod am 3. April hatte der Münchner eine Entgiftung hinter sich gebracht. „Am 4. April wollte er eigentlich nach Sri Lanka fliegen und seine Entziehung fortsetzen“, erinnert sich Ingrid Segieth. Sie wollte Rob damals zum Flughafen fahren. Als sie tags zuvor noch mal mit ihm telefonieren wollte, ging der 32-Jährige allerdings trotz mehrfacher Versuche nicht ans Telefon. Also fuhr Segieth zum Hotel in Friedrichsdorf, doch Pilatus reagierte auch nicht aufs Anklopfen. Als der Hausmeister die Tür zum Zimmer dann gewaltsam öffnete, fanden er und Ingrid Segieth den ehemaligen Weltstar tot auf dem Boden vor seinem Bett: „Ein fürchterlicher Anblick, den ich wohl nie vergessen werde, ein einschneidendes Erlebnis.“ Das Ticket für seinen Flug nach Sri Lanka lag auf dem Nachttisch.

Für Ingrid „Milli“ Segieth ist der 3. April ein Tag des Gedenkens. Immer wieder muss sie darüber nachdenken, wie sinnlos dieser Tod doch war. „Auch auf Frank Farian ist damals viel eingeprasselt. Dabei hat der die beiden auch nach dem Eklat noch unterstützt“, unterstreicht die Weggefährtin. „Vor allem hat er Rob beim Versuch, clean zu werden, finanziell unter die Arme gegriffen“. Zudem habe Farian seinem Schützling noch mal ein Soloprojekt in Aussicht gestellt.

Der heute 49-jährige Fab Morvan versuchte sich als Solokünstler. Außerdem nahm er im Herbst 2004 als Kandidat im RTL-Dschungelcamp „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“ teil. Gemeinsam mit John Davis, einer der echten Stimmen von Milli Vanilli, trat er im Mai 2015 in der ZDF-Show „Willkommen bei Carmen Nebel“ auf.

Übrigens: Ingrid Segieth verbindet noch eine ganz besondere Geschichte mit der Band. Denn der Name Milli Vanilli leitete sich von ihrem Spitznamen „Milli“ ab. Den hatte sie verpasst bekommen, da sie in jungen Jahren mal als Bedienung in einer Berliner Discothek namens Milli Vanilli gearbeitet hatte.

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