Verwischte Farben und verzerrte Proportionen erzeugen Dynamik

  • VonKatja Schuricht
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Die Friedrichsdorfer Künstlerin Henrike Klopffleisch zeigt heute und morgen ihre Bilder in der musisch-bildnerischen Werkstatt.

Die moderne Version von Europa trägt eine tief dekolletierte Bluse, knallrote Stiefeletten und Jeans – und sieht so aus, als reite sie auf dem Stier zur nächsten Party. Auf Henrike Klopffleischs Version der mythologischen Frauengestalt ist ein Horn des Reittiers eingeknickt. Die Malerin liebt es, auf ihren großformatigen Acrylgemälden Situationen und Erlebtes zu überzeichnen. Deshalb macht es auch großen Spaß, in ihre knallbunten Bilderwelten einzutauchen: Da entdeckt man Typen, wie die zwei Freundinnen, die trotz der Tupfen, die vom Himmel kommen und sich auf ihre Gesichter setzten, fröhlich lachen, „und das Beste draus machen“, wie Klopffleisch sagt. Deshalb heißt das Werk auch „Nur kein Neid“. Oder der am Boden zerstörte Teenager auf der Komposition „Großkind“. Oder die beiden aufgebrezelten Damen, die „Auf die Pirsch“ gehen.

Zu sehen ist Klopffleischs Kunst heute und morgen in einer Ausstellung in der Musisch-Bildnerischen -Werkstatt (MBW). „Lebendig“ hat Klopffleisch ihre Werkschau in den MBW-Räumen in der Hugenottenstraße 90 genannt. „Der Titel passt, weil ich in meinen Bildern verschiedene Facetten des Lebens aufgreife: Die traurigen Momente ebenso wie die aufregenden und schönen“, sagt die gebürtige Berlinerin, die seit 1977 in Friedrichsdorf zuhause ist. „Und ein erfülltes Leben bietet von allem etwas“, ergänzt sie.

„Es ist es ja auch eine tröstliche Erfahrung zu wissen, dass es nach traurigen Momenten wieder aufwärts geht.“ Diese zwei Seiten der Medaille finden sich in Klopffleischs Bildern wieder, die von der Natur inspiriert sind. „Landschaften haben etwas Beruhigendes und gleichzeitig etwas Wildes“, sagt sie. Diese Bandbreite von Emotionen und Wirkungen inspiriert Klopffleisch. „Ich beobachte sehr gerne mein Umfeld, und das mit kritischem Blick“, so Klopffleisch, die als Lehrerin, Seminarleiterin und Mentaltrainern gearbeitet hat. Zudem hat die Mutter von zwei erwachsenen Söhnen und Großmutter von drei Enkelkindern 1980 das Kindertheater „Papperlappkarton“ gegründet und bis 1990 geleitet.

Gemalt hat sie schon immer gerne. „So richtig intensiv habe ich damit aber vor 15 Jahren begonnen“, erzählt die 71-Jährige, die unter anderem Unterricht bei Heinrich Demel, Huiza Müller-Lim und Johanna Broecker genommen hat.

Blindzeichnungen

Ausgangspunkt ihrer Arbeiten sind oft Blindzeichnungen. „Diese vergrößere ich dann auf meine Leinwand“, erklärt sie. So entsteht auch der besondere Charakter ihrer Bilder: Verwischte Farben und verzerrte Proportionen erzeugen Dynamik und Expressivität.

Die Acrylfarben trägt sie in unzähligen Schichten auf. Hier und da setzt sie mit starken Strichen mit Oilsticks Akzente, betont damit Silhouetten. „Manchmal lege ich auch den Pinsel weg und schütte die Farben einfach auf die Leinwand.“

Das Thema Mensch ist der eine, das Thema Natur der andere Schwerpunkt in ihrem Oeuvre. In der MBW zeigt Klopffleisch fast schon fotografisch gemalte Nahaufnahmen von Pflanzen, wie die einer Lotosblüte und eines Johannisbeerstrauchs. Sie geht immer den unkonventionellen Weg: Wenn sie Wald-Impressionen malt, wie „Baumgeister“ oder „Sonntagspaziergang“, ist schon allein die Perspektive ein Hingucker. Bergbilder runden die Schau ab, ebenso wie abstrahierte Landschaften, die sie in warmen Farben komponiert und bei denen sie mit Violett spannungsvolle Kontrapunkte setzt. Die Ausstellung ist heute und morgen jeweils von 11 bis 17 Uhr in den Räumen der MBW, Hugenottenstraße 90, geöffnet.

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