Hem Schüppel lehrte zu sehen

  • VonKatja Schuricht
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Im Rathaus ist eine Gedächtnisausstellung mit über 40 Werken des Friedrichsdorfer Künstlers Hem Schüppel (1923–1987) zu sehen.

Ein Seepferdchen dort. Und hier ein kleiner Troll – oder ist es ein Monster? Und sind da nicht zwei Augen? Die Bilder aus der Reihe „Wurzeltanz“ laden den Betrachter dazu ein, in den kuriosen Verformungen und Strukturen der Natur Surreales zu entdecken. Die bizarren Wurzeln, die wie Lebewesen aus einer anderen Welt wirken, hat Schüppel in besonderen Farben aquarelliert: nicht nur in Brauntönen, auch in Blau, Grau und Beige. „Das Thema Baum war für meinen Mann immer sehr wichtig. Bäume standen für das Wachsen, für Entwicklung und für Naturverbundenheit“, schildert Chris Schüppel. „Oft hat er auch die Zeichnungen von Bäumen mit Gedichten kombiniert“, erzählt sie. Jetzt hat die Witwe des 1987 verstorbenen Friedrichsdorfer Künstlers gemeinsam mit Heike Havenstein vom städtischen Kulturamt eine Gedächtnisausstellung mit über 40 Werken ihres Mannes zusammengestellt.

„Ich habe meinen Mann fast nie ohne Stift in der Hand gesehen“, erinnert sich Chris Schüppel. Schon auf den ersten Blick wird deutlich, wie vielfältig und abwechslungsreich Hem Schüppels Kunst ist und wie beseelt er davon gewesen sein muss, alles, was er sah, in seinem Skizzenbuch oder direkt als Momentaufnahme auf Papier festzuhalten. So wie seine Landschaftsaquarelle, die in der Toskana und auf Lanzarote entstanden sind. „Seine Bilder erzählen immer eine Geschichte.“

Ganz wichtig sei für ihn die Farbe Blau gewesen, erinnert sie sich. Hatte er ein Thema für sich entdeckt, beschäftigte er sich lang und intensiv mit einem Motiv und variierte es in unterschiedlichen Techniken. Deshalb, erzählt Chris Schüppel, gebe es in seinem Oeuvre so viele Bilder-Serien. Ganz gleich, ob Aquarell, Pastellkreide, Tusche oder Zeichenstift: Hem (eigentlich Horst Ernst Merten) Schüppel hat es verstanden, seinem schwungvollen expressiven Strich immer auch eine äußerst filigrane Note zu geben.

Eine, die nicht nur sein Werk bis ins Detail kennt, sondern den Künstler auch persönlich erlebt hat, ist Carola Peter. Die Friedrichsdorfer Kunsthistorikerin hielt bei der Vernissage die Einführungs-Rede: „In Erinnerung bleibt – nicht nur mir, sondern allen, die ihn kannten – ein besonderer Mensch voll Kreativität und Tatendrang, der vor Ideen nur so sprudelte“, sagt sie. „Ein Mensch, der Spuren hinterlassen hat an vielen Orten – auch in Friedrichsdorf, dem Ort, an dem er bis zuletzt lebte und wirkte. Diese Spuren wirken nach – bis heute.“

Bestimmte Farbklänge

Bereits 1997 fand im Rathaus Friedrichsdorf eine Gedächtnisausstellung mit Werken Hem Schüppels statt. „Das Besondere an der Schau ist, dass Hem Schüppel mitten unter uns weilt“, so Peter und erklärte: „Sie sehen ihn dort an der Wand in typischer Pose in einem Selbstporträt, das die Stadt Friedrichsdorf für diese Ausstellung zur Verfügung gestellt hat.“

Hem Schüppel fordere uns mit seiner Kunst auf, mit den Augen in seine Bildwelten zu reisen, in sie einzutauchen und Neues zu entdecken. „Sehen zu lehren war das wichtigste Anliegen des Künstlers. Das versuchte er nicht nur als Maler und Zeichner, sondern auch als Dichter und Schriftsteller sowie als Professor für Ästhetik und Kommunikation“, führt Peter aus. „Hem Schüppel konnte das, was er sah, in Worte fassen und malerisch in seine Bildsprache übersetzen.“ Schüppels Werk bringe die Freude am Schöpferischen zum Ausdruck – pure Schaffensfreude als Zeichen des Lebens. Carola Peter lädt die Ausstellungsbesucher ein, in den Werken Schüppels die immer wiederkehrenden „bestimmten Farbklänge“ zu suchen, die sich durch gesamte Serien ziehen. „Ebenso typisch sind besondere Formen, beispielsweise die Kugel als Suche und Streben nach Vollkommenheit, Symbole und Strukturen, die eine ganz eigene Bildsprache ergeben und immer wiederkehren.“

Zu sehen ist in der Retrospektive auch der beeindruckende Zyklus „Zeichen an den Wänden meiner Welt“ – eine Autobiografie in Bildern, die Hem Schüppel als „Querschnitt meines Lebens, Erlebens, Durchlebens und Überlebens“ bezeichnet hatte. „Eigentlich gehören zu diesem Zyklus sechs Bleistiftzeichnungen, wie zeigen hier fünf“, sagt Chris Schüppel. Und Peter attestiert diesen Blättern „eine zeichnerische Fülle, die an Collagen erinnert, jedoch einzig mit dem Bleistift ausgeführt sind“. Hem Schüppel, sagt Peter, thematisierte das Unterwegssein, die Lebenswege der Menschen, auf die sie sich allein und mit anderen begeben.

Das i-Tüpfelchen der Werkschau sind sicher die großformatigen Zeichnungen in Pastellkreide, die im Treppenaufgang hängen: Die Kompositionen sind Teil der Serie „Feuerberg“ und 1987 auf Lanzarote entstanden. Es sind Leinwände, die Einblicke in das Innere der Vulkanlandschaft geben: tieforangene und rotglühende Lava im Kontrast zu schwarzen Krusten. „Sie machen sichtbar, was unseren Augen normalerweise verborgen bleibt“, so Peter. „Die Pastelle leuchten mit großer Intensität aus sich heraus. Sie sind nur Farbe, zu der sich die Landschaft verdichtet.“

Als Ergänzung zur Rathaus-Schau sind weitere Werke des Künstlers im „Kunstkiosk“ der Musisch bildnerischen Werkstatt (MBW) auf der Hugenottenstraße zu sehen. „Denn Hem Schüppel gehörte zu den Mitbegründern der MBW“, ergänzt Peter. Bis zu seinem Tod hat er sich für den Friedrichsdorfer Kulturverein engagiert.

Die Ausstellung ist noch bis Dienstag, 14. April, im Rathaus, Hugenottenstraße 55, zu sehen.

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