Gentleman-Jongleur Jeton schleudert mit seiner Fußspitze die vierte weiße Tasse auf den Stapel aus Untertassen und Tassen, den er auf dem Kopf trägt. Die Zuschauer sind perplex, aber Assistentin Carmen weiß, dass die Tasse gut landen wird. Unser Bild entstand vor gut einem Jahr bei der Vorstellung "Viva Varieté" im Forum Friedrichsdorf.
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Gentleman-Jongleur Jeton schleudert mit seiner Fußspitze die vierte weiße Tasse auf den Stapel aus Untertassen und Tassen, den er auf dem Kopf trägt. Die Zuschauer sind perplex, aber Assistentin Carmen weiß, dass die Tasse gut landen wird. Unser Bild entstand vor gut einem Jahr bei der Vorstellung "Viva Varieté" im Forum Friedrichsdorf.

Weltklasse-Artist in Pandemie-Zwangspause

Vor einem Jahr stand Gentleman-Jongleur "Jeton" in Friedrichsdorf auf der Bühne

  • vonChristiane Paiement-Gensrich
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Jens Thorwächter berichtet, wie er die Zeit ohne Zuschauer erlebt.

Friedrichsdorf - Auf dem Kopf trägt er vier Tassen samt Untertassen, alles ordentlich aufeinandergestapelt. Das Geschirr hat er zuvor Stück für Stück per Fuß mit einem gezielten Kick hinaufbefördert. Gentleman-Jongleur "Jeton" alias Jens Thorwächter gehört zur Weltspitze seiner Zunft. Vor gut einem Jahr hat der elegante Artist und Conférencier in Friedrichsdorf bei "Viva Varieté" die Gäste zum Staunen gebracht. Unter anderem, weil er in die oberste Tasse auch noch ein Stückchen Zucker und einen Kaffeelöffel geschleudert hat. Es war einer seiner letzten Auftritte vor dem ersten Corona-Lockdown.

Die Maßnahmen zum Schutz vor einer Ansteckung mit dem heimtückischen Virus haben den Kulturbetrieb - bis auf eine kurze Phase im Sommer - zum Erliegen gebracht. In Friedrichsdorf fielen jetzt auch die beliebten Varieté-Abende aus. Andere Veranstaltungen werden immer wieder verschoben - für viele Künstler eine schwierige Situation.

"Es gibt keine Planbarkeit", sagt Jeton. "Kein konkretes Datum, zu dem es wieder losgeht." Das sei das Schlimmste. "Die Veranstalter können keine Termine nennen." Die Corona-Vorsichtsmaßnahmen verstehe er. "Aber es ist niederschmetternd, wenn man hundertprozentig fit und motiviert ist und trotzdem nicht arbeiten darf."

Die finanzielle Unterstützung durch den Staat sei ein Kapitel für sich. "Erst nach rund 100 Tagen kam die Novemberhilfe. Diese Zeit musste mit privaten Ersparnissen überbrückt werden", berichtet er. Künstler seien es zwar gewöhnt, dass ihre Einnahmen schwankten und hätten sich darauf eingestellt. "Aber nennen sie mir jemand, der ein Jahr ohne Einkommen und ohne Unterstützung zurechtkommt. Da muss oft das Geld angegriffen werden, das für die Altersvorsorge zurückgelegt worden war." Hinzu komme: Gerade Kleinkünstler würden nicht genug unterstützt.

Viele Auftritte im Ausland

Bis Mitte März vorigen Jahres sei er, zusammen mit seiner Lebenspartnerin Carmen Bucur, in ausverkauften Häusern aufgetreten. "Carmen ist auf der Bühne meine Assistentin und zugleich Show-Schnellzeichnerin", erklärt Jeton. "Unsere beiden Genres hatten ihre Blütezeit in den Varietés der 1920er-Jahre." Seit einiger Zeit sind sie wieder sehr beliebt. Der Gentleman-Jongleur hantiert nicht nur mit Tassen, sondern auch mit anderen Alltagsgegenständen, die er dabei hat, wie Hut und Stock oder mit Dingen, die er im Salon vorfindet. Billard-Queues und Wandspiegel zum Beispiel.

Schon seit 25 Jahren begeistert Jeton mit seiner Kunst. "Unsere Buchungslage war immer sehr gut. Und jetzt ist es wie abgeschnitten." Die Engagements des Paares, das in Hattersheim wohnt, seien zu rund 60 Prozent im Ausland gewesen. Australien, Neuseeland, Japan, die USA, Frankreich und die Schweiz gehörten dazu. "Und im Sommer sind wir immer viel auf amerikanischen Kreuzfahrtschiffen aufgetreten." All das ist jetzt nicht möglich.

Die letzte Vorstellung der Beiden vor dem ersten Lockdown war Mitte März in Frankreich. "Wir waren dort, in Adrézieux-Bouthénon nahe St. Etienne, zu einer Zaubergala eingeladen und haben auch einen Preis erhalten", berichtet der Artist. "Am Freitag, 13. März, kam mittags die Nachricht der französischen Regierung, dass alle Theater mit mehr als 100 Zuschauern schließen müssen. Und aus Deutschland hörten wir, dass Grenzkontrollen eingeführt werden." Die Show am 14. März fand dann zwar statt, aber nur vor 46 Zuschauern, bestehend aus dem Organisationsteam, den freiwilligen Helfern und Vertretern der Stadt.

Eigentlich wollten die beiden deutschen Künstler damals noch zwei bis drei Tage in der Region bleiben. "Aber wir sind dann direkt zurückgefahren." Am Grenzübergang "Goldene Bremm" bei Saarbrücken stand da schon ein Sanitätszelt. "Da wurden alle Einreisenden befragt, ob sie sich gesund fühlten."

Mit dem ersten Lockdown hatten sich die Künstler noch einigermaßen abgefunden. "Da gingen wir alle davon aus, dass die Sache nur drei oder vier Monate dauern würde." In der Zeit hätten sie Verträge verlegt und abgesagte Verträge abgewickelt.

Im Sommer folgte ein dreiwöchiges Engagement in Hamburg. "Das Theater war komplett umgebaut worden, im Zuschauerraum waren die Plätze von rund 400 auf 200 reduziert, alles war Corona-konform geregelt. Die Auftritte waren so organisiert, dass sich die Künstler beim Gang auf die Bühne nicht begegneten. Und hinter der Bühne trugen alle Künstler Masken."

Wenn der Funke überspringt

Aber dann kam der zweite Lockdown. Nicht mehr auftreten zu dürfen, nicht mehr Emotionen wecken und Menschen begeistern zu können, das sei das Härteste. "Als Künstler wird mir meine Seele genommen", sagt Jeton. Und: "Varieté ist ein ganz wichtiger kultureller Faktor, weil es viele Menschen - alt und jung - unterschiedlich anspricht. Der Funke springt über, die Menschen lachen und applaudieren. Sie vergessen ihre Alltagssorgen." Künstler bedeuteten nicht nur Zeitvertreib.

Womit er die Zwangspause füllt? "Ich trainiere mehrere Stunden täglich", berichtet Jeton. Als Jongleur müsse er unbedingt in Übung bleiben, den Stand halten, den er vor dem Lockdown hatte und seine Kunststücke weiterentwickeln. Das erfordere viel Disziplin. "Zum Glück habe ich einen Trainingsraum, in den ich gehen kann." Einen neuen Jonglage-Trick erarbeite er gerade. "Ein paar Wochen brauche ich noch." Das Drechseln hat er sich auch beigebracht und neue Requisiten gebaut.

Immerhin: Anfang Februar ist er in der Fernsehsendung "Sag' die Wahrheit" aufgetreten. Und er absolviert seit rund einem Jahr ein Fernstudium. "Im März ist meine Abschlussprüfung als Bachelor in Zirkuskünsten." Carmen habe inzwischen eine neue Nummer entwickelt: "Schnellzeichnen verknüpft mit Magie."

Online-Auftritte sind nichts für ihn. "Das lässt sich nur für bestimmte Künstler monetarisieren", erklärt Jeton. Filmsequenzen seiner Auftritte seien auf seiner Homepage zu sehen. "Aber das ist nicht dasselbe, wie ein Live-Erlebnis. Es transportiert die Emotionen nicht, man wird nicht mitgerissen." Es sei eher, wie vor dem Fernseher zu sitzen. "Für die Pandemie-Zeit ist das sicher eine gute Übergangslösung, aber als Ersatz für Live-Auftritte wäre das eine schlimme Zukunftsvision."

Klar sei: "Wenn eines Tages wieder Vorstellungen erlaubt sind, dann werden sie anders sein, als vor der Pandemie." Undenkbar, dass ein Künstler wieder in den Zuschauerraum hinuntersteigt, einen Gast an der Hand nimmt und ihn auf die Bühne bittet. Aber wenn das das einzige Problem wäre, das ließe sich lösen.

Wer sich schon jetzt wenigstens ein bisschen von Jeton und Carmen bezaubern lassen möchte, der kann auf ihre Homepage schauen: www.jeton.info

Von Christiane Paiement-Gensrich

Schnellzeichnerin Carmen hat in Windeseile ein Selbstporträt aufs Papier gezaubert.
Jeton und Carmen als Preisträger beim Internationalen Circusfestival in Budapest (Ungarn).

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