Tanja Sauerbeck, Francesco D?Ambrosio und Hund Ricci müssen raus aus ihrer Bleibe. Die Suche nach einer günstigen Wohnung ist für die beiden Hartz-IV-Bezieher eine große Herausforderung.
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Tanja Sauerbeck, Francesco D?Ambrosio und Hund Ricci müssen raus aus ihrer Bleibe. Die Suche nach einer günstigen Wohnung ist für die beiden Hartz-IV-Bezieher eine große Herausforderung.

Sozialwohnung

Verzweifelte Suche nach einer neuer Bleibe

Der Friedrichsdorfer Wohnungsmarkt ist leer gefegt. Zu haben sind fast nur teure Behausungen. Familien mit geringem Einkommen sind ratlos. Die Stadt plant zwar den Bau von kostengünstigen Wohnungen, aber die sind auch nicht von heute auf morgen fertig.

Wo sie am 1. Juni wohnen wird, weiß Tanja Sauerbeck nicht. Verzweifelt suchen die 43 Jahre alte Köppernerin und ihr Lebensgefährte Francesco Ambrosio (47) eine Wohnung, deren Preis im Sozialhilferahmen liegt. Aus gesundheitlichen Gründen bekommen beide Hartz-IV-Leistungen. Ihre jetzige Bleibe hat deren neuer Besitzer wegen Eigenbedarfs gekündigt.

Ähnlich verzweifelt suchen einige Mieter aus der Ostpreußenstraße 16 neue Wohnungen. Ihnen ist zum 31. Mai gekündigt worden, weil das Mehrfamilienhaus saniert oder abgerissen werden soll. Dort leben über 80 Hartz-IV-Empfänger. Wir haben bei der Stadtverwaltung nachgefragt, ob sich für all diese Menschen, die Angst haben, von Juni an auf der Straße zu sitzen, eine Lösung abzeichne.

Betroffene gefordert

„Die Betroffenen müssen sich selbst nach Wohnungen umsehen“, sagte Bürgermeister Horst Burghardt (Grüne). Derzeit gebe es in Friedrichsdorf keine freien städtischen Wohnungen, aber rund 400 Personen (jedes Familienmitglied mitgezählt), die einen Anspruch auf eine Sozialwohnung hätten. Trotzdem sei er zuversichtlich, dass die Leute, die ihre Wohnungen bald verlassen müssten, jetzt nach und nach anderswo unterkommen. „Auch unsere Mitarbeiter bemühen sich, Lösungen zu finden.“

Dass derzeit das Haus in der Ostpreußenstraße „entmietet“ werde, ohne dass für das Grundstück eine mit der Stadt abgestimmte Bebauung bekannt sei, sei jedoch wenig hilfreich. Nicht nur, weil die Stadt dort für Hartz-IV-Empfänger angemietete Wohnungen verliert. Auch Bewohner, die nicht auf Sozialhilfe angewiesen seien, hätten Schwierigkeiten, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Von zahlreichen Absagen berichtet eine vierköpfige Familie, zu der zwei Teenager gehören, dieser Zeitung.

„Derzeit ist der Wohnungsmarkt sehr eng. Und wenn es etwas gibt, dann ist es sehr teuer“, bestätigt Burghardt. Alle Vordertaunus-Kommunen hätten dieses Problem. Teilweise gelte das auch für gut erreichbare Hintertaunus-Kommunen wie Wehrheim und Neu-Anspach. „Seit vor rund vier Jahren die Konjunktur angezogen hat, gibt es einen starken Zuzug ins Rhein-Main-Gebiet, weil die Menschen dorthin ziehen, wo es Arbeit gibt.“

Die Leute würden aus Frankfurt, wo Wohnraum noch teurer sei, herausgetrieben. Zudem müssten die Flüchtlinge untergebracht werden, die ein Bleiberecht hätten. Und Menschen, die eigentlich zu viel verdienten, um noch in städtischen Wohnungen zu wohnen, würden in Friedrichsdorf nicht gekündigt. „Wir setzen niemanden vor die Tür.“ Bei Wohnungen mit Sozialbindung müsse aber von solchen Mietern eine Fehlbelegungsabgabe gezahlt werden. In Zeiten der Finanzkrise, zwischen 2009 und 2013, seien relativ viele Wohnungen leer gestanden, erinnert sich Burghardt. „Damals gab es Widerstände von der CDU, als es darum ging, neue Baugebiete auszuweisen.“ Man habe befürchtet, dass Besitzer bestehender Wohnungen damit schleichend enteignet würden.

Dem jetzigen Wohnungsmangel begegnet die Stadt mit der Ausweisung von städtischen Grundstücken, auf denen kostengünstige Mehrfamilienhäuser gebaut werden können. Insgesamt 46 neue Wohnungen sollen so entstehen, auch wenn die Maßnahmen zum Teil unpopulär seien. Burghardt weiß: „Die Menschen mögen es nicht, wenn sich ihr Umfeld ändert.“ Das gelte für den Schotterparkplatz an der Dreieichstraße (12 potenzielle Wohnungen) ebenso wie für den Parkplatz an der Berliner Straße (ebenfalls 12 potenzielle Wohnungen). Trotzdem müsse dort gebaut werden. 25 öffentlich geförderte Seniorenwohnungen entstehen zudem in der Ökosiedlung (Plantation/Petterweiler Holzweg). Das hat der dortige Investor zugesichert.

Bauträger gesucht

Aber so ein Gebäude entstehe auch nicht von heute auf morgen. „Für das Grundstück an der Dreieichstraße muss der Bebauungsplan geändert werden, das dauert mindestens ein halbes Jahr“, erklärt Burghardt. Dort sei Erbbaupacht vorgesehen, damit die Stadt die Sozialbindung behalten könne. Bei einem Grundstücksverkauf laufe die Sozialbindung nach 15 bis 20 Jahren aus. Derzeit suche die Stadt für das Projekt nach einer Wohnungsbaugesellschaft. Auch an der Alten Grenzstraße 11–13, wo die Stadt selbst bauen will (sechs potenzielle Wohnungen), gehe das nicht von heute auf morgen. Zuerst müssten Pläne gemacht und Förderanträge an das Land gestellt werden.

Auf dem Areal an der Berliner Straße dagegen könne relativ schnell ein neues Mehrfamilienhaus in die Höhe wachsen. Das Gelände sei baureif. „Ich hoffe, dass wir jemand finden, der die Sache zügig angeht“, so Burghardt. Dieses Jahr werde aber wohl auch dort noch nichts fertig.

Für Tanja Sauerbeck ist das kein Trost. Sie hat Existenzängste – und versucht weiterhin, alle Hebel in Bewegung zu setzen. Sogar beim Tierschutzverein hat sie schon angefragt, auch weil sie und ihr Lebensgefährte einen vierbeinigen Mitbewohner haben, der mit ihnen umziehen muss: Den Retriever-Mischling Ricci.

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