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Demonstranten bewegen am Samstag auf dem Landgrafenplatz zwei blaue Stoffbahnen, die das Mittelmeer darstellen sollen, in dessen Fluten immer wieder Flüchtlinge ertrinken.

"Hand in Hand gegen Rassismus"

Sie schützen Flüchtlinge

Aktivisten zeigen ihre Solidarität mit Asylbewerbern, betonen aber auch, dass alle Armen der Republik Unterstützung brauchen.

Von CHRISTIANE PAIEMENT-GENSRICH

Kurz nach 10 Uhr entrollen vier Helfer zwei lange blaue Stoffbahnen auf dem Landgrafenplatz und bewegen sie so, dass sich Wellen bilden. „Das ist das Mittelmeer“, sagt Regine Trenkle-Freund, Vorsitzende des Arbeitskreises Asyl, und steigt mit einem rot-weißen Rettungsring um den Hals zwischen die Bahnen. „Ich bin aus Syrien, meine Familie ist tot und mein Haus ist zerstört, bitte helft mir“, ruft sie. Zum bundesweiten Aktionstag „Hand in Hand gegen Rassismus“ am Samstag hatten der Arbeitskreis Asyl Friedrichsdorf und die lokale Ortsgruppe der Menschenrechtsorganisation Amnesty International eingeladen. Rund 100 Menschen waren zur Friedrichsdorfer Kundgebung gekommen. Insgesamt waren bundesweit 145 Infostände, Flashmobs, Menschenketten und Kundgebungen angemeldet worden.

„Schon 1687 hat dieser noble Mensch verfolgte Hugenotten eingeladen, sich hier niederzulassen“, ruft der Mitbegründer des Arbeitskreises Asyl, Lutz Kunze, und deutet auf die Büste des Landgrafen Friedrich II. Auf der Säule, die die Büste trägt, steht der Name des toleranten Fürsten auf Französisch: „Frédéric II“. Denn die Hugenotten waren französische Glaubensflüchtlinge.

Trenkle-Freund fährt fort: „Das Mittelmeer ist ein totes Meer. Mehr als 3000 Menschen sind 2015 in seinen Fluten gestorben und dieses Jahr sind schon über 1500 Flüchtlinge darin ertrunken. Stoppt das Sterben im Mittelmeer.“ Mit Blick auf die geschlossene Balkanroute fügt sie hinzu: „Wir brauchen kein Europa der Grenzen und der Stacheldrahte.“ Eine Frau, die gerade mit ihrer Einkauftasche von einem der Wochenmarktstände kommt, sagt freundlich: „Diese Aktion passt gut zu Friedrichsdorf.“

Und die Demonstranten ziehen weiter zum Rathaus. Dort ist, im Gegensatz zum Landgrafenplatz, das Megafon erlaubt und Trenkle-Freund lobt: „Wir sind begeistert von der Willkommenskultur in Friedrichsdorf. Die Menschen hier begegnen den Flüchtlingen mit offenen Augen, hellem Blick und Freundlichkeit. Wir sind begeistert von den Helfern, die ehrenamtlich Deutschkurse geben. Und wir sind begeistert darüber, dass hier Flüchtlinge im Rathaus untergebracht sind. Dafür ein herzliches Dankeschön an Bürgermeister Horst Burghardt (Grüne).“ Da wird im fünften Stock ein Fenster geöffnet. Flüchtlingskinder im Kindergartenalter und ihre Mütter schauen herunter und winken den Demonstranten fröhlich zu.

Eine junge Frau unten trägt ein Plakat mit der Aufschrift: „Christen aus Friedrichsdorf engagieren sich gemeinsam für den Schutz von Flüchtlingen.“ Eine andere hält eine große Karte mit einem Bibelspruch aus dem dritten Buch Mose in die Höhe: „Der Fremde soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer, und du sollst ihn lieben wie dich selbst.“ Kunze zitiert am Mikrofon ein Gedicht von Herbert Kugelmann, der ebenfalls 1990 einer der Mitbegründer des Friedrichsdorfer Arbeitskreises Asyl war: „

Friede tritt ein

, wenn du in unsere Mitte trittst.“ Kugelmann (84) war auch jahrelang Sprecher der Friedrichsdorfer Amnesty-International-Gruppe.

Er gehört ebenfalls zu den Demonstranten. So wie auch Jutta Steinmetz aus Köppern, die regelmäßig die 50 Flüchtlinge besucht, die im früheren Milupa-Verwaltungsgebäude in der Max-Planck-Straße 34 untergebracht sind. Sie wünscht sich weitere Flüchtlingshelfer, die dienstags um 19.30 Uhr zum Spieleabend kommen und nennt ihre Telefonnummer (0 61 75) 79 79 59 und ihre E-Mail-Adresse post@jutta-steinmetz.de.

Trenkle-Freund unterdessen betont auch, dass nicht nur die Flüchtlinge Hilfe benötigen: „Alle Armen dieser Republik brauchen Solidarität. Wir kämpfen dafür, dass unsere Republik menschlich bleibt.“ Eine konkrete Forderung hat sie an den Hochtaunuskreis und an die Stadt: Zuschüsse für Bedürftige zu den teueren Fahrkarten, etwa nach Bad Homburg. „Denn Mobilität ist ein wichtiger Bestandteil der Integration. Und mit den 351 Euro im Monat, die ein Asylbewerber erhält, kommt man da nicht weit.“ Außerdem bittet sie um Zuschüsse zu den Gebühren für Volkshochschulkurse für Flüchtlinge: „Auch die Teilnahme an Kultur gehört zur Integration.“

Weiter geht es dann, eskortiert von je einem Polizeiauto am Anfang und am Ende des Demonstrationszuges, die Bahnstraße entlang zur Musikschule. Dort ist Tag der offenen Tür. Musikschulleiter Bert Jonas begrüßt die Gruppe und betont: „Wir stellen uns der gesellschaftlichen Aufgabe, Integration zu unterstützen.“ In der Musikschule laufen Deutschkurse für Flüchtlinge und sie können hier das Internet nutzen. Außerdem bietet die Musikschule seit einigen Monaten ein Weltmusik-Ensemble an, in dem Flüchtlinge mitspielen und lädt regelmäßig Einheimische und Flüchtlinge zu „Weltbuntem Singen“ ein.

Auf dem Platz vor dem Einkaufszentrum „Taunus-Carré“ wenige Schritte weiter treffen die Demonstranten Center-Managerin Julia Steinmetz. Sie heißt die Gruppe willkommen und ist beeindruckt von den Zeichnungen der Flüchtlingskinder, die die Köppernerin Svetlana Shumilina mitgebracht hat. Sie stammt aus Moskau und gibt den Kindern ehrenamtlich Kunstunterricht. Auch die 21 Jahre Barin Mangal aus Kabul (Afghanistan) tritt ans Mikrofon. „In Afghanistan ist seit 40 Jahren Krieg. Gerade für Frauen und Mädchen wird es dort von Tag zu Tag schlimmer. Für sie ist es schwierig, zur Schule zu gehen. Und wenn eine Frau auf der Straße angegriffen wird, hilft ihr niemand“, berichtet die junge Frau in flüssigem Deutsch. Seit gut einem Jahr ist sie in Deutschland, ihr Asylverfahren läuft. Derzeit ist sie als Gaststudentin für Informatik an der Frankfurter Uni eingeschrieben. Letzte Station der Demonstranten ist der Houiller Platz. Der Chor „Entrüstet Euch“ singt ein iranisches Friedenslied: „Kommt mit, Ihr Mütter, Ihr Väter, Töchter, Söhne, und stimmt mit uns zusammen das Lied des Friedens an.“ Chorleiter Harald Hoffmann begleitet die Sänger auf der Gitarre. Der Friedrichsdorfer ist seit 1989 Mitglied in dem Chor, der aus der Friedensbewegung entstanden ist. „Wir unterstützen im ganzen Hochtaunuskreis Aktionen und Kundgebungen“, berichtet er.

Zum Abschluss um 12 Uhr fassen sich alle Demonstranten an den Händen. „Wir stehen Hand in Hand und zeigen Gesicht gegen Rassismus“, sagt Trenkle-Freund. Und die Gruppe singt das schöne alte Bürgerrechts-Lied „We Shall Overcome“.

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