Noch herrscht Winterstimmung und damit Ruhe im Friedrichsdorfer Freibad. Aber hinter das Spaßbecken im Hintergrund soll eine 8 Meter hohe und 50 Meter lange Schallschutzmauer gebaut werden.
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Noch herrscht Winterstimmung und damit Ruhe im Friedrichsdorfer Freibad. Aber hinter das Spaßbecken im Hintergrund soll eine 8 Meter hohe und 50 Meter lange Schallschutzmauer gebaut werden.

Monumentale Schallschutzmauer

Ungeliebtes Kunstfels-Panorama

Wenn das alte Philipp-Reis-Schul-Gelände am Hohen Weg mit Wohnhäusern bebaut werden soll, müssen Lärmschutz-Gesetze beachtet werden. Denn im benachbarten Schwimmbad ist es an heißen Tagen laut. Die Frage ist nur, wie eng oder weit die Sportstättenlärmschutzverordnung ausgelegt wird.

Eine Kunstfelsmauer wie im Frankfurter Zoo bei den Tigern könnte sich künftig durchs Friedrichsdorfer Freibad ziehen. 50 Meter lang und 8 Meter hoch müsste sie sein, bestätigte Lärmschutzexperte Guido Kohnen. Er war am Mittwochabend in Sachen Neubaugebiet Hoher Weg Süd (Gelände der alten Philipp-Reis-Schule) in die Sondersitzung des Bauausschusses gekommen und betonte, er sei für „robuste Lösungen“. Landschaftsplaner Andreas Lindner hatte sogar Entwürfe dabei, wie die Mauer aussehen könnte.

Robust sah das Bauwerk in der Tat aus – und erinnerte einige der rund 30 Zuschauer an ein Gebirge. „Oh, das sind die Alpen“, entfuhr es einer Frau. An der nördlichen Seite des Spaßbeckens müsste die Mauer stehen und den Lärm abschirmen, den die plantschenden Kinder dort an schönen Tagen machen. Für die Rutschbahn ist ein Loch im Fels vorgesehen. „Es ist ein besonderes Erlebnis, durch den Steintunnel zu rutschen“, warb Lindner. Und ein Mann aus dem Publikum konterte: „Bis zum ersten Unfall.“ Ein anderer sagte: „Ich stelle mir gerade vor, wie eine Mutter ihr Kind oben auf die Rutsche setzt und dann um die 50 Meter lange Mauer herumrennt, um zu sehen, wie das Kind unten im Becken ankommt.“

Der Landschaftsplaner sprach noch von Sitz-Nischen und Hängepflanzen in der Mauer und von einer Kletterwand mit Fallschutz an der Rückseite. Mittelgroße Bäume sollten neben das Bauwerk gepflanzt werden, die seien 15 bis 17 Meter hoch. Große Bäume erreichten sogar 25 Meter Höhe, also viel mehr als die Mauer. Und wenn sie dann ordentlich begrünt sei, sehe sie attraktiv aus. Allein es nützte nichts. Gefallen hat die künstliche Felswand weder den Zuschauern noch den Ausschuss-Mitgliedern. Auch wenn Letztere betonten, dass sie selbstverständlich wollten, dass das alte Philipp-Reis-Schulgelände mit einer Wohnsiedlung bebaut werde. Dass für den Lärmschutz auch ein Teil der Liegewiese zur Ruhezone erklärt werden müsste, störte dagegen keinen.

Guido Bartels (FDP) brachte es – leicht überspitzt – auf den Punkt: „Es geht um vier Sonntage im Jahr. Sollen wir dafür wirklich das halbe Schwimmbad einmauern?“ In der Tat schreibt die Sportstättenlärmschutzverordnung nur Lärmschutz bei mehr als 18 besonderen Ereignissen pro Jahr an Sonn- und Feiertagen vor. Kritisch sind auch nur jeweils die zwei Stunden zwischen 13 und 15 Uhr.

Prozessrisiko bleibt

Die Badesaison dauert in diesem Jahr voraussichtlich vom 7. Mai bis 10. September. 22 Sonn- und Feiertage sind da dabei. Fraglich, ob an all diesen Tagen Super-Wetter ist und so viele Kinder im Becken toben, dass Lärm-Grenzwerte überschritten werden. „Wenn die 18 Sonn- und Feiertage mit Super-Wetter voll sind, dann kann man doch an den übrigen Sonntagen das Spaßbecken und die Rutsche von 13 bis 15 Uhr schließen, schlug Bartels vor. FWG-Fraktionschefin Claudia Schlick sah das ähnlich.

Kohnen dagegen riet dringend davon ab, der Entscheidung die Besondere-Ereignisse-Regelung zugrundezulegen. Richtig rechtssicher sei als Maßstab nur der Regelbetrieb. „Ich finde die Mauer auch doof“, sagte er. „Aber ich fände es noch viel doofer, wenn in ein paar Jahren das Schwimmbad wegen der Lärmprobleme geschlossen werden müsste.“

In Waldkirch sei das nämlich passiert, als es einige Jahre nach der Entscheidung gegen eine Schallschutzmauer darum gegangen sei, das Schwimmbad zu renovieren. Andererseits betonte er aber auch, dass die Frage: „Mauer oder nicht Mauer?“ eine politische Entscheidung sei. Herr des Verfahrens seien die Friedrichsdorfer Stadtverordneten. Menschlich könne er sie verstehen. Schlick unterdessen hatte sich auch zweitinstanzliche Verwaltungsgerichtsurteile angeschaut und beim Verwaltungsgerichtshof Mannheim eines gefunden, das die Besondere-Ereignisse-Regelung bei Schwimmbädern akzeptierte. Entsprechende Rechtsprechung aus Hessen habe sie aber nicht gefunden. „Ein Prozessrisiko bleibt“, fasste sie zusammen. Ihr Parteikollege Michael Knapp mahnte: „Die Sache muss so rechtssicher wie möglich sein.“ Er erinnerte an die Tettauer Glaswerke (die es längst nicht mehr gibt). Als in der Glasfabrik aber noch gearbeitet wurde, habe ein neuer Anwohner gegen den Lärm geklagt und Recht bekommen. Und Grünen-Fraktionschef Lars Keitel betonte: „Unser Schwimmbad darf nicht in Gefahr gebracht werden.“

Stephan Schlocker (CDU) wollte wissen, ob so eine Mauer den Lärm womöglich in Richtung der bereits vorhandenen Wohngebiete in der Jahnstraße und am Felsenkeller reflektiere. Die Schallschutzmauer müsse so gebaut werden, dass das nicht passiere, beruhigte Kohnen. Schlocker schlug zudem vor, der Investor, der das Wohngebiet entwickeln würde und die Schwimmbad-Mauer bezahlen müsste, solle die Baukosten dafür einfach hinterlegen. Die Mauer würde dann nur gebaut, wenn es wirklich Ärger gebe. Eine weitere Möglichkeit sei, bei den neuen Wohnungen den Schwimmbadlärm als Grunddienstbarkeit ins Grundbuch einzutragen. Am Riedberg in Frankfurt sei das mit Sportstätten- und Gewerbelärm gemacht worden.

Kohnen entgegnete da, dass die Bewältigung von Sportlärm eine öffentlich-rechtliche Aufgabe sei und daher nicht abkaufbar. Auch das Bad Homburger Amtsgericht habe es damals in Sachen Tettauer Glaswerke abgelehnt, den Fabriklärm als Grunddienstbarkeit für die neue Wohnsiedlung einzutragen, berichtete Bürgermeister Horst Burghardt (Grüne). Immissionsschutz sei Gesundheitsschutz. „Eine Eintragung wäre nicht bindend.“ Warum es am Riedberg trotzdem möglich war, blieb offen.

Burghardt betonte noch, dass der Schwimmbadlärm von Anfang an Thema bei den Planungen für das neue Wohngebiet am Hohen Weg gewesen sei. Und Kohnen berichtete, zuerst habe man über einen Wall mit aufgesetzter Wand am Rand des Schwimmbads nachgedacht. Das wären aber zwei Bauwerke von je 60 Meter Länge und 16 bis 17 Meter Höhe. Auch vier jeweils haushohe Mauern zwischen den neuen Häusern habe man erwogen.

Frage nach Alternativen

Bei Gewerbe- und Sportlärm seinen Schallschutzfenster dagegen nicht zulässig, sondern nur bei Verkehrslärm. Aus Lärmschutzgründen bei den neuen Wohnungen nur an der Nordseite Fenster und Balkone anzubringen, sei ebenfalls keine Lösung. Auch vorgehängte Glasfassaden oder sogenannte „Hamburger Hafencity-Fenster“ seien nicht das Richtige.

Schließlich einigten sich die Bauausschuss-Mitglieder darauf, dass die Verwaltung prüfen solle, was passieren könnte, wenn die Mauer nicht gebaut würde. Dazu gehören sowohl die Frage nach Alternativen als auch rechtliche und finanzielle Aspekte. Ein Beschluss zum Bebauungsplan Hoher Weg Süd wurde daher weder am Mittwoch noch gestern im Stadtparlament gefasst.

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